»Ich hielt Beethoven für Mist« - DER SPIEGEL
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POP »Ich hielt Beethoven für Mist«

Die isländische Sängerin Björk über ihre musikalische Erziehung, seltsame Schneegeräusche auf ihrem neuen Album »Vespertine« und ihre Absage an die Schauspielerei
• aus DER SPIEGEL 35/2001
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIEGEL: Björk, Sie gelten als sehr merkwürdige, versponnene Person, und doch erreichen Sie als Musikerin ebenso wie als Kino-Darstellerin in »Dancer in the Dark« verlässlich ein Riesenpublikum. Wie erklären Sie sich Ihren Erfolg?

Björk: Ich staune selbst, wie viele Leute sich für meine Kunst, für meinen Blick auf die Welt, für meine Musik interessieren. Aber ich wusste schon immer, dass da draußen eine Menge Menschen herumgeistern, die mindestens so merkwürdig sind wie ich. Die Welt ist voller Exzentriker.

SPIEGEL: Sie geben also zu, eine Exzentrikerin zu sein?

Björk: Natürlich. Es wäre dumm, das abzustreiten. Exzentrisch zu sein bedeutet für mich, dass ich meine Träume und Ideen niemals äußeren Zwängen opfere. Ich folge bei allem, was ich tue, meinem Instinkt und nicht meinem Verstand. Wenn ich einen Song komponiere, tue ich das nach Gefühl. Und wenn ich vor der Kamera agiere, ist das kein technischer Prozess, sondern ich verwandle mich mit jeder Körperzelle in die Figur, die ich spiele. Das heißt, es gibt einen Ort in meinem Kopf, den der Ärger und die Schmerzen der realen Welt nicht erreichen, einen Tempel, in den ich mich zurückziehe. Wenn Sie jetzt anfangen würden, mich zu beschimpfen, würde ich lächeln und mich dorthin verziehen.

SPIEGEL: Und die Millionen von Menschen, die Ihre CDs wie das nun erscheinende neue Werk »Vespertine« kaufen, interessieren sich für diese Welt in Ihrem Kopf?

Björk: Als Musikerin bin ich wohl so was wie das populärste Bindeglied zwischen modernem Pop und zeitgenössischer Avantgarde. Das ist aber nicht kalkuliert. Ich glaube, die Abenteuerlust der Hörer wird unterschätzt. Setzen Sie sich drei Stunden in Ihr Auto und hören Radio, den ganzen Mist, der da gedudelt wird, und auf einmal hören Sie ein Lied, das anders klingt als alles andere - da sind Sie auch begeistert. Die Faszination des Unbekannten ist größer, als die meisten Menschen in der Musikindustrie sich das vorstellen können.

SPIEGEL: Zu Ihren Vorlieben gehört die Verbindung von Melodie und Geräusch. Auf »Vespertine« arbeiten Sie etwa mit dem amerikanischen Experimental-Duo Matmos, das für seine eigenen Songs schon mal den Klang verwendet, der beim Absaugen von menschlichem Fett bei Schönheitsoperationen entsteht. Sehr bizarr.

Björk: Mich begeistert an Musikern wie Matmos, dass sie in komplett anderen Bahnen denken als gewöhnliche Rockmusiker. Im Rock'n'Roll dreht sich letztlich doch immer alles um dieselben paar Akkorde. Dabei ist es eine tolle Idee, zum Beispiel die Geräusche eines Toasters in einen Song zu integrieren. Oder den Klang, der entsteht, wenn man durch den Schnee stapft. Auch das Mischen von Spielkarten klingt sagenhaft sexy. Während der Arbeit an »Vespertine« spielten wir Poker und waren ganz baff, welche Kraft die Geräusche haben, die dabei entstehen.

SPIEGEL: Sie laufen durch den Schnee, es knirscht und kracht, und schon ist die Idee zu einem Lied da?

Björk: Nein, da gibt es kein Schema. Jeder meiner Songs entsteht auf andere Weise. Das Stapfen klingt, wie im Song »Aurora« zu hören ist, zusammen mit einer Harfe und einem Chor einfach sagenhaft schön. Im Übrigen ist der Schnee eine Art Leitmotiv auf »Vespertine«. Das ganze Album ist eine Winterplatte. Komplett introvertiert. Das Werk eines Menschen, der eingeschneit und abgeschnitten vom Rest der Welt in einem Haus sitzt, während im Kamin ein Feuer brennt. Nebenbei liest er aufregende Bücher oder surft mit dem Laptop durch das Internet. Das ist die Stimmung.

SPIEGEL: Trügt unser Eindruck, dass Ihr neues Album bei aller Liebe zum schönen, einfallsreichen Elektropop privater, intimer ist als jedes Ihrer früheren Werke?

Björk: Wissen Sie, ich habe in Punk-Bands mit dem Musikmachen begonnen. Und das war eine Welt, in der alles, absolut alles, gemeinschaftlich erledigt wurde. Wer zu viele eigene Ideen einbrachte, galt schnell als Egoist. Eigene Lieder mitzubringen oder nur allein zu singen, zu üben war verpönt. Als ich anfing, solo Musik zu machen, konnte ich endlich auf mein eigenes Archiv zurückgreifen, das ich in mir trage und das bereits ziemlich überfüllt war. Immer wenn ich eine Idee für Melodien oder Songs hatte, speicherte ich die in meinem Gedächtnis ab - und aus diesen Schnipseln und Fragmenten wurde dann oft erst nach vielen Jahren ein Lied. Ich gebe zu: Das ist schon eine sehr egozentrische Kunst.

