Hormonstau im Hamsterrad - DER SPIEGEL
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THEATER Hormonstau im Hamsterrad

Bekannt wurde Roland Schimmelpfennig mit verträumten Stücken über Stadtneurotiker. Sein neues Drama erzählt vom Triebleben in deutschen Büros.
• aus DER SPIEGEL 46/2001
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Kalt duschen ist auch keine Lösung, und Sex haben fast immer nur die anderen. Sabine, die seit zwei Jahren keinen Mann mehr im Bett hatte, fühlt sich trotz der allmorgendlichen Abkühlung »furchtbar«. Frank geilt sich abends vorm Computer an Pornoseiten auf. Hans reagiert sich auf dem Hometrainer ab. Nur Robert und Patrizia tun es - was sich, wenngleich hinterher beide »Es war der beste Sex, den ich je hatte« jauchzen, zumindest für einen von beiden als übler Karriere-Fehltritt erweist.

Sehr ulkiger, sehr heutiger Erzählstoff ist das - aber gehört derlei Trieb- und Liebesnotstand, wie man ihn aus Kinofilmen und US-Fernsehserien wie »Sex and the City« oder »Ally McBeal« kennt, wirklich auf eine Schauspielbühne?

Erzählen uns nicht die Theater-Weisen fortwährend, dass über Macht und Sex und Geld alles schon bei Shakespeare, Molière oder Schillern so gut gesagt ist, wie's ein Gegenwartsdramatiker nie hinbekäme?

Alles Gelehrtengelaber. In Roland Schimmelpfennigs neuem Stück »Push up 1 - 3«, das am Wochenende in der Berliner Schaubühne Premiere hatte und demnächst in Hamburg, Dresden und wohl noch viel mehr deutschen Städten zu bestaunen ist, finden sich Sätze und Szenen, die man bei allen Klassikern dann doch vergeblich sucht: »Ich lege meine Hände an ihre Taille und drehe sie zu mir«, berichtet da zum Beispiel Robert über den Beischlafakt, der am Rand einer Party spielt und logisch im Büro des Chefs, »wir küssen uns. Ich drücke sie gegen das Fenster und schiebe ihr Kleid hoch. Wir haben Sex. Leidenschaftlichen, heftigen Sex.«

»Push up« ist ein geradliniges, mitunter banales und oft hartgesottenes Stück in der Tradition zupackender amerikanischer Dialogschreiber wie David Mamet. Komisch, drastisch und ohne falsches Mitleid für seine Helden berichtet es vom Hormon- und Beförderungsstau in der Angestelltenwelt der globalisierungsbesoffenen Ökonomie: Da schleudert die Chefin den Inhalt einer Kaffeetasse aufs Kostüm der jungen Aufsteigerin, die sie für die Geliebte ihres Gatten hält; da strecken sich Ehrgeizlinge aller Altersklassen aus dem Hamsterrad, um einen Traumjob im fernen Indien zu ergattern - denn der führt, wie es heißt, »auf kurz oder lang in die Spitze des Konzerns«.

Für den Dramatiker Roland Schimmelpfennig, 34, ist »Push up« schon der zweite Spielplanknüller in Folge. Zuletzt hatte fast ein Dutzend deutsche Bühnen sein Märchenspiel »Die arabische Nacht« ins Programm genommen, in dem die Bewohner eines Hochhauses irgendwo in Deutschland von einem orientalischen Zauber heimgesucht werden: Das »kleine Glanzstück«, so schwärmte die »Frankfurter Allgemeine Zeitung«, habe das Zeug, »das Theater zum Träumen, Tanzen, Schweben zu bringen«.

Das Verzauberte, Verträumte war bisher so was wie Schimmelpfennigs Spezialfach. Der Mann, der mit seiner Hornbrille und seinem oft leicht vorgeneigten Kopf selbst so aussieht, wie sich der kleine Max einen Großstadtneurotiker vorstellt, brachte mit Stücken wie »Keine Arbeit für die junge Frau im Frühlingskleid« oder »Vor langer Zeit im Mai« ein bisschen Magie ins Leben deutscher Stadtbewohner - und erzählte in akkurat gezimmerten, oft schwärmerisch lyrischen Miniaturen von Seelennot und Einsamkeit. Allerdings ohne jede Ambition, aus dem Leiden seiner Helden eine soziale Anklage zu basteln: »Das Lamento habe ich immer zu vermeiden versucht«, sagt der Autor.

Die formale Raffinesse, die seine Stücke mehr und mehr auszeichnet, verdankt er den Mühen der realen Theaterarbeit. Schimmelpfennig, in Göttingen aufgewachsen, wollte eigentlich Regisseur werden, studierte an der Münchner Falckenberg-Schule und war ein paar Jahre lang Assistent des damaligen Kammerspiele-Chefs Dieter Dorn.

Nach einem Intermezzo als freier Autor verdingte er sich als Dramaturg an Thomas Ostermeiers Berliner Schaubühne. Der gelang ausgerechnet mit Barbara Freys Inszenierung des Liebestrauer-Reigens »Vor langer Zeit im Mai« ihr bislang wohl größter Erfolg bei Publikum und Kritik.

Trotzdem hat sich Schimmelpfennig aus seinem Dramaturgen-Job nun verabschiedet: Weil er mehr Zeit zum Schreiben und zum Leben braucht. »Die schönen, aber anstrengenden zwei Jahre an der Schaubühne«, so sagt er, »kommen mir im Nachhinein vor wie ein endloser Tunnel.«

Könnte sein, dass »Push up« auch sonst einen Weg ins Freie markiert - raus aus dem Tunnel der Verklärung, hin zu einem nurmehr leicht magischen, punktgenauen Realismus. Er selbst sieht in seinem Aufsteigerdrama eine Abrechnung »mit den neunziger Jahren der Bundesrepublik, in denen sich alle nur noch um den Karrieretrip scherten, ums reine Funktionieren«.

Schimmelpfennigs allerneuestes Stück, gerade fertig gestellt, ist ein Riesenwerk, in dem 32 Figuren auftreten - und ein Geschenk für jene Fans, die in ihm einen neuen Botho Strauß sehen (oder besser: den virtuosen Menschenskizzierer, der Botho Strauß in seinen Frühwerken war). Auch in diesem neuen Drama geht es um das seltsame Gebaren geschlechtsreifer Großstädter zur Schlafenszeit, um zerplatzte Hoffnungen, Horrorvisionen - und natürlich um den Sex, den meist nur die anderen haben. Das Stück trägt den schönen Titel »Vorher / Nachher«. WOLFGANG HÖBEL

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