HLASKO Hund, Peitsche, Tod
Er war schon fast abgeschrieben.
»Polens zornigster junger Mann ist verstummt«, konstatierte Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki im Oktober 1959.
Jetzt, dreieinhalb Jahre später, macht Marek Hlasko, mittlerweile 29, wieder laut genug von sich reden.
Der Autor des »Achten Tags der Woche« und der antistalinistischen Erzählung »Die Friedhöfe«, der trinkfeste literarische Naturbursche (Hlasko: »Schreiben ist fast so gut wie Saufen"), der nach Schlägereien zeitweilig inhaftierte Israel-Hospitant und Ehemann Sonja Ziemanns hat, nach Jahren der Unproduktivität, nicht nur ein neues Buch zustande, sondern auch gleich zwei Verlage dazu gebracht, für dieses Buch Reklame zu machen.
Im »Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel« hatte der Verlag Rütten & Loening (früher in Hamburg, jetzt in München) Mitte März die Auslieferung des Hlasko-Romans »Peitsche deines Zorns« angekündigt und dabei
mit starken Worten nicht gegeizt: »Der Roman einer in ihrer Intensität maßlosen Liebe ... Roman von letzter Unbedingtheit des Engagements ... Impuls von bestürzender Totalität.«
Knapp zwei Monate später, am 7. Mai, meldete sich Rütten & Loening wiederum im »Börsenblatt« zu Wort - diesmal jedoch mit der Nachricht, daß Hlaskos bestürzende Totalität »zurückgezogen« worden sei: »Exemplare ... die irrtümlich noch etwa in den Buchhandel geraten sein sollten, bitten wir umgehend an uns zurückzuschicken.«
Statt dessen warb nun - auf derselben »Börsenblatt«-Seite - der Kölner Verlag Kiepenheuer & Witsch für die Hlasko-Novität. Verleger Joseph Caspar Witsch ließ Deutschlands Sortimenter wissen, daß Hlaskos neuer Roman »dem Rechte und dem Wunsche des Autors nach« an den Verlag in Köln« zurückgefallen« sei, dort im Herbst dieses Jahres unter dem ursprünglichen Titel »Tod der Liebenden« erscheinen und dann »eine bedeutende Rolle spielen« werde.
Die Affäre, die aus der Peitsche des Zorns einen Liebestod machen wird, hatte schon 1958 begonnen - mit einem Fleischerhund.
Autor Hlasko, damals als jung-polnischer Nonkonformist, als eine Art Prä -Jewtuschenko auf Reisen im Westen gefeiert, vereinbarte im Frühjahr 1958 mit Kiepenheuer & Witsch eine deutsche Edition seiner zum Teil schon in Polen erschienenen, meist kraß realistischen Kurzgeschichten (der Band »Der achte Tag der Woche« erschien Ende 1958). Gleichzeitig schloß er mit dem Kölner Verlag einen Optionsvertrag auf einen noch zu schreibenden Roman, für den Hlasko spontan den Titel »Der Hund des Fleischers« erfand.
Auf dieses Werk, das der junge Autor bis Ende 1958 fertigstellen sollte,
wartete Verleger Witsch jedoch vergebens.
Im Oktober 1958 suchte Hlasko, der bei Gomulka in Ungnade gefallen war, in Westberlin um Asyl nach. Nach seinem Absprung in den Westen hätte ein neues Buch des polnischen Schriftstellers, für den sein deutscher Verleger Witsch nun das Welt-Copyright verwaltete, erhöhte Attraktivität besessen. Doch Hlaskos Schreibkraft versiegte im Exil. Sein rabiates, im Grunde unpolitisches Temperament, das ihn mit dem kommunistischen Regime in Polen kollidieren ließ, kam mit westlichen Verhältnissen ebensowenig zurecht. Verleger Witsch: »Er ist ein Kind, das manchmal einfach um sich schlägt.«
1959 schlug sich der exilierte Ost -Beatnik, zum Teil mit harter Muskelkraft, in Israel durch. Er schuftete, trank, randalierte und raufte, er wurde eingesperrt und von Heimweh nach Polen geplagt. 1961 heiratete er in London die Hauptdarstellerin des »Achten Wochentag«-Films, Sonja Ziemann. Nur schreiben, etwa den von Witsch bevorschußten »Hund des Fleischers«, tat der Schriftsteller kaum.
In Ermangelung eines neuen Hlasko brachte Buchmacher Witsch 1960 ein älteres Hlasko-Werk heraus: den Lastkraftwagenfahrer-Roman »Der Nächste ins Paradies«. Über Modalitäten einer geplanten Verfilmung dieses Romans kam es zwischen Verleger und Autor zu Zwistigkeiten.
