ARCHITEKTUR Hort der Widersprüche
Über die Auftritte und modischen Vorlieben der britischen Königin Elizabeth II. wissen die Illustrierten fast alles, von den Gefühlen der Queen aber fast nichts. Nur einmal gab Ihre Majestät einen Anhaltspunkt und bekannte, »not amused« zu sein. Seither analysieren die Hofberichterstatter bei jeder Gelegenheit, ob sie »amused« wirke oder mal wieder »not amused«.
Am Montag dieser Woche reist die Queen nach Berlin. Es ist ihr fünfter Besuch in dieser Stadt, und diesmal kommt sie, um die neue britische Botschaft einzuweihen. Das Gebäude steht in der Nähe des Brandenburger Tors, in der Wilhelmstraße, also an exakt jenem Ort, an dem schon einmal eine Botschaft des Vereinigten Königreichs stand; sie wurde im Krieg durch - britische - Bomben zerstört.
Das neue Gebäude und seine Entstehungsgeschichte dürfte - da können die Hofberichterstatter ganz beruhigt sein - die Queen in jeder Hinsicht amüsieren. Der Architekt Michael Wilford, Untertan der Königin, hat sich damit ein echtes Narrenstück geleistet.
Weil Wilford, 61, bekannt ist für fröhliche Streiche (das kunterbunte Wissenschaftszentrum am Berliner Kulturforum ist ebenfalls von ihm), war die Baubranche überrascht, dass ausgerechnet er 1995 den Zuschlag für die Errichtung des Repräsentationsbaus bekam. Denn der Standort unterliegt ungewöhnlich harschen Vorschriften: strikte Orientierung am Blockrand, Sandsteinfassade, Mansardendach, Traufhöhe von 22 Metern - der Senat lässt bei all dem nicht mit sich scherzen.
Doch der soeben fertig gestellte 75-Millionen-Mark-Bau erfüllt tatsächlich alle Vorschriften. Er schließt brav ans benachbarte Hotel Adlon an, ist genauso hoch und trifft mit seiner Fassade exakt den Adlon-Sandsteinton. Und dennoch erweist sich die Anpassung an die Senatsbestimmungen als - im wahrsten Sinne des Wortes - vordergründig.
Denn Wilford hat die schlichte Außenhaut aufgeschnitten. In der Mitte klafft ein riesiges fast rechteckiges Loch, aus dem das Gebäudeinnere herauslacht. Zwei Säle, der eine dreieckig, der andere rund, zeichnen sich unübersehbar in der Fassade ab. Sie sind mit kräftigen Farben markiert: mal türkis, mal lila - ungewohnt grelle Tupfer in all der Sandsteinstille.
Das trickreiche Spiel zwischen Anpassung und Eigensinn setzt Wilford munter fort. Im Innenhof des Gebäudes steht eine Eiche. Die Nachricht, dass ein Baum mit urdeutschem Image die britische Botschaft schmücken soll, wurde von den Berliner Tageszeitungen freudig aufgegriffen und als Kompliment für Deutschland gewertet. Doch der Architekt und alle Verantwortlichen werden nicht müde zu betonen, dass die Eiche genauso ein Symbol für England sei, die Deutschen sich also nicht allzu viel auf das Grünzeug einbilden sollten.
Das ganze Botschaftsgebäude erweist sich als Hort gezielt gesetzter Widersprüche. Der großzügige Treppenaufgang etwa, der zu einem überglasten Empfangssaal führt, ist seriös in graublauem Stein gehalten. Eine Farbe, die ganz vorzüglich zur vornehmen Business-Kleidung der Damen und Herren Botschafter passen dürfte. Doch die Decke, die über der Treppe schwebt, leuchtet knallrot - wehe dem, der hier keine Kontraste mag.
»Es gibt Regeln, und es gibt die Möglichkeit, Regeln zu interpretieren«, kommentiert der Architekt seine vielen Verwirrspiele. Er lächelt dabei listig und streicht seine Krawatte zurecht. Die ist bonbonbunt gestreift, Wilford trägt sie zu einem edlen beigefarbenen Anzug, beigefarbenen Schuhen und - feuerwehrroten Socken. Der Mann meint seine Späße ernst. SUSANNE BEYER