Immer indiskret - DER SPIEGEL
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SCHRIFTSTELLER Immer indiskret

Verlassene Frauen, fand er, »sollte man am besten erschießen«, berühmte Kollegen schimpfte er »Fälscher«, seine Mutter »haßte« er »bis aufs Blut« - Ernest Hemingway als Briefschreiber.
• aus DER SPIEGEL 19/1981
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Immer wieder beschwor er Briefpartner, sie sollten »nichts von dem weitersagen«, was er ihnen geschrieben habe, sie sollten »es als vertraulich behandeln«, sollten »das alles vergraben«.

Seine Briefe nämlich, so schrieb er 1952 an einen Verlagsmann, seien »oft verleumderisch, immer indiskret, oft obszön, und viele von ihnen könnten eine Menge Ärger machen«.

1958 dann, drei Jahre vor seinem Freitod, verfügte er testamentarisch, S.252 »daß keiner der Briefe, die ich während meines Lebens geschrieben habe, veröffentlicht werden soll«.

Das war eindeutig, und doch hat es, wie alle früheren Bitten um Diskretion, nichts genutzt. Zwei Jahrzehnte später, in diesen Tagen, ist der Briefschreiber Ernest Hemingway veröffentlicht und auf dem Markt: In New York erschien, autorisiert von Witwe Mary Hemingway und herausgegeben von Hemingway-Biograph Carlos Baker, erstmals ein Band »Ausgewählte Briefe« des amerikanischen Schriftstellers, Nobelpreisträger 1954.

( Ernest Hemingway: »Selected Letters ) ( 1917-1961«. Verlag Charles Scribner''s ) ( Sons, New York; 948 Seiten; 27,50 ) ( Dollar. )

Die Veröffentlichung der rund 600 Hemingway-Briefe, die Baker aus insgesamt 3500 ausgewählt hat, wird kaum noch den Ärger machen, den der Autor befürchtete; zu weit liegen ihre Anstößigkeiten zurück. Aber sie läßt erkennen, daß seine Besorgnisse zu Lebzeiten immerhin nicht unbegründet waren.

Der Band bringt wenig neue Fakten aus Hemingways Lebenslauf ans Licht. Seine Freundestreue zu den unterschiedlich unglücklichen Kollegen Scott Fitzgerald und Ezra Pound, sein anspruchsvolles, strikt individualistisches Künstler-Ethos und seine Verweigerung politischer Engagements ("Ich bin kein gottverdammter Patriot, nicht links und nicht rechts") werden eindrucksvoll sichtbar. Aber auch der sich brüstende Jäger, Fischer, Boxer, Kriegsmann, der weltbekannte Zampano, der es mit Grizzlybären und Kudus und Marlinen ebenso aufnimmt wie mit »Dr. Tolstoi«, dem er sich, wenn auch nicht »über die volle Distanz«, so doch »über sechs Runden« gewachsen fühlt.

Der trinkfeste Entertainer präsentiert sich, der Spaßvogel, der schon mal mit »Huck von Hemingstein« unterzeichnet; der Liebhaber und Ehemann, der einer seiner vier Frauen schreibt, falls ein Baby komme, sei »die Hauptsache eine gute Kinderschwester«; »Papa« Hemingway, der seinem ältesten Sohn nach dessen Hochzeit die Bitte übermittelt, seine Frau möge bald »ein paar gute Junge werfen« (es wurden die schönen Schwestern Joan, Margaux und Mariel).

Auffälliger als all das ist an der Korrespondenz-Auswahl jedoch: Ernest Hemingway (1899 bis 1961), Amerikas berühmtester Erzähler im 20. Jahrhundert, stilbildender Prosaist, ließ sich als Briefschreiber gern gehen -- stilistisch und sogar orthographisch wie vor allem bei Urteilen und Klatsch über Kollegen und andere Zeitgenossen.

John Dos Passos nannte er in einem Brief an William Faulkner einen »zweitklassigen Schriftsteller« und »schrecklichen Snob«. Faulkner wiederum machte er in einem Brief an die Journalistin Lillian Ross ("Bitte, zitieren Sie mich nicht") schlecht: »Er ist immer ein ziemlicher Schwindler gewesen, aber erst seit kurzem zieht er Gott mit hinein, wenn er die Leute betrügt ... Ich wünsche ihm einen gnädigen Tod und daß er zu schreiben aufhört, nachdem er sein Talent verloren hat.«

Einen »Schwindler«, »Fälscher« und »Wichser« nannte er seinen Kollegen und Spanienmitkämpfer Andre Malraux, manche Werke des Franzosen bekalauerte er als »masterpisses«.

Über Gertrude Stein, seine Mentorin in den frühen Pariser Jahren, teilte er gleich mehreren Briefpartnern mit, sie habe ihr schriftstellerisches »Talent im Klimakterium verloren«. Dem Literaturkritiker Edmund Wilson berichtete er: »Sie erklärte mir einmal drei Stunden lang, warum sie lesbisch sei, die ganze Mechanik, und warum der Akt für die, die ihn vollziehen, gar nicht eklig und erniedrigend sei ... Ich war so weg von ihrer Theorie, daß ich noch am selben Abend loszog und eine Lesbierin fickte, mit prächtigem Resultat, das heißt, wir haben gut geschlafen hinterher.«

Besonders wüst zog Hemingway 1951, in Briefen an ihren gemeinsamen Verleger Scribner, über James Jones und dessen Pearl-Harbor-Roman »Verdammt in alle Ewigkeit« her.

