»Im Kriege sparen - später bauen!«
Am 27. September 1937 fuhren Deutschlands Führer Hitler und Italiens Duce Mussolini durch ein vom »Reichsbühnenbildner« Benno von Arent theatralisch dekoriertes Berlin.
Weiße Säulen mit goldenen Adlern, Sockel mit großen Hakenkreuzen und Liktorenbündeln, den Emblemen der beiden Regime, riesige Fahnentürme, Fahnen über Fahnen an den Häuserwänden und dazu das Licht aus ungezählten Scheinwerfern machten die Route der verbündeten Diktatoren zu einer »Via triumphalis«.
Am selben Abend aber auch lief in der »Kurbel« am Kurfürstendamm der Hollywood-Film »Shanghai-Express« mit Marlene Dietrich, Teil einer ganzen Dietrich-Woche. Am selben Abend zeigte das »Marmorhaus«, wie schon wochenlang mit großem Erfolg, das amerikanische Filmmusical »Gehn wir bummeln«. In der »Femina-Bar« spielte die Band des Schweizers Teddy Stauffer »Swingin'' for the king«, und »an der Kasse der Staatsoper bildeten sich Schlangen für die Premiere des Balletts ''Der Kuß der Fee'' von Igor Strawinsky«.
Diese Momentaufnahme einer verblüffenden historischen Gleichzeitigkeit hat der Literaturwissenschaftler Hans Dieter Schäfer fixiert - als besonders anschaulichen Beleg unter vielen für seine These, das Dritte Reich sei »von einem tiefen Gegensatz zwischen nationalsozialistischer Ideologie und Praxis gekennzeichnet«, die deutsche »Kultur und Lebenswirklichkeit« unter Hitler keineswegs so totalitär-uniform gewesen, wie es ein von mancher Nachkriegsforschung und Publizistik verfestigtes »Stereotyp« wahrhaben wolle.
Schäfer, 1939 in Berlin geboren, heute Literarhistoriker an der Universität Regensburg, entfaltet diese These in einem Buch, das einige seiner schon früher veröffentlichten Aufsätze zur Literatur im Dritten Reich zusammenfaßt, die das »Bild von der bedingungslosen Konformität« im NS-Reich korrigieren. Neu hinzugekommen ist der Aufsatz, der Schäfers Grundthema über die Literatur hinaus erweitert und dem jetzt im Hanser-Verlag erschienenen Band den Titel gibt: »Das gespaltene Bewußtsein«.
( Hans Dieter Schäfer: »Das gespaltene ) ( Bewußtsein. Über deutsche Kultur und ) ( Lebenswirklichkeit 1933 - 1945«. Carl ) ( Hanser Verlag, München; 256 Seiten; 34 ) ( Mark. )
Für das nach 1945 etablierte falsche Bild einer perfekten NS-Totalität macht Schäfer vor allem Legitimationsbedürfnisse der davongekommenen Deutschen verantwortlich, das Bemühen (zum Beispiel von Intellektuellen der »inneren Emigration"), »durch die Überzeichnung staatlicher Kontrollen und durch eine breite Erörterung der Unterdrückung von Minderheiten Eigenverantwortung der Mehrheit auszuschließen«.
Für die Revision jenes Bildes hat er aus Zeitungen, Tagebüchern, Briefen, Memoiren und anderen Quellen Hinweise und Fakten die Fülle gesammelt. Sie belegen die »unpolitische Seite«, die »staatsfreie Sphäre«, die der Führerstaat seinen Untertanen nach Schäfer teils aus herrschaftstechnischem Kalkül »ausdrücklich S.212 garantierte«, teils aus Systemschwäche einräumen mußte. Sie sollen dokumentieren, »wie unbeeindruckt von der völkischen Ideologie sich damals das Denken und Fühlen zeigte«.
Schäfer lenkt den Blick auf ein von Anfang an mit der Nazi-Weltanschauung erfolgreich konkurrierendes Angebot von antiheroischen »Konsum- und Zerstreuungswerten«. Er deckt einen »bruchlos im Dritten Reich weiterwirkenden Amerikanismus« auf.
So erinnert er etwa an die heute »nahezu vergessene« Präsenz von Coca-Cola in NS-Deutschland, wo die Zahl der Abfüllbetriebe zwischen 1934 und 1939 von 5 auf 50, die der Großhändler von 120 auf 2000 stieg. Es sei für unseren Bewußtseinszustand bezeichnend, schreibt er, »daß wir Coca-Cola ausschließlich mit dem westdeutschen Wirtschaftswunder identifizieren«.
Er stellt fest, daß bis zum Kriegsausbruch in Deutschland fast alle ausländischen Zeitungen zu kaufen waren (ausgenommen kommunistische und sozialistische). Und er verweist auf die Resistenz des immer wieder bekämpften »Swing-Bazillus« im Dritten Reich. Als die Jazzband des Engländers Jack Hylton im Februar 1937 in der Berliner »Scala« gastierte, wurde sie von Goebbels für den Presseball verpflichtet, auf dem Goebbels und Göring zu ihren Rhythmen tanzten.
