MEDIEN Im Eimer
Die Erträge waren fest eingeplant. »Das wird«, freute sich RCA-Vizepräsident Roy H. Pollack vor drei Jahren, »das größte Geschäft seit der Einführung des Farbfernsehens.«
Mitte vorletzter Woche wurde das vermeintliche Jahrhundertgeschäft abrupt gestoppt. Der amerikanische Elektronikgigant RCA meldete die Produktionseinstellung seiner Bildplattenspieler. Die Selecta-Vision-Geräte, 1981 auf den Markt geschickt, um als »Revolution der heimischen Fernsehunterhaltung« Furore zu machen, wurden zu einem der größten Flops in der Firmengeschichte.
Mit der Entscheidung, die Produktionsstätte in Bloomington zu schließen, zogen die RCA-Manager, wenn auch reichlich spät, einen Schlußstrich unter ein unternehmerisches Abenteuer, das den Konzern rund 1,5 Milliarden Mark gekostet hat. »Uns blieb keine Wahl«, erklärte RCA-Chef Thornton F. Bradshaw, »denn es gibt keine Aussicht mehr, jemals damit Gewinne zu machen.«
Trotz groß angelegter Werbe-Kampagnen konnte die Firma innerhalb von drei Jahren lediglich 500 000 Geräte absetzen, noch nicht einmal ein Viertel der Planzahl. RCA ist der erste Bildplattenproduzent, der vor der übermächtigen Konkurrenz der populären Videorecorder kapituliert. Zwar sind Bild- und Tonqualität (HiFi-Norm in Stereo) nach wie vor unerreicht. Aber die Platten können - im Gegensatz zu den Magnetbändern der Recorder - nicht gelöscht und damit auch nicht beliebig oft neu bespielt werden.
Potentielle Käufer werden zudem durch die hohen Preise der Bildplatten abgeschreckt. Während wiederverwendbare Videobänder mit zwei Stunden Laufzeit schon für zehn Mark zu bekommen sind und Spielfilme in Videotheken bereits für drei Mark pro Tag ausgeliehen werden können, kosten 90-Minuten-Filme auf der Bildplatte auch im Ausverkauf noch zwischen 40 und 50 Mark.
Dennoch hoffte die Industrie anfangs auf gute Absatzmöglichkeiten, weil Bildplattenspieler zunächst deutlich billiger angeboten wurden als die meisten Videorecorder. In Europa wollte vor allem Philips mit einem eigenen Bildplattenspieler »eine neue Ära des Fernsehens« einleiten und den Käufern »die Zukunft ins Haus« bringen.
Anders als beim RCA-Gerät ritzt beim Philips-System keine Diamantnadel über die Platte. Bild- und Tonsignale werden mittels Laserstrahl abgetastet und dann elektronisch auf den Bildschirm übertragen, völlig verschleiß- und wartungsfrei. Aber der Technologietransfer in die Wohnzimmer der Kundschaft ist auch den Philips-Managern bis heute nicht geglückt.
»Als die Preise der Videorecorder ins Rutschen kamen«, erklärt Philips-Sprecher Claus Harder, »da konnte das nicht mehr gutgehen.« Statt der erhofften 70 000 Geräte wurden 1983 in Deutschland schließlich nur rund 30 000 Laser-Vision-Apparaturen abgesetzt. Harder: »Wir sind nicht zufrieden.«
Die mangelnde Nachfrage hat auch die wenigen Software-Lieferanten aufgeschreckt. Die Bertelsmann-Tochter Sonopress in Gütersloh, die sich bereits auf hohe Stückzahlen bei der Herstellung von Bildplatten eingerichtet hatte, will drohenden Verlusten nun durch die schnelle Umstellung auf die Produktion der neuen Schallplatten-Generation, der »CD-Discs«, entgehen.
Noch hofft Sonopress-Verkaufsleiter Gerd Lückermann, die Bildplatte künftig wenigstens zu Schulungszwecken oder zur Kundeninformation an die Industrie verkaufen zu können. »Denn sonst«, so Lückermann, »wären unsere Investitionen im Eimer.«