Immer eine Peitsche - DER SPIEGEL
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OLYMPIA PRESS Immer eine Peitsche

• aus DER SPIEGEL 25/1962
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

In Pariser Buchhandlungen sind einige Bücher in der französischen Originalsprache frei verkäuflich, deren englische Übersetzungen gleichwohl in Frankreich verboten sind, so der Roman »Notre-Dame-des-Fleurs« des Dichters aus dem Ganovenmilieu Jean Genet.

Gegen diese wenig einleuchtende Diskriminierung hat der Verleger der englischen Fassungen, Maurice John Kahane, 43, der sich nach dem Familiennamen seiner Mutter Girodias nennt, zunächst beim Pariser Verwaltungsgericht Klage erhoben und, da er dort sein Recht nicht bekam, bei der obersten französischen Verwaltungsgerichtsinstanz, dem Conseil d'Etat, Revision eingelegt.

Daß der Franzose Girodias fast ausschließlich Bücher in englischer Sprache verlegt, bezweckt nicht, französischen Interessenten den Zugang zu einer speziellen Art Literatur zu erschweren, sondern soll den Interessenten aus dem englischsprechenden Teil der Welt Bücher zugänglich machen, deren Vertrieb von amerikanischen oder englischen Zensurbehörden unterbunden wird. Diese Spezialisierung hat dem

Girodias-Verlag binnen weniger Jahre zu einer eigenen Art von Weltberühmtheit verholfen: Girodias ist Gründer und Eigentümer der »Olympia Press«, deren broschierte Produkte in den Vereinigten Staaten wie in der Bundesrepublik, in Australien wie auf den britischen Inseln nicht nur von Literaturkennern studiert werden.

Von seinem Verlagsbüro in der Rue St.-Séverin 7 auf dem linken Seine -Ufer aus vertreibt Girodias jährlich mehr als 100 000 Exemplare seiner Literaturprodukte und ist sich dabei völlig im klaren, wem er seine geschäftlichen Erfolge vornehmlich verdankt: »einer archaischen, halbreligiösen Form der geistigen Unterdrükkung: der Zensur«.

Girodias kann jedes Jahr etwa zwanzig neue Titel der »Olympia«-Verlagsreihen »The Travellers Companion Series«, »Ophelia Press« und »Ophir Books« vorwiegend an Pariser Buchhandlungen liefern. In diesen Reihen erscheinen literarisch anspruchsvolle Bücher wie die Werke des Marquis de Sade oder Romane von Samuel Beckett und Vladimir Nabokov, aber auch literarisch weniger ambitiöse, wenn nicht gar pornographische Bücher.

Den Hang, als Verleger eine sehr spezielle Art von Literatur unter das Publikum zu bringen, hat Girodias ererbt. Sein englischer Vater Jack Kahane hinterließ ihm den ebenfalls in Paris ansässigen Verlag »The Obelisk Press«, in dem bereits vor dem Zweiten Weltkrieg Bücher erschienen, die in England oder den Vereinigten Staaten nicht vertrieben werden konnten.

Vater Kahane verlegte zum Beispiel Henry Millers erotomanische »Wendekreis«-Romane, deren Verkauf erst im vergangenen Jahr, mehr als zwanzig Jahre nach ihrer ersten Veröffentlichung, in den Vereinigten Staaten möglich wurde und wegen der Eingriffe kommunaler Instanzen bis heute nicht ohne Schwierigkeiten geblieben ist.

Während der Besetzung Frankreichs durch die Deutschen gründete Erbe

Maurice unter dem weniger verfänglichen französischen Mädchennamen seiner Mutter, Marcelle Girodias, den Kunstverlag »Les Editions du Chene«, verkaufte aber dieses Unternehmen und die »Obelisk Press« nach Kriegsende an den Großverlag Hachette.

Erst 1953 gründete Maurice Kahane alias Girodias seine »Olympia Press«, der die seriöse »New York Times« bestätigte: »Die 'Olympia Press' ist nur der letzte einer langen Reihe kontinentaler Verlage, die sich als Pioniere zensuranfälliger Literatur - Pornographie wie seriöser avantgardistischer Dichtung - bewährten. Solche Verleger brachten den 'Ulysses' von James Joyce und die 'Lady Chatterley' von David Herbert Lawrence heraus, bevor sie in den USA veröffentlicht werden konnten.«

Das erste Domizil der »Olympia Press« war der Nebenraum einer kleinen Buchhandlung in der Rue Jacob, in dem Girodias als sein eigener Verlagsdirektor, Buchhalter und Lektor die Korrekturfahnen der auf Kredit gedruckten »Schlafzimmer-Philosophien« des Marquis de Sade oder des »Plexus« von Henry Miller las. Das Verlagsprogramm verkündete als einzigen

Punkt, »alle guten und schlechten Bücher zu drucken, die von der angloamerikanischen Zensur unterdrückt werden. Einziges Kriterium soll das Ausmaß der durch das jeweilige Werk erlittenen Verfolgung sein«.

