FESTIVALS »Im Vakuum«
SPIEGEL: Herr Petzold, Sie erzählen von zwei Ex-Terroristen, die seit 15 Jahren mit ihrer Tochter im Untergrund leben. Gab es ein authentisches Vorbild für den Fall?
Petzold: Nein. Mich hat einerseits ein US-Film namens »Near Dark« inspiriert, in dem eine Vampirfamilie durchs Land pilgert, und andererseits die verpatzte Festnahme der zwei RAF-Angehörigen 1993 in Bad Kleinen. Diesen Showdown am Bahnhof empfand ich wie einen Spätwestern.
SPIEGEL: Was haben untergetauchte Terroristen mit Westernhelden zu tun?
Petzold: In den Spätwestern ist die Welt, der ehemals wilde Westen, schon geordnet, die Strukturen sind geklärt, jeder hat seine Farm, nur ein paar Leute ziehen noch umher, für die es keinen Ort mehr gibt. Und solche verlorenen Menschen sind auch die Ex-Terroristen: Die Zeit braucht sie nicht mehr, sie leben in einem Vakuum, einer Art Geschichtsstille. Meine Helden reagieren auf diesen Identitätsverlust, indem sie ein Kind zeugen, um wieder an die Welt anzudocken.
SPIEGEL: Wie haben Sie sich den Alltag dieser Untergrundfamilie ausgemalt - mit Hilfe von biografischen Berichten?
Petzold: Ich habe etliches gelesen, auch Stefan Austs RAF-Buch, und es sind sicher Stimmungen eingeflossen, aber keine detaillierten Fakten. Meine Familie taucht in ausländischen Ferienorten unter, als Touristen getarnt; am Anfang des Films pauken sie gerade in Portugal die Landessprache.
SPIEGEL: Sie sind aufgewachsen zu einer Zeit, in der an jeder Ecke ein RAF-Fahndungsplakat klebte. Hängt das Erbe des Terrorismus Ihrer Generation nach?
Petzold: Es gibt in jeder Biografie irgendeine Verbindung dazu. Trotzdem hat die RAF überhaupt keine Mythen hinterlassen. Dazu hat die Linke eine viel zu große historische Niederlage erlitten. Beim Casting habe ich gemerkt, dass die ganz jungen Darsteller bei »RAF« eher an »Royal Air Force« als an »Rote Armee Fraktion« denken.