SPIEGEL: Und auf Ihren Mut zum Egoismus sind Sie heute stolz?

Björk: Das ist doch eine Frage des Überlebens: Wer immer nur an andere denkt und für andere denkt, kann sich nie entfalten und wird irgendwann implodieren und untergehen. Je mehr man an sich denkt, desto großzügiger kann man gegenüber anderen sein.

SPIEGEL: Klingen deshalb die Lieder Ihres Albums ungewöhnlich sanft, fast einlullend?

Björk: Für mich ist es eine Art Disney-Sound, ein artifizielles Paradies. Früher hätte ich meine Sehnsucht nach Sanftheit zwangsläufig als Eskapismus verdammt, und der ist was für Feiglinge. Jetzt stehe ich dazu. Meine Platte ist eine Sammlung von Gebeten für das Gute im Leben, der Traum von etwas Mächtigem und Wunderbarem. Das ist für eine stolze und atheistische Frau wie mich schon etwa Besonderes.

SPIEGEL: Stimmt es, dass Sie gern auf einsamen Spaziergängen in der Natur vor sich hinsingen und so nach Inspiration suchen?

Björk: Ja. Ich mache das, seit ich ein Kind war, so habe ich überhaupt das Singen gelernt. Bis heute mache ich jede Woche mehrere ausgiebige Ausflüge. Manchmal wache ich auf, wenn es noch dunkel ist und unternehme sofort einen langen Marsch. Überall, wo ich gerade lebe, erkunde ich die Welt um mich herum und singe.

SPIEGEL: Sie haben lange in London gelebt und wohnen zurzeit in Manhattan. Ist es da nicht schwer, die nötige Stille für solche Spaziergänge zu finden?

Björk: Großstädte sind natürlich komplizierter, dort findet man Millionen Menschen und kaum einen ruhigen Ort. Aber ich kenne Routen, wo ich ungestört gehen und singen kann. In London zum Beispiel haben die Tunnels, besonders die unter Autobahnen, eine fabelhafte Akustik. In New York sind Brücken das Beste - dort können Sie aus voller Kehle brüllen und singen, ohne dass es jemandem auffällt.

SPIEGEL: Ist es wahr, dass Sie in Ihrer Schulzeit von einem deutschen Musiklehrer unterrichtet wurden?

Björk: O ja, er war sogar der Direktor. Er hieß Stefan Edenstein und war vor dem Zweiten Weltkrieg nach Island geflohen, und wir hatten eine besondere Beziehung. Ich war gleichzeitig seine Lieblings- und Hass-Schülerin. Er hielt mich für ein Genie und drängte mich zum klassischen Komponieren. Ich sollte mich täglich stundenlang mit Bach und Beethoven beschäftigen.

SPIEGEL: Sie waren nicht begeistert?

Björk: Ich hielt das für absoluten Mist. Ich war ein Kind, das immer sagte, was es dachte, und wir haben uns sagenhaft gestritten. Aber heute höre ich diese Art von Musik sehr gern.

SPIEGEL: Für Ihre Hauptrolle in Lars von Triers Film »Dancer in the Dark« wurden Sie letztes Jahr beim Festival in Cannes als beste Darstellerin ausgezeichnet. Trotzdem haben Sie sich sehr negativ über Ihre Filmerfahrungen geäußert. Was lief schief?

Björk: Ich habe da sicher übertrieben. Andererseits war es eine intensive Reaktion auf eine intensive Erfahrung. Ich kenne keine Mittelwerte, entweder man hasst etwas oder man liebt es. Musik hat für mich nichts mit Arbeit zu tun. Aber Film lag mir einfach nicht, alles, was ich tat, kam mir unendlich anstrengend vor. Ich war ein bisschen gnadenlos während der Dreharbeit und in der Zeit danach.

SPIEGEL: War auch Ihre Abrechnung mit dem Regisseur Lars von Trier zu rüde?

Björk: Ich habe nichts über ihn gesagt, was er nicht jederzeit selber zugeben würde: Er ist umgeben von einer Welt aus Angst. Und vermutlich bin ich von allen Leuten, mit denen er gearbeitet hat, tatsächlich die Erste, die sich nicht vor ihm fürchtete. Er ist die Sorte Mensch, die am Morgen aufwacht und erst mal in Tränen ausbricht. Und dann quält er die Leute, die um ihn sind, auf eine Weise, dass jeder in seiner Umgebung vor ihm niederkniet und lügt, um bloß nicht seinen Zorn zu wecken. Das ist nicht meine Welt: Ich halte mich für stark, ich heule nicht jeden Tag nach dem Aufwachen, und ich quäle niemanden.

SPIEGEL: Sie beteuern oft, nie wieder in einem Film spielen zu wollen. Bekommen Sie trotzdem noch Drehbücher geschickt?

Björk: Ja, dauernd. Aber ich stopfe sie direkt in den Müll. Musik ist für mich wie Religion. Für mich sind diese Filmangebote, wie wenn man einen Katholiken bittet, zum Hindu zu werden. Natürlich geht es in allen Religionen letzten Endes um denselben Gott, und auch Musik und Film dienen letzten Endes dem Gott der Kreativität. Aber ich gehöre zu den Menschen, die sich für das, an das sie glauben, den Arm abschlagen lassen würden. Meine Hand opfere ich sofort für ein großes Lied. Aber niemals für einen Film.

INTERVIEW: CHRISTOPH DALLACH,

WOLFGANG HÖBEL

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