Der Weltkrieg-I-und-II-Veteran Hemingway, zu dessen besten Freunden alte Army-Kameraden wie der US-Oberst (später General) Charles T. Lanham gehörten, schimpfte Jones einen »Feigling« und »winselnden Neurotiker«, sein Buch eine »Eiterbeule«, einen »Strom von Rotz«, und er warnte den Verleger: »Jones hat den Psychopathen-Drang, sich umzubringen, und er wird es tun. Mach schnell möglichst viel Geld mit ihm und behalte genug zurück für ein christliches Begräbnis.«

Nicht jeder Schimpf des Briefschreibers ist freilich für bare Münze zu nehmen, wie auch der gelegentliche Gebrauch der Wörter »nigger« und »kike« ("Itzig") Hemingway nicht wirklich als Rassisten überführt. Ähnlich verhält es sich mit einigen starken Sprüchen über Frauen: »Wenn man eine Frau verläßt, sollte man sie am besten erschießen. Das würde einem viel Ärger ersparen, auch wenn man dafür gehängt wird.«

Die meisten dieser Grobheiten entsprangen der notorischen Hemingway-Pose des hartgesottenen »He-man«, die -- auch das machen die Briefe wieder einmal deutlich -- viel innere Unsicherheit überdeckte. Mancher Ausbruch gehörte in das von ihm selbst so genannte »Dossier für Dampfablassen«.

In diese Akte legte er 1949 auch eine Schmäh-Epistel an Francis Kardinal Spellman ab. Der politisch weit rechts stehende US-Kardinal hatte mit Hilfe katholischer Seminaristen einen Streik von Totengräbern zu brechen versucht. Hemingway, »ehemals zahlendes Mitglied« der Kirche, schrieb ihm: »Mein lieber Kardinal, jedes neue Photo, das S.253 ich von Ihnen zu sehen bekomme, zeigt mir mehr heuchlerisch affektierte Arroganz, Öligkeit und Dreistigkeit. Ich kenne Ihre Lügen über die spanische Republik, und ich weiß, warum Sie gelogen haben ... In Europa heißt es, Sie würden der nächste Papst, der erste amerikanische. Aber schlagen Sie sich das nur aus dem Kopf ... Solange ich lebe, werden Sie niemals Papst.«

Anmerkung des Herausgebers Baker zu diesem Brief: »Getippt und signiert von EH, aber vielleicht nicht abgeschickt.«

Ernster gemeint und ernster zu nehmen ist da schon, was Hemingway 1949 in einem Brief an Scribner ("zu Deiner Information") über seine Mutter zu Papier brachte: »Weil sie so alt ist, habe ich ihr zuliebe in letzter Zeit die Rolle eines ergebenen Sohnes gespielt. Aber ich hasse sie bis aufs Blut, und sie haßt mich genauso. Sie hat meinen Vater in den Selbstmord getrieben ...«

Als Edmund Wilson in einem Buch über »verborgene Wunden« in Dichterseelen spekulierte und dabei auch auf Hemingways gestörtes Verhältnis zu seiner Mutter anspielte, fluchte der Dichter-Krieger (in einem Brief an einen Wilson-Kollegen) über solche Psycho-»Scheiße« -- und ließ damit doch erkennen, wie betroffen er war: »Runter von der Couch, Hemingstein ... Ich habe 22 sichtbare Wunden (außer der angeblichen verborgenen).«

Er habe, so trumpfte Hemingway auf, in den verschiedenen Kriegen »mit Sicherheit 122« Gegner »getötet, wahrscheinlich noch mehr«. Und er erzählte von jenem Abschuß, bei dem ihm »am schlechtesten zumute war": Im Herbst 1944 erschoß er aus dem Hinterhalt einen deutschen Soldaten, der auf dem Fahrrad nach Aachen zu flüchten versuchte.

Hemingway: »Der Junge war etwa so alt wie mein Sohn Patrick damals, und ich hatte ihn durchs Rückgrat geschossen, und die Kugel war durch die Leber rausgekommen. Es gab keine Möglichkeit, ihn nach hinten zu bringen, und deshalb legte ich ihn so bequem wie möglich hin und gab ihm meine Morphiumtabletten ... Nein, ich bin der Ansicht, wir sind so, wie die Welt nun mal ist, und diese ganzen psychoanalytischen Interpretationen sind alles andere als zutreffend.«

Der Satz, den Hemingway in jenem Brief aus dem Jahr 1950 dann folgen ließ, könnte heute auch als Kommentar zur postumen Veröffentlichung seiner Korrespondenzen gelesen werden und den dafür Verantwortlichen als Rechtfertigung dienen:

»Was die Nachwelt betrifft, so habe ich nur eines im Sinn: wahrheitsgetreu zu schreiben. Die Nachwelt kann auf sich selber aufpassen oder mich am Arsch lecken.«

S.252Ernest Hemingway: »Selected Letters 1917-1961«. Verlag CharlesScribner''s Sons, New York; 948 Seiten; 27,50 Dollar.*1944 als Kriegsberichter mit US-Oberst Lanham vor einem zerstörtendeutschen Westwall-Bunker.*

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