HUNGRIGE HEILIGE - DER SPIEGEL
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HUNGRIGE HEILIGE

Ein Biograf entdeckt die körperlichen Kalamitäten der Johanna von Orléans
• aus DER SPIEGEL 42/2000
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G leich am Anfang seines Buchs entschuldigt sich der Autor bei den Lesern. Eigentlich habe er ein Werk über Frankreich im frühen 15. Jahrhundert verfassen wollen, aber leider, leider sei wieder eine Lebensbeschreibung der französischen Nationalheiligen dabei herausgekommen - »noch ein Buch über Jeanne d''Arc«, kommentiert Heinz Thomas zerknirscht die kaum originelle Wahl seines Themas.

Aber, so verteidigt sich der Bonner Geschichtsprofessor, er habe da wissenschaftliche Fündlein gemacht, aus denen sich neue Thesen über die Kämpferin im Hundertjährigen Krieg zwischen Frankreich und England ergäben, und so musste es einfach diese Biografie werden. Ge-

schenkt, dem Autor sei verziehen. Er liefert in der Tat reichlich Stoff für lustvolle Laienlektüre und genüsslichen Gelehrtentratsch. Spannendste und solide untermauerte Vermutung: Johanna von Orléans (gestorben 1431) habe an Anorexia nervosa gelitten, der berüchtigten Pubertätsmagersucht. Inneres Launengewoge, äußere Ruhelosigkeit, fehlende Monatsblutungen, von diesen typischen Symptomen wissen die Quellen allerdings manches zu berichten. Jeannes Page etwa gab zu Protokoll, die Möchtegern-Heilige habe an manchen Tagen nur ein Stück Brot gegessen. Im Kerker bekam sie einmal einen Karpfen, und der wiederum bekam ihr gar nicht: die Holde spie die halbe Nacht, zu fett das Vieh für ihren askesegewohnten Magen.

Die Stimmen und Visionen, von denen die jungfräuliche Femme fatale heimgesucht wurde und über die ganze Wissenschaftler-Legionen rätselten, könnten von der Magersucht zumindest mit ausgelöst worden sein: Möglicherweise waren es Hungerhalluzinationen.

Neben solch psychiatrischer Ferndiagnose präsentiert Thomas noch einige andere Neuigkeiten. So zieht er gegen jene Biografen zu Felde, die behaupten, die wehrhafte Maid sei eher ein religiöses Maskottchen gewesen und habe gar nicht in die Kriegsführung eingegriffen. Thomas liefert ausreichende Belege für Jeannes ausgeprägte und ausgelebte Kampfeslust.

Manchmal also lohnt es sich, wenn ein Professor vor Entdeckerfreude sein Thema verfehlt. SUSANNE BEYER

* Milla Jovovich im Film »Johanna von Orléans« (1999).

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