»Ich verkaufe Pop, nicht Sex« - DER SPIEGEL
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MUSIKERINNEN »Ich verkaufe Pop, nicht Sex«

HipHop-Star Missy Elliott, 30, über Rollenklischees im Showgeschäft, ihre Teenagerbriefe an Michael Jackson und dessen Schwester Janet und den Welterfolg ihrer Musik
• aus DER SPIEGEL 32/2001
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIEGEL: Ms Elliott, in den USA werden Sie mit Ihrem Album »Miss E ... So Addictive« als Superstar der schwarzen Popmusik gefeiert, als Produzentin vom Remake des Disco-Klassikers »Lady Marmalade« gelang Ihnen in Deutschland Ihr erster Nummer-eins-Hit. Kann es sein, dass Ihre eigene Musik für europäische Hörer noch gewöhnungsbedürftig ist?

Elliott: Die Beats und Melodien, die ich zusammen mit meinem Partner Timbaland produziere, sind radikal anders als alles davor. Rasante Stakkato-Beats - Tack, Tack, Tack - mit ungewöhnlichen Melodien. Das war schwer durchzusetzen, die Radiomacher gaben uns keine Chance, aber das Publikum war sofort begeistert.

SPIEGEL: Viele weiße US-Jugendliche beten Sie an. Was fasziniert die an schwarzem HipHop und Rhythm'n'Blues?

Elliott: Ganz simpel: Es ist die modernste Musik, die man zurzeit hören kann. Sie hat Sex, Stil und Abenteuergeist. Das spricht eben jeden an.

SPIEGEL: Im Vergleich zu den »Lady Marmalade«-Sängerinnen wie Lil' Kim oder Christina Aguilera bemühen Sie sich auffallend wenig darum, dem Klischee der superschlanken Sexbombe zu entsprechen, das in der Männerwelt der Popmusik gewünscht wird. Ist das eine bewusste Verweigerung?

Elliott: Nein, eher die späte Verwirklichung wilder Träume. Ich war ein Einzelkind, ich saß früher immer allein in meinem Zimmer und habe mir die unwahrscheinlichsten Dinge ausgedacht. Ich war Roboter, Astronautin, irgendein Superheld. Jetzt kann ich meine Phantasien vor einem Millionenpublikum ausleben. Aber dass ich anders aussehe, passt auch zu meiner Musik, die anders klingt. Ich trage, was bequem ist - denn ich verkaufe Popmusik und nicht Sex. Zu mir kommen eine Menge Mädchen, die sich bedanken, dass ich den Schlankheitswahn nicht mitmache. Ich glaube, ein guter Busen macht noch keine gute Musikerin. Andererseits ist es genauso falsch zu glauben, dass eine sexy Erscheinung Talent ausschließt: Nehmen Sie Lil' Kim, die trägt gern wenig und ist eine exzellente Künstlerin.

SPIEGEL: Sie sind nicht nur als Musikerin, sondern auch als Produzentin und Songschreiberin erfolgreich. Nach Stars wie Whitney Houston, Janet Jackson und Mariah Carey fragen nun auch Leute wie Mick Jagger wegen einer Zusammenarbeit an. Wie hart ist es heute für eine Frau, sich im HipHop-Geschäft durchzusetzen?

Elliott: Vor 20 Jahren wäre das vielleicht ein Problem gewesen. Aber 2001 haben sich die Männer auch im HipHop und R'n'B an mächtige Frauen gewöhnt. Ich bin ja nicht allein. Es gibt andere mächtige Frauen wie Lauryn Hill, Queen Latifah oder Mariah Carey. Im Aufnahmestudio habe ich immer das Kommando. Und weil ich exakt weiß, was ich will, haben die Männer auch Respekt. Natürlich sind ein starker Wille und ein gesundes Selbstbewusstsein die Voraussetzung. Es stimmt tatsächlich, dass man mehr Aufmerksamkeit erzeugt, je lauter man spricht. Wenn ein Mann sich so aufführt, gilt er als cooler und ehrgeiziger Kämpfer. Eine Frau, die dasselbe wagt, gilt dagegen schnell als böse Zicke, als »Bitch«. Aber ich sehe das nicht als Beleidigung: Manchmal bin ich gern eine Bitch.

SPIEGEL: Und wann hilft Ihnen Zickigkeit weiter?

Elliott: Immer wenn ich irgendwelchen Männern klarmachen muss, dass ich meinen Job verstehe. Ich habe wirklich keinen Spaß daran, aber wer sich mit mir anlegt, sollte sich warm anziehen.

SPIEGEL: Sie arbeiten nicht nur im Studio, sondern auch an Ihren Videoclips wie dem gerade für sechs MTV Video Music Awards nominierten »Get Ur Freak on«; Sie betreiben Ihre eigene Plattenfirma The Gold Mind, Inc. und vermarkten gemeinsam mit David Bowies Frau Iman Lippenstifte. Sind Sie arbeitssüchtig?

Elliott: Total. Leider. Ich schlafe jede Nacht nur eine bis eineinhalb Stunden. Mehr geht nicht. Dann wache ich auf, weil in meinem Kopf schon wieder alles rotiert. Ich weiß, dass das unnatürlich ist, und eines Tages werde ich wohl zusammenklappen. Aber ich habe einfach zu viele Ideen und zu wenig Zeit.

SPIEGEL: Kommen da nicht mal Zweifel auf, ob das alles den Stress wert ist?

Elliott: Nein. In meiner Grundschule gab es damals regelmäßig den »Was-ich-einmal-werden-will-Tag«. Die anderen Kinder kamen da immer auf Anwälte, Ärzte oder Astronauten. Ich hängte mir nur eine glitzernde Kette meiner Mutter um und erklärte: Ich muss mich nicht verkleiden, ich werde bald ein Superstar.

SPIEGEL: Welche Superstar-Vorbilder hatten Sie damals?

Elliott: Die üblichen. Diana Ross, Michael und Janet Jackson. Ich galt in der Schule zwar als hoch begabt, aber ich wollte weg, um Musik zu machen. Nachts, wenn meine Mutter dachte, dass ich bei irgendwelchen Freundinnen übernachte, tanzte und sang ich bei jedem Talentwettbewerb, den ich ausfindig machen konnte. Außerdem schrieb ich fast täglich an die Jacksons. Ich wollte keine Autogramme, nur dass sie mich da rausholen. Ich schickte ihnen meine Stundenpläne und schrieb Sätze wie: Kommt am besten zur zweiten Pause, danach fängt Mathe an. Meine Mutter hatte nicht viel Geld, aber für das Porto hätte sie sich wohl einen Kleinwagen kaufen können.

SPIEGEL: Nun ruft Janet Jackson regelmäßig bei Ihnen an.

Elliott: Ich bemühe mich, cool zu bleiben. Wenn Janet am Telefon ist oder wir zusammen ausgehen, lachen wir immer viel. Und dann muss ich doch gegen so surreale Momente ankämpfen, wo ich denke: Moment mal, du lachst hier mit Janet Jackson. O mein Gott! INTERVIEW: CHRISTOPH DALLACH

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