Es war diese »Verärgerung« (Witsch), die Marek Hlasko Ende 1961 bewog, den neuen Roman »Tod der Liebenden« - Frucht seiner wiedererwachten Produktivität und seiner israelischen Erfahrungen (Hlasko: »Israel hat mich gerettet") - einem anderen Verlagshaus zukommen zu lassen. Der dem Bertelsmann-Konzern angeschlossene Verlag Rütten & Loening, von Hlasko in dem Glauben bestärkt, der Autor könne über die Rechte an diesem Werk frei verfügen, bevorschußte seinerseits den Romancier, verhalf ihm - auch vor Ehefrau Sonja - zu ruhiger Schreibgelegenheit, akzeptierte das teilweise in Gütersloh fertiggestellte Manuskript, ließ es aus dem Polnischen übersetzen und kündigte die Veröffentlichung des in »Peitsche deines Zorns« umbetitelten Romans für das Frühjahr 1963 an.
Die Rechnung war jedoch ohne den Witsch gemacht. Kaum hatte der Kölner Verleger von der geplanten Neuerscheinung erfahren, machte er alte Rechte geltend. Witsch pochte auf den »Hund des Fleischers« und ließ auch das Argument nicht gelten, daß dieses Titel-Tier im »Peitsche«-Buch gar nicht vorkomme.
Witschs Einspruch gegen die Hlasko -Publikation bei Rütten & Loening blieb zunächst ohne Erfolg. Erst als der Kölner Verlagsherr einen alten Hlasko-Brief vorweisen konnte, in dem der Autor andeutete, sein geplanter Roman werde nicht vom Fleischerhund, sondern von Israel handeln, steckten die Münchner Verlagsleute zurück - Marek Hlasko, der die gerichtliche Auseinandersetzung scheute, war reumütig zu Witsch zurückgekehrt: »Hier bin ich, mit reinen, leeren Händen.« Der Verleger erwähnte
die Vorschüsse, die er immerhin in diese Hände gesteckt hatte, und nahm den geknickten Rebellen versöhnt wieder auf. Rütten & Loening-Chef Ivo Frenzel: »Witsch hat Hlaskos slawische Seele massiert.«
Die am 7. Mai durch »Börsenblatt« -Inserat dokumentierte Einigung zwischen Witsch, Hlasko und dem Verlag Rütten & Loening (Verlagslektor Horstmann: »Die sachliche Meinungsverschiedenheit wurde im Wege kollegialen Einvernehmens bereinigt") kam freilich nicht mehr ganz rechtzeitig. Der Münchner Verlag hatte das Streitobjekt bereits in Druck gegeben, und einige Exemplare waren auch schon in den Buchhandel gelangt. Überdies waren Besprechungs-Exemplare der »Peitsche deines Zorns« an westdeutsche Feuilleton-Redaktionen verschickt worden.
Fieberhaft mühte sich der entrechtete Hlasko-Verlag, den »Peitschen«-Vertrieb und drohende Rezensionen des Fehldrucks abzustoppen. Bei der »Deutschen Zeitung« war nichts mehr zu bremsen: Schon am 27. April hatte das Kölner Blatt den »ausgezeichnet erzählten«, aber stellenweise »kolportagehaften« Roman ausführlich gewürdigt.
Schauplatz der robust-realistischen Story ist Israel. Kern der Handlung ist - laut »DZ«-Rezension - »die zur Rache pervertierte Gerechtigkeit, das Nichtvergessenkönnen einmal erlebter Schande und Ohnmacht«. Zwei russische Flieger, Isaak und Abakarow, die in deutscher Kriegsgefangenschaft waren und nach Kriegsende nicht in die Sowjet -Union zurückgekehrt sind, arbeiten als Piloten für eine israelische Privatfirma. Isaak spürt einen ehemaligen deutschen Bewacher auf und enthauptet den Gehaßten mit einem Draht. Isaak wiederum wird durch einen arroganten polnischen Vorgesetzten in den Tod getrieben. Freund Abakarow schließlich bringt den Polen um.
Zum Schluß scheitert auch noch Abakarows Liebe zu der Filmschauspielerin Katarina, über die Kritiker Franz Norbert Mennemeier in der »Deutschen Zeitung« befand, sie sei allzu offenkundig nach dem »literarisch verbrauchten Nymphomaninnentyp vom Stil der whiskytrinkenden Brett aus Hemingways 'Fiesta'« modelliert.
Nicht an literarische Vorbilder, sondern an reale eigene Erfahrungen hielt sich der Autor bei der Schilderung der Flugpraxis seiner beiden Helden. Realist Hlasko, der heute abwechselnd in München und St. Moritz lebt, machte zur Vorbereitung auf seinen Flieger -Roman in der Schweiz das Piloten -Examen.
Manche Schwächen der »Peitsche deines Zorns« lastet Verleger Witsch der von Rütten & Loening bestellten deutschen Übersetzung an. Wenn im Herbst der »Tod der Liebenden« erscheint, sollen diese und andere Mängel behoben sein - nicht zuletzt durch Nachhilfe des Autors selbst, der gegenwärtig zusammen mit amerikanischen Filmleuten in Madrid am Drehbuch für die Verfilmung seines Romans »Der Nächste ins Paradies« arbeitet.
Im übrigen hält Witsch auf das heimgeholte Enfant terrible seines Verlages große Stücke. Witsch über Hlasko: »Der ist in zehn Jahren einer der größten Autoren Europas oder tot.«
Autor Hlasko, Sonja Ziemann (1960): »Israel hat mich gerettet«