VERKEHR Immer links
Entnervt tritt der Porschelenker mit aller Kraft aufs Bremspedal. Die Überholspur auf der Autobahn ist blockiert: Ein Fernfahrer hat seinen 30-Tonner ruckartig nach links gewuchtet, um aus dem Windschatten heraus einen kaum langsameren Laster zu passieren.
Das mühsame Kraftmessen, Trucker gegen Trucker, geht über mehrere Kilometer. Während der Mann im Porsche nur hilflos auf die Rücklichter des Lasters starren kann, wird er links, auf einer deutlich markierten Sonderspur, von einer dicht auf dicht fahrenden Kolonne von Kleinwagen überholt.
Die Insassen, Fahrer wie Beifahrer, sind total entspannt - manche dösen, andere lesen oder gucken einfach in die Landschaft. Ums Auto kümmert sich keiner - Bremsen, Lenken und Beschleunigen erledigt ein Computer, reaktionsschneller und exakter als jeder Fahrer.
Was wie Science-fiction oder Träumerei eines ADAC-Präsidenten anmutet - die Vision vom streßfreien, zügigen Dahingleiten über die Autobahn -, »funktioniert im Versuchsstadium schon heute«, versicherten Ingenieure des Volkswagenwerks letzte Woche auf der »Hannover-Messe ''88«. Dort hat VW das Verkehrsleitsystem »Convoy-Pilot« erstmals vorgestellt.
Mit nur einem halben Meter Abstand zwischen den Stoßstangen soll die von VW geplante »gewollte Kolonne« aus beliebig vielen Personenwagen mit Dauertempo 120 über die Autobahn rauschen - gleichgültig ob es bergauf oder bergab führt, ob es rechts oder links in die Kurve geht. Doch nur jener Verkehrsteilnehmer darf die Spezialspur nutzen, dessen Fahrzeug dafür mit modernster Elektronik vollgestopft ist, einem komplizierten System aus Sendern und Sensoren, Servoanlagen und Mikroprozessoren.
Trotz der geplanten Sonderspur sollen für das von den VW-Forschern ausgetüftelte Konvoi-Konzept die herkömmlichen Autobahntrassen ausreichen. Die für den elektronisch gesteuerten Kolonnenverkehr benötigte zusätzliche Fahrbahn könnte, so der Vorschlag aus Wolfsburg, einfach auf den fast überall vorhandenen Grünstreifen in der Mitte betoniert werden. Leitplanken, Gras und Gebüsch müssen weichen, statt dessen werden (in beiden Richtungen) 2,20 Meter breite Sonderspuren gebaut, vom Gegenverkehr abgegrenzt durch eine 80 Zentimeter hohe Schutzmauer.
»Rund 90 Prozent des deutschen Autobahnnetzes«, versichert VW-Forschungschef Peter Walzer, »sind für unser neues System geeignet.« Lediglich die Seitenbankette, jene Befestigungsstreifen am äußersten Rand der Fahrbahn, müßten um einige Handbreit geschmälert werden. Stand-, Fahr- und