KINO Hohles Pathos
Eigentlich soll man Brillenträger nicht schlagen. Doch Neo, der von Keanu Reeves verkörperte Held der »Matrix«-Filme von Larry und Andy Wachowski, lässt seinen Kontrahenten keine andere Wahl. Denn er setzt vor dem Kampf meist dunkle Sonnengläser auf - und kam bisher stets unbeschadet davon.
In »Matrix Revolutions«, dem dritten und letzten Teil der Trilogie, muss er für diesen Leichtsinn büßen - er wird bei einer Prügelei von seinem Gegner geblendet, trägt fortan eine Augenbinde und geht als blinder Seher durch die Welt.
In »Matrix Revolutions« rüsten sich die Menschen, die durchschaut haben, dass sie nur Sklaven und Energiespender der Maschinen sind, zur Entscheidungsschlacht. Sie haben die Matrix - die Scheinwelt, in der sie gehalten wurden - verlassen und wollen die Wirklichkeit zurückerobern.
Doch bevor es dazu kommt, reden sich die Figuren den Mund fusselig. Jeder Film von Eric Rohmer wirkt dagegen wortkarg. Sätze von universaler Gültigkeit ("Auch Kekse brauchen Liebe") werden ins schier Unendliche ausgewalzt. Dank einer Dramaturgie des ständigen Aufschubs haben die Helden alle Zeit der Welt.
Zehn Minuten habe sie gebraucht, um ihre Stiefel zu schnüren, erzählt etwa die von Carrie-Anne Moss gespielte Heldin Trinity. Das sagt sie auch noch ganz unverhohlen! Und weil Erzbösewicht Agent Smith (Hugo Weaving) immer noch nicht beim Sprachtherapeuten war, redet er nach wie vor in Superzeitlupe. So gerät der Film zu einer monströsen Lebenszeitvernichtungsmaschine, die dem Publikum fast alle Energien raubt, bevor es richtig losgeht.
Als das Laberkino dann mitten im Film jäh dem Ballerkino weicht, wird der Zuschauer zwar kurz aus seiner Lethargie gerissen, muss dafür aber ein Mobilmachungs- und Kampfpathos über sich ergehen lassen, das so hohl ist wie die Geschosshülsen, die in den »Matrix«-Filmen zu Tausenden herabregnen.
Am Ende feiert »Matrix Revolutions« seinen Helden so ungebrochen als Erlöser und lässt ihn in einem derart strahlenden Licht erscheinen, dass man im Kino unwillkürlich die Augen schließt - aus Furcht, von so viel falschem Glanz geblendet zu werden. LARS-OLAV BEIER