BUCHER NEU IN DEUTSCHLAND Hübsche Narbe
»Kaum ist der eine weg und fertig«, schrieb um 1907 Fräulein Julie in ihr Tagebuch, »wächst Dir der andere entgegen.« Julie Schrader, die der Kontinuität der Liebe nachsinnt, hat ihre erotischen Erfahrungen als Hausdame gesammelt. Ihre erste Brotherrin, eine verwitwete Baronin, sah manchmal Carl Sternheim, den Dramatiker, bei sich: »Die Baronin sagt, daß er ein Wüstling Ist. Das ist er nicht. Er ist höchstens ein Sozialdemokrat, der glaubt, daß es Gerechtigkeit ist, wenn er junge Mädchen im Bett überfällt.«
Der Harburger Industrielle, dem Julie dann diente, schmückte seine Tafel mit Musik-Berühmtheiten. Leo Fall weint, als ihn Julie abweist. Paul Lincke« immer auf Beziehungen bedacht, scheint sich nur wenig aus dem armen Kind zu machen, und auch Siegfried Wagner, Richards Sohn, hält sich zurück: »Als ich ihm einige Fäden von dem Frack und den Beinkleidern ablas, errötete er marzipanhaft und zischte, daß ich die Hände sofort von ihm nehmen sollte, was ihm sicherlich die Mama gesagt hat, daß er"s so tun soll!« Mit dem Balladendichter Börries von Münchhausen kam die Frohnatur besser zurecht: »Mein Junikäferchen, mein Herzensbaron« mein Dichter. Und du hast keinen Blinddarm mehr ... Welch eine hübsche Narbe!«
Ein Großneffe der Julie Schrader, Bernd W. Wessling, bringt nun all die herrlichen und einige mehr peinliche Affären auf den Markt. Er hat das nachgelassene Tagebuch, einige Familienbriefe und die -- ohne Vorsatz und in Grenzen -- komischen Gedichte für den Druck gesichtet und zurechtgemacht. Die Schelmerei, die seine Zwischentexte ungenießbar macht, scheint auch die Dokumente nicht verschont zu haben. Zum unfreiwilligen Humor kommt der gewaltsame, und häufig ähneln sie einander arg.