Parapsychologie II Immer dasselbe
Er war das neue As der experimentellen Parapsychologie: Dr. Jay Levy, 26 Jahre alt, Direktor am Parapsychologischen Institut der Duke University in Durham (USA), dem Mekka aller Psi-Gläubigen. Seine Tier-Versuche wurden auch von Skeptikern als sensationelle Beweise für Psi empfunden. Werner Keller jubelte in »Was gestern noch als Wunder galt«, Levys Forschungen eröffneten »zuvor nie geahnte Perspektiven. Für Professor Joseph Banks Rhine, 78, den Begründer des Instituts, waren sie ein wahrer Trost.
Indes, seit einigen Wochen ist Jay Levy weg vom Fenster. Die amerikanische Parapsychology Association hat seinen Namen aus ihrer Geschichte gelöscht. Seine angeblich hellseherisch, präkognitiv und psychokinetisch begabten Meerschweinchen, Ratten, Hamster und Küken sind als Schwindel entlarvt, und Levy ist verschwunden.
Noch vor acht Monaten, Mitte Januar, hatte Levy in Durham mit der New Yorker SPIEGEL-Korrespondentin Valeska von Roques gesprochen. »Im großen und ganzen«, hatte er seine Experimente gerühmt, »läßt sich sagen, daß Tierversuche bei der Aufklärung von Psi bei weitem erfolgreicher sind als Versuche mit Menschen« -- eine Äußerung, die möglicherweise eine freilich damals noch nicht erkennbare Ironie enthielt: Wollte Levy etwa sagen, daß die berühmten Karten-Ratespiele mit Studenten, die sein Lehrer Rhine in den dreißiger Jahren durchführte, noch unglaubwürdiger seien als seine, Levys, Tier-Spiele?
Wie immer auch, Rhine saß ahnungslos dabei, als Levy mit Valeska von Roques hintergründig scherzte. Er war offenkundig stolz auf seinen Schüler. »Wären Sie schon heute morgen hier gewesen«, sagte er, »hätten Sie an unseren Tafeln all die Berichte sehen können, die immer wieder die gleichen Ergebnisse brachten.«
Die Freude des alten Professors über die »immer gleichen Ergebnisse« Levys hatte einen besonderen Grund. Sie entkräfteten nämlich eine kritische Einwendung, die oft gegen Rhines eigene Erfolge bei Karten-Ratespielen erhoben worden sind -- die Einwendung nämlich, daß diese Erfolge nicht beliebig wiederholbar seien.
Rhine benutzte dabei 25 Karten mit fünf Symbolen. Die Aufgabe der Versuchspersonen bestand darin, die jeweils abgehobene Karte zu erraten. Der Wahrscheinlichkeitsmathematik zufolge erzielt der Rater, wenn die Versuche in großen Serien durchgeführt werden, jedes fünfte Mal einen Treffer. Ein Student namens Pearce erzielte aber, laut Rhine, 25 Treffer hintereinander -- ein Ergebnis, das nach dem Gesetz der Wahrscheinlichkeit bei 298 Billiarden Versuchen ein einziges Mal vorkommt. Rhine führte den Pearce-Rekord auf Psi zurück. Freilich, Pearce weigerte sieh fortan zu raten, so daß seine angebliche Psi-Kraft -- im Unterschied zu der von Levys Nagern -- nie wieder geprüft werden konnte. Deswegen also Rhines Genugtuung über Levys »immer gleiche Ergebnisse«.
Levy führte während seiner Tätigkeit in Durham 23 Versuchsreihen -- vorwiegend mit kleinen Nagetieren -- durch, von denen 22, wie er sagte, »sehr aufschlußreich« waren. Unter anderem prüfte er, ob Meerschweinchen in der Lage sind, einen Wärmestrahler, dessen Einschalt-Zeiten durch einen Zufallsgenerator bestimmt wurden, öfter einschalten können, als nach dem Gesetz des Zufalls zu erwarten ist. Die Tierchen schafften es, jedenfalls laut Levys Berichten. Und sie schafften es beliebig oft, wiederum freilich nur nach Levys Berichten.
Doch schließlich wurden einigen Kollegen Levys »immer gleiche Ergebnisse« zu dumm -- nicht zuletzt auch deswegen, weil ihnen selber solche nicht vergönnt waren. Sie begannen Levy zu überwachen und erwischten ihn am 21. Juni bei Manipulationen am automatischen Trefferzähler -- also jenem Apparat, der die Einschaltungen des Wärmestrahlers aufzeichnete.
»Wir konfrontierten ihn mit den Fakten«, berichtete Rhine vorletzte Woche der Presse, »und er akzeptierte sehr schnell seine Entlassung.«