Daß Platten von Jazzmusikern wie Louis Armstrong und Duke Ellington noch bis zum Sommer 1941 in Deutschland zu kaufen waren, lag nicht nur an Lücken und Willkürlichkeiten der NS-Zensur, sondern wurde auch, so Schäfer, durch die »Anpassungsfähigkeit (des NS-Regimes) an die privatwirtschaftliche Eigendynamik« ermöglicht, »durch die kapitalmäßige Verflechtung der verschiedenen Plattenmarken aus USA, England und Deutschland erzwungen«.
Im Krieg produzierten deutsche Schallplattenpressen mehrere Millionen Swing- und Jazzplatten, darunter Novitäten von Benny Goodman und Glenn Miller, für den Vertrieb in den besetzten und neutralen Ländern Europas. Eine Menge dieses »artfremden« Kulturguts wurde von deutschen Soldaten gekauft und auf Urlaub ins Reich geschleust.
In größeren deutschen Städten war es bis Mitte 1940 möglich, jede Woche einen Hollywood-Film zu sehen. Deutsche Illustrierte druckten Titelphotos amerikanischer Filmstars wie Clark Gable oder Katharine Hepburn und Geschichten über sie. Die ex-deutsche Marlene erschien 1938 auf dem Cover des »Magazin«, das ihren »undeutschen« Vamp-Typ ausdrücklich verteidigte.
Walt Disneys Mickey Mouse war durch Filme, Bücher und Schallplatten bekannt. Deutsche Zeitungen brachten oft enthusiastische Besprechungen amerikanischer Filme. So schrieb das »Berliner Tageblatt« 1936 über »Zum Tanzen geboren": »Wie beliebt und selbstsicher muß Amerikas Marine sein, daß sie auf so herzhafte Weise verulkt werden kann.« Über den Pep des US-Films »Swanee River« notierte Goebbels Mai 1942 in seinem Tagebuch: »Wir sind demgegenüber zuviel mit Tradition und Pietät belastet. Wir scheuen uns, unser Kulturgut in ein modernes Gewand einzuhüllen, und es bleibt deshalb historisch und museal.«
Hier deutschvölkische Ideologie, da praktisch-zivilisatorischer Amerikanismus; hier der nationalistische Zwangsstaat, da die apolitische Privatsphäre mit dem Angebot »weltoffener und technologisch-sportlicher Elemente«, moderner Gebrauchs- und Unterhaltungsgüter - der Autor Schäfer exemplifiziert diese »Zwiespältigkeit« des Dritten Reiches auch an der Werbung für manche landeseigenen Waren und Dienstleistungen.
So wurde für den Kauf von Rundfunkgeräten einerseits mit Parolen geworben, die auf Nazi-Massenerlebnisse wie Führerreden und Reichsparteitage hinwiesen ("Deutschland marschiert in Nürnberg! Erlebe es mit!"). Andererseits lockten Anzeigen mit dem Bild eines in gutbürgerlich-individualistischer Zurückgezogenheit genießenden Radiohörers.
1937 pries die Firma Blaupunkt einen Übersee-Empfänger für den »verwöhnten S.214 kritischen Hörer« an; in Anzeigen erhob sich aus diesem Gerät die New Yorker Freiheitsstatue. Bis zum Kriegsbeginn veröffentlichten alle deutschen Rundfunkzeitschriften auch (bis zu 60) ausländische Programme.
Schäfer kontrastiert das offiziell gefeierte völkische Frauenideal und die ablehnende Haltung der NS-Ideologen zu erotischem Raffinement mit der Forderung Robert Leys von 1939, die deutsche Frau solle sich »noch mehr in Schönheitspflege üben«. Leys »Deutsche Arbeitsfront« richtete Kosmetik-Kurse ein, auch im Dritten Reich wurde für Pudertönung, Haarfärbung und Augen-Make-up geworben. Und darin »setzte sich«, so Schäfer, »die gewandelte Einstellung zum Geschlechtsleben fort, die in der jungen Generation der Weimarer Republik zum Durchbruch gekommen war«.
Der Reglementierung und Militarisierung Deutschlands unter Hitler, dem Leitbild vom »organisierten Willen der Nation« stellt er die »erstaunliche« Expansion der Freizeitindustrie gegenüber: Der Tourismus wurde gefördert, über den NS-»Gauverlag Baden« konnten Schiffsreisen nach den USA gebucht werden, 1936 liefen regelmäßig sechs deutsche Schiffe Mallorca an. 1937 erhielt die deutsche »Autozelt- und Wohnwagenbewegung« durch das Welttreffen der internationalen »Federation of Camping Clubs« in Wiesbaden Auftrieb.
Fast schon subversiv, wie ein Affront gegen die »Volksgemeinschaft« klingt, was ein Ratgeber damals über die Vorzüge des Camping schrieb: »Niemand tritt mir zu nahe. Ich kann essen, was mir schmeckt und Spaß macht, kann nach dem Essen mich einfach hinunterkullern lassen ... Und wenn man mich einen hoffnungslosen Materialisten schimpft, wenn schon.«
Aus der Zwiespältigkeit des real existierenden Nationalsozialismus, wie er sie nachzeichnet, leitet Schäfer seine Titel-These vom »gespaltenen Bewußtsein« der Hitler-Deutschen ab.
Zwischen dem totalitären Zugriff des Systems und dem Rückzug ins Private, zwischen heroischem Appell und scheinfriedlichem Konsumentenglück in Freizeit und (auch unter Hitler gefördertem) Eigenheim, so meint Schäfer, hätten sich die von einem »tiefgreifenden Unsicherheits- und Angstgefühl« strapazierten Deutschen aus dem Realitätszusammenhang ausgeblendet. Und das gelte sogar für oppositionell gestimmte Zeitgenossen, wie er am Beispiel jener Koinzidenz von Führer-Spektakel und amerikanischen Unterhaltungserfolgen im 37er Berlin erläutert:
»Es gab viele Menschen, die diese der NS-Ideologie entgegengesetzte Welt zur realen erklärten; die in Wirklichkeit auseinanderklaffenden Widersprüche betrachteten sie als nicht existent und sperrten sich von der Wahrheit ab ... die Zusammenhänge zerbröckelten zu isolierten und damit geschichtslosen Fakten.«
Solche Fragmentierung des Bewußtseins, solcher »Rückzug aus der lebendigen Wirklichkeit« führte zu »Apathie und Wahndenken«. Sie »beschleunigten die Unterwerfung«. Erst der Krieg, in dem sich die kompakte Majorität und sogar mancher Abseitsstehende mit dem Regime solidarisierte, machte laut Schäfer die »zerstückelte Welterfahrung der Friedensjahre« teilweise wieder rückgängig - »als eine Art ganzheitliches Wahndenken«.
Wahn und »Entwirklichung« ließen die Deutschen schließlich die Niederlage als »Zusammenbruch« erleben. Schäfer: »Die Befreiung von der Hitler-Diktatur wurde seelisch nicht gewollt.«
Gegen Ende seiner Studie versucht der Autor, dabei Thesen des Amerikaners David Schoenbaum ("Die braune Revolution") folgend, die zwiespältige Lebenswirklichkeit des Dritten Reiches und das gespaltene Bewußtsein seiner Untertanen als eine »kollektive Schizophrenie« zu deuten und auf die »schizoide Persönlichkeitsstruktur« Hitlers zu beziehen. Doch dieser Analyseversuch ist ihm selber »nicht unproblematisch«.
Einleuchtender liest sich da schon, was er über die Dämonisierung und damit fortgesetzte Entwirklichung der NS-Vergangenheit in »beiden Teilstaaten Nachkriegsdeutschlands« schreibt: »Indem die magische ''Stunde Null'' und der rote ''Tag der Befreiung'' Gegenwart und Zukunft aus der Vergangenheit desintegrierten, lebte das Ich - auf einer anderen Stufe - nach wie vor in einem schizoiden Zustand, es entwickelte sich sowohl ein Riß in der Beziehung zur Geschichte wie zur individuellen Biographie.«
Zumindest bedenkenswert sind auch Schäfers Hinweise auf eine »Kontinuität der Ideen und Ideale der Kriegs- und Nachkriegszeit«.
Er ruft in Erinnerung, daß schon Hitlers »Ankurbelungs-Aktion« nach der Machtergreifung als »deutsches Wirtschaftswunder« bezeichnet worden sei und schon die Nationalsozialisten »keine Experimente« versprochen hätten. Der Wiederaufbau nach 1945, erklärt er, habe sich nicht nur auf eine »ungebrochene Konsumorientierung« der Deutschen stützen können, sondern auch auf ihren Willen, der Welt die »Unbesiegbarkeit deutscher Leistung« wenigstens auf dem »Warensektor« zu beweisen.
Ein Beispiel solcher Kontinuität in Schäfers Sicht: »Es überrascht nicht, daß Bausparkassen in den letzten Kriegsjahren ein lebhaftes Geschäft verzeichneten.« 1943 gab Wüstenrot Neuabschlüsse in Höhe von 201 Millionen Reichsmark bekannt. Und noch im Februar 1945 erschien in der Wochenzeitung »Das Reich« eine Anzeige der Ludwigsburger Bausparkasse mit dem trefflichen Slogan »Im Kriege sparen - später bauen!«.
S.209Hans Dieter Schäfer: »Das gespaltene Bewußtsein. Über deutscheKultur und Lebenswirklichkeit 1933 - 1945«. Carl Hanser Verlag,München; 256 Seiten; 34 Mark.*S.2121937 auf dem Berliner Presseball, mit Frankreichs BotschafterFrancois-Poncet.*