SCHALLPLATTEN NEU IN DEUTSCHLAND Humane Mitte
In der humanen Mitte, zwischen Wehleidigkeit und Aufruhrgeste, hat sich Frankreichs neuester Chanson-Star etabliert: der Bühnen- und Filmschauspieler Serge Reggiani.
»Sparen Sie sich Ihre Tränen und Ihre Sarkasmen«, verteidigt er auf seiner zweiten Langspielplatte eine Frau, »die schon lange keine Zwanzig mehr« ist »Ihr muder Leib wurde allzuoft liebkost und allzuoft, doch immer zu schlecht geliebt.«
Nicht die rebellischen Jungen, eher die strapazierten Erwachsenen fühlen sieh verstanden, wenn Reggiani wissend zu konventioneller Bar-Musik von der Freiheit singt, die er verraten hat, »um des Gefängnisses der Liebe und seiner schönen Kerkermeisterin« willen, wenn er über die Einsamkeit reflektiert, oder nach einem Text von Boris Vian an den Tod denkt: »Wenn in meinem Schädel Wind sein wird / Wenn ich nichts als Wind auf den Knochen haben werde / Wird man vielleicht glauben, ich hätte mich lustig gemacht / Aber das wäre ein falscher Eindruck / Ah, wie tut es weh / Alt zu werden.«
Reggianis Chanson-Interpretationen profitieren entschieden von Reggianis Schauspieler-Vergangenheit; am hörbarsten in den Sprechtexten von Baudelaire, Prévert, Appollinaire und Rimbaud, die er seinen Chansons zur Einstimmung voranstellt.
Zu jakobinischer Brillanz findet der Chanteur Reggiani in seinem Glanzstück »Die Wölfe haben Paris betreten«, einer Allegorese auf die Besetzung und Befreiung Frankreichs im Zweiten Weltkrieg.
»Die Menschen hatten den Geschmack / am Lehen verloren; es war ihnen alles egal. / Für sie war das alles nur Kino.« Denn: »Die Wölfe waren weit von Paris / in Kroatien / in Germanien.« Doch: »Die Wölfe haben nach Paris geblickt. / Die Wölfe haben Paris betreten. / Hundert Wölfe haben Paris betreten. / Die Wölfe sind in Paris eingefallen. / Die Wölfe haben Paris verlassen.«
In der Politik bleibt Reggiani freilich bei Allegorien. Die Widrigkeiten, die er besingt, scheinen, solange er singt, bereits überwindbar mit jenem wirklichen Glauben an die Macht der Persönlichkeit, den Reggiani zu wecken versteht -- in neuer Nuancierung und durchaus gekonnt.