KUNSTMARKT Immer bereit
Louisine Havemeyer hätte Grund, sich zu entsetzen. »Die kommerzielle Auswertung von Kunstwerken«, so schrieb die amerikanische Sammlerin, »hat mich von jeher angewidert.«
Sie braucht es ja nicht mehr zu sehen. 54 Jahre nach dem Tod der feinfühligen Idealistin steht ein Teil ihrer Hinterlassenschaft im Mittelpunkt eines spektakulären Kunstmarkt-Ereignisses. Im New Yorker Auktionshaus Sotheby Parke Bernet werden am Mittwoch dieser Woche 16 impressionistische Bilder versteigert. Sie stammen bis auf eines aus jener legendären Sammlung, die Louisine Havemeyer und ihr Ehemann Henry, ein New Yorker Zuckerfabrikant, seit dem Ende des vorigen Jahrhunderts angehäuft hatten.
Gemessen an der einst riesigen Gesamtkollektion, mag dieses Angebot, der Nachlaß einer Havemeyer-Schwiegertochter, bescheiden sein. Aber für ein paar Superlative reicht es sehr wohl. Das Auktionshaus sieht darin die »wohl erlesenste Gruppe französischer Impressionisten«, die seit der 1958 in London versteigerten New Yorker Sammlung Goldschmidt auf den Markt kommt. Die Spitzenstücke - eine Flußlandschaft von Monet, ein Stilleben von Cezanne, zwei große Degas-Pastelle und eine Hafenszene von Manet - werden auf Preise zwischen einer und zwei Millionen Dollar geschätzt.
»Verkaufen Sie ihre Kinder in die Sklaverei, rauben Sie eine Bank aus, kriegen Sie irgendwie das Geld zusammen - mindestens acht Millionen«, so gibt Thomas Hoving, Ex-Direktor des Metropolitan Museum, nun als Chefredakteur der Zeitschrift »The Connoisseur« die Stimmung wieder, »und empfinden Sie den Kaufrausch Ihres Lebens!«
Um solche Begeisterung zu erklären, verweist Sotheby-Sprecher David Nash auf die »einzigartige Verbindung von Qualität, makellosem Zustand und Provenienz. Dazu der Umstand, daß die meisten Bilder seit einem halben Jahrhundert nicht öffentlich zu sehen waren«.
Ob nun tatsächlich solche Exklusivität oder doch mehr ein hoher Bekanntheitsgrad die Preise in die Höhe treibt - eine feinere Herkunft als die aus der Sammlung Havemeyer können Kunstwerke in Amerika kaum haben.
In dem neoromanischen Stadthaus der Havemeyers an der Fifth Avenue gab es eine weiße Mosaikhalle nach byzantinisch-ravennatischem und eine Marmortreppe nach venezianischem Vorbild. Die Einrichtung stammte, soweit sie nicht antik war, aus der Werkstatt von Louis Comfort Tiffany, Galerien, Bibliotheksräume und Salons waren kostbar
mit Kunstwerken ausgestattet. Neben chinesischen Bronzen und japanischem Porzellan sah man Gemälde von Veronese, El Greco, Rubens und Goya. Allein acht Rembrandt-Bilder waren beisammen, und die damals moderne Kunst, die impressionistische, füllte viele Wände.
Derweil demonstrierte das Sammlerpaar bescheidenen Lebensstil. Mrs. Havemeyer fuhr mit der Straßenbahn, und bei wöchentlichen Musiksoireen reichten die Kinder selbstgestrichene Leberwurst-Brötchen.
Hatte Henry O. Havemeyer mit dem Sammeln griechischer Vasen und chinesischer Bronzen begonnen, so legte Louisine schon vor ihrer Heirat Sinn fürs Zeitgenössische an den Tag. 1875 gab die Zwanzigjährige bei einem Aufenthalt in Paris ihr ganzes Taschengeld von 500 Franc für ein Degas-Pastell »Ballettübung« aus - auf dringendes Anraten einer Freundin, der Malerin Mary Cassatt.
Diese in Paris lebende Amerikanerin, die sich unter den Impressionisten einen gewissen Namen und viele Freunde erworben hatte, beriet die Havemeyers über viele Jahre. »Miß Cassatt war immer zu Empfehlungen bereit«, schrieb die Sammlerin in ihren Erinnerungen, »Mr. Havemeyer war immer bereit zu kaufen und ich immer dazu, noch Platz in unserer Galerie zu finden.«
Auf Einkaufsfahrten reiste das Team Havemeyer-Cassatt um die Jahrhundertwende gelegentlich monatelang durch Europa, dieses Warenhaus käuflicher Kultur für reiche Amerikaner. In Spanien, wo die Sammler Spitzenbilder von Greco und Goya erwerben konnten, sah sich die schwärmerische Louisine »auf dem Gipfel des Glücks«. In Italien ließ sie sich auch Ramsch andrehen.
Trotz Louisine Havemeyers Frühstart wurden Impressionisten nur allmählich, doch dann begeistert akzeptiert. Mary Cassatt führte ihre Sammler-Freunde in den Pariser Ateliers und Galerien ein, und die Havemeyers bedienten sich wie im Supermarkt. »Wenn du einen Manet siehst«, trug Frau Louisine ihrem Mann vor dem Besuch einer Ausstellung auf, »dann kauf ihn mir.« Er brachte ein Blumenstilleben heim, verschmähte aber ein anderes Gemälde, weil es, man denke, 3500 Dollar kosten sollte. Dennoch kamen Manet-Hauptwerke wie »Der Bahnhof Saint-Lazare« und »Maskenball in der Oper« (SPIEGEL 18/1983) in die Sammlung Havemeyer.
Das Paar kaufte unersättlich, doch keineswegs wahllos. Seine Vorlieben, so für Manet, aber auch für Degas, waren ausgeprägt. Renoir, Sisley und Pissarro wurden weit weniger geschätzt.
Auch der Tod Henry O. Havemeyers 1907 versetzte die Witwe nur in eine kurze Depression, während der sie zu ihrem Leidwesen »mehrere wichtige Bilder verpaßte«. Dann folgten noch einige der wichtigsten Erwerbungen.
Erst die Nachwelt konnte sich eine Vorstellung von Ausmaß und Qualität der Sammlung bilden. Weitaus der größte Teil fiel an das New Yorker Metropolitan Museum. Auch der Louvre in Paris und die National Gallery in Washington wurden bedacht. Für die drei Havemeyer-Kinder blieb nur ein Rest.
Der Tochter Electra immerhin reichte ihr Drittel, um damit in Shelburne im US-Staat Vermont ein Museum auszustatten. Sohn Horace hielt jenen Bestand zusammen, der nun zur Auktion kommt. Nur der einzige Renoir des Angebots, ein Mädchenbildnis in Pastell, ist eine Anschaffung des Erben.