BÜCHER Imaginärer Dialog
Wenn von schönen Steinen die Rede ist, denkt man unwillkürlich an den eleganten Glanz kunstvoll geschliffener Schmuckstücke. Darüber geht jedoch eine Erfahrung verloren, die der (zuerst 1966 in Frankreich erschienene) empfindsame Essay von Roger Caillois wiederzugewinnen sucht: das Gefühl für die mysteriöse Aura der Findlinge, zufällig am Wegesrand aufgelesen, aus Felsmassiven herausgebrochen, im Innern der Erde geschürft: »Von Steinen spreche ich, die älter sind als das Leben.«
Seit seinen frühen, unter dem Einfluß des Surrealismus entstandenen Texten, die zu den wichtigsten Quellen von Walter Benjamins Passagen-Werk gehören, hat Caillois (der für Frankreich die südamerikanische Literatur entdeckte und 1978 starb) mit selten gewordener Sprachkraft versucht, in den Dingen zu lesen wie in einem Gesicht. Assoziativ spürt er den Geheimnissen und Geschichten nach, die das Schweigen der Steine verbirgt. Kenntnisreich kommentiert er die fabulösen Naturbeschreibungen der Antike und die Legenden, die sich um die kostbaren chinesischen Steinesammlungen ranken.
Aber Caillois zählt nicht zu den asketischen Weisen, die in meditativer Versenkung schließlich selber steingleich wurden. Zu sehr ist es ihm eine Lust, mit den von keiner Menschenhand gestalteten Erzklumpen, Quarzplatten und Kristallnadeln in einen imaginären Dialog zu treten. Behutsam spürt er den fein gemaserten Oberflächen nach, den Windungen der Adern und Risse, bis sich ihm ein Zugang ins Innere öffnet und er jenes anfänglichen Augenblicks gewärtig zu werden glaubt, da die glühende, explodierende Materie erstarrte.
Die Steine sind Zeugen urzeitlicher Kämpfe. Aus dieser Lesart heraus inszeniert Caillois das Schauspiel eines universellen Konflikts zwischen den feurigen, revolutionären Kräften des Chaos und den kalten, restaurativen Kräften der Ordnung. Diese Splitter einer romantischen Naturgeschichte rechtfertigen den mythischen Drang, noch das Anorganische durch Einbildungskraft zum Leben zu erwecken. In den Mineralien entdeckt Caillois die Urformen der Poesie, und er träumt davon, daß auch sie, wie der Stein, unsterblich sein möge.