Auf diese Weise gerieten im Verlagsprospekt der »Olympia Press« neben die durchaus anspruchsvollen Bücher Bekketts ("Warten auf Godot") und neben die »Lolita« Vladimir Nabokovs Titel wie »Sodom oder die Quintessenz der Verderbtheit«, eine Schrift des Earl of Rochester aus dem 17. Jahrhundert, »Ich habe immer eine Peitsche im Koffer« von Greta X. oder »Das Buch der obszönen Balladen« des Grafen Palmiro Vicarion.

Der Roman »Lolita« des in Rußland geborenen Amerikaners Vladimir Nabokov war der bisher größte Erfolg des Verlages, obwohl Girodias angibt; er habe sich allein von dem »esoterischen literarischen Charme« des Buches dazu verführen lassen, den Roman im September 1955 in Druck zu geben: »Ich glaubte so wenig an einen Erfolg, daß ich es unterließ, mir die Filmrechte zu sichern.«

Wegen der dreizehnjährigen Romanheldin »Lolita« begannen auch die ersten größeren Schwierigkeiten, die Girodias mit dem französischen Innenministerium bekam: Das Buch wurde 1956 in Frankreich verboten. Auf den Hinweis, daß dieses Buch unbeanstandet in den Vereinigten Staaten vertrieben werden dürfe - wo es lange den ersten Platz in den Bestseller-Listen behauptete -, hob der Pariser Verwaltungsgerichtshof das Verbot im Januar 1958 wieder auf.

Das Innenministerium legte aber Berufung ein und drang durch - wie Girodias meint, unter dem Druck des frischinstallierten De Gaulle-Regimes. Der verfassungsgemäß für die rechtliche Kontrolle der Maßnahmen aller Ministerien zuständige Conseil d'Etat entschied nämlich, daß, die Erlasse des Innenministers keiner Kontrolle, also auch nicht der des Conseil d'Etat, unterworfen seien. Girodias: »Einige Monate früher wäre solch eine Entscheidung undenkbar gewesen.«

Das in letzter Instanz bestätigte Verbot bezog sich indes nur auf die in Frankreich gedruckte englische »Olympia«-Ausgabe der »Lolita«, und so konnte der renommierte Pariser Verlag Gallimard im April 1959 eine französische Übersetzung herausbringen. Girodias sah die Chance und verklagte den französischen Staat - ungeachtet des in höchster Instanz bestätigten Rechts, die »Olympia«-Bücher zu verbieten - wegen unrechtmäßiger Benachteiligung des Verlages »Olympia Press« auf Schadenersatz.

Girodias spekulierte darauf, daß der Innenminister zur Herstellung der Gleichheit in der Behandlung der Konkurrenten nicht auch die Gallimard -Ausgabe beschlagnahmen würde: Im Hause Gallimard ist der Kultusminister de Gaulles, André Malraux, Direktor und Stammautor.

Tatsächlich unterbreitete das Innenministerium daraufhin dem »Olympia« -Verleger einen Vergleichsvorschlag: Aufhebung des Verbots der englischen »Lolita«-Ausgabe in Frankreich gegen Zurückziehung der Schadenersatzklage. Girodias akzeptierte.

Nach dem Verbot von 41 Titeln seiner Produktion möchte Girodias nun das gleiche Verfahren wiederholen: »Wir fechten nicht die Rechtmäßigkeit der Verbote an, da die höchste Instanz sie bestätigt hat. Nichtsdestoweniger wurden nur wir zu den Verboten verurteilt, von denen andere französische Verleger nicht betroffen sind.«

Girodias verklagte den französischen Staat auf 4,8 Millionen Mark Schadenersatz wegen Benachteiligung des Verlages »Olympia Press« durch Verletzung des Gleichheitsgrundsatzes und ging, nachdem am 11. April seine Klage vom Pariser Verwaltungsgericht abgewiesen worden war, wiederum vor den Conseil d'Etat. Einen neuen Vergleichsvorschlag des Innenministeriums akzentierte Girodias nicht: »Diesmal soll die Gerechtigkeit ihren Lauf nehmen.«

Weitaus größere Sorgen als die Prozesse; deren Publizität den Geschäften des Verlages nicht eben abträglich ist, bereitet dem Olympier Girodias der nachlassende Eifer britischer und amerikanischer Zensoren: »In fünf bis zehn Jahren ist mein Geschäft ruiniert. Dann bleibt mir nur noch eins: Russisch lernen und die allerletzte Bastion des Puritanismus stürmen.«

Verleger Girodias: Mit Bestsellern gegen den Puritanismus

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