FORSCHUNG / VERHALTEN Immer dicker
Was tut die Hausfrau, wenn ihr die Waschmaschine die Reinigungsarbeit abnimmt, mit der gewonnenen Freizeit? Der britische Zoologe Dr. Desmond Morris hat es beobachtet: Sie stellt inzwischen die Möbel um.
Ähnliche Ersatzhandlungen fand der ehemalige Kurator für Säugetiere am Londoner Zoo auch bei den Insassen der Käfige und Gehege. Aller Nahrungssorgen ledig, verschafft sich die Wildkatze neue Reize, indem sie die Futterbrocken immer wieder in die Luft wirft und erhascht, gerade so, als müsse sie noch Vögel fangen.
Das Leben in der Großstadt mit all ihrer Zivilisation, so folgert Morris (nicht nur aus diesem einen Beispiel), führt zu ähnlichen Verhaltensweisen wie das Leben hinter den Gittern und Gräben der Tiergärten. Fazit: Die Großstadt ist keine Menschenwildnis, kein »Asphalt-Dschungel«, sie ist ein »Menschen-Zoo« -- so der Titel des neuen Buches von Bestseller-Autor Morris ("Der nackte Affe")*. Der Zoologe findet neuerlich Grund, das seltsame Tun des Kulturaffen Mensch mit den Erkenntnissen der Verhaltensforschung zu deuten.
Wie der Mensch aus der Freiheit in den Zoo kam, stellt sich Dr. Morris so vor: Ein Geländeausschnitt von 30 Kilometern im Durchmesser war ehedem das Revier von etwa 60 Leuten. Eine Million Jahre lang lebte der Mensch in kleinen Stämmen. Er gehorchte seinem Führer, liebte seine Frau, zog seine Kinder groß und ging mit den Stammesgenossen gemeinsam auf die Jagd.
Heute leben auf einem ebenso großen Gelände In der Großstadt sechs Millionen Menschen in einem »Super-Stamm«. Auf jedes Individuum vom Schauplatz »Altsteinzeit« kommen heute 100 000 Individuen. Für die Verwandlung der einen Szene in die andere benötigte der Mensch nur ein paar Jahrtausende -- zu wenige, als daß er sich den Anforderungen des Superstammeslebens im großstädtischen Menschen-Zoo biologisch schon hätte anpassen können.
So steht er mit der Instinktausrüstung für das Jägerleben in kleinen Horden nun dem selbstgeschaffenen komplizierten Leben in zivilisierten Massengesellschaften gegenüber. »Als Art«, stellt Morris fest, »sind wir biologisch (und das heißt angeborenermaßen) nicht dazu gerüstet, mit einer Vielzahl von Fremden, die maskiert sind als Angehörige unseres Stammes, fertig zu werden.« Nach Morris ist die Situation ähnlich der, die Wildtiere meistern müssen, wenn sie aus der Freiheit in das Gehege eines Zoos verfrachtet werden.
Blieben die Spannungen der Kämpfe um den Status In Horden und Herden
* Desmond Morris: »Der Menschen-Zoo«. Droemer Knaur Verlag, München; 368 Seiten; 20 Mark.
begrenzter Größe noch erträglich, so wird Im Superstamm auf engem Raum um den »Superstatus« gerangelt. Begnügte sich zur Jägerhordenzeit der Stammesangehörige noch mit schlichtem Sex, so gelüstet es ihn im Superstamm nach »Supersex«.
Für die -- auch bei Zootieren zu beobachtende -- Hypersexualisierung zählt Morris zehn »funktionelle Sex-Kategorien« auf, darunter beispielsweise
* den physiologischen Sex -- aus bloßem Bedürfnis nach Entspannung; > den exploratorischen Sex -- aus bloßer Neugier (er ist auf die höheren Primaten beschränkt, »insbesondere kennt man von den großen Menschenaffen im Zoo eine ansehnliche Reihe sexueller Experimente");
* den »Beschäftigungs-Sex« -- als Therapie gegen die Einförmigkeit der Umgebung ("Manche Affenmännchen werden besessene Onanisten«, aus »massiver Langeweile"):
* den »Beruhigungs-Sex« -- bei hoher
Beanspruchung im Alltag;
* den »kommerziellen Sex« -- auf Grund »kurzfristiger Verträge« (Prostitution) oder »langfristiger Verträge« (Eheschließung). Um sogenannten Status-Sex endlich handelt es sich laut Morris, wo immer phallische Symbole eingesetzt werden, so etwa beim Kutschieren offener Sportwagen. Ein Fahrzeug dieser Art strahle »immer kühne, aggressive Männlichkeit aus, Gleich dem Penis eines Pavians reckt er sich, lang, glatt und glänzend, drängt mit großer Energie voran und hat zudem häufig eine knallrote Farbe«.
Freilich erschöpft sich des Menschen Ringen um Reize nicht im Ausschöpfen von sexuell Reizvollem. In der Menagene des Menschen-Zoos verwenden die Insassen zeitlebens viel Denkarbeit auf das »Bemühen um das Stimulierende«. Sie werden, schreibt Morris, »immer dicker, wie die Bären im Zoo, weil sie trinken, ohne Durst zu haben, Schokolade und Kekse knabbern, ohne hungrig zu sein«. Morris nennt es das »Prinzip der Überbefriedigung«.
Für den primitiven Menschen waren Nahrungs- und Schutzsuche, Aufzucht der Nachkommen und Verteidigung des Reviers ebenso wie für die wilden Tiere noch eine anstrengende Ganztagsbeschäftigung. In der Stammesgemeinschaft als Jäger war der Mensch ein »Überlebens-Arbeiter«. Im Menschen-Zoo dagegen sind die elementaren Überlebensprobleme gelöst: »Wie ein gigantisches Muttertier schützt die Welt des Zoos ihre Insassen.« Aber die tierischen wie die menschlichen Gehege-Bewohner betreiben eine ausgeklügelte Suche nach Ersatzbestätigung.
Der Briefmarken- und Bierdeckelsammler jagt papiernes Wild. Eine umfängliche Industrie deckt den »enormen Bedarf« an Reizen, die »gefährliches Leben« immer noch ausstrahlt; sie produziert Kriminalromane, Filme, Fernsehspiele, die es dem Nachfahren der Jäger gestattet, »in Verführung, Schändung, Ehebruch, Hunger, Raub, Mord und Totschlag zu schwelgen«, ohne daß er seinen Sessel verlassen müßte.
Keineswegs möchte der Zoologe Morris mit der Gegenüberstellung von Anpassungsmängeln, Verhaltenskuriositäten und Fehlverhalten bei Zoo-Tieren und -Menschen ein Zurück-zur-Natur-Rufer sein. Er möchte nicht »das Spiel abpfeifen«, sondern die Natur des Spielers besser verständlich werden lassen, den »Mehrpreis nennen«, der im Menschen-Zoo zu zahlen ist.
Der Preis kann gelegentlich hoch sein, zumal die »Superführer« menschlicher Superstämme immer noch an die gleichen Regeln des Herrschens gebunden sind wie die Hordenführer niederer Affen. Diese Regeln gelten, wie Morris sagt, »für alle Ranghohen -- von den Pavianen bis zu den Präsidenten und Premierministern«.
Eine wesentliche Herrscher-Regel -- bei Morris sind es zehn -- besagt, daß es für Pavian- wie für Menschenführer wichtiger ist, irgendeine Entscheidung schnell und entschlossen zu fällen, »als sich eine »richtige« abzuquälen«. Ein zögernder Herrscher verliert das Gesicht. Indes wird die Notwendigkeit zur Blitzentscheidung den komplizierten Bedingungen eines Superstamms nicht mehr gerecht.
Eine von Computern gestützte Organisation wäre zur Führung eines Superstammes erforderlich. Aber noch immer verlangt es die Angehörigen der Superstämme nach einer identifizierbaren Einzelpersönlichkeit als Oberhaupt. Keine Partei könnte demnach eine Wahl gewinnen mit dem Motto: »Auf den Computer kommt es an.« Und so seufzt der Zoologe: »Zwischen großmächtiger Führerschaft und anomaler Politik besteht offenbar eine unheimliche, mehr als zufällige Beziehung.«
Allerdings, so meint Morris, stehe den Regierenden vom Pavian bis zum Präsidenten die »Beruhigungs-Schau« als Herrschertrick zur Verfügung. Lippenschmatzend -- das deutet unter Pavianen friedlich-freundliche Stimmung an -- nähert sich der Gewaltige dem Rangtiefsten und versichert sich seines Wohlwollens.
Im Menschen-Zoo beobachtete Verhaltensforscher Morris das gleiche Ritual: Von Zeit zu Zeit tragen die Superführer »eine Fassade übertriebener Höflichkeit« zur Schau. Sie lächeln, winken, schütteln Hände »und herzen sogar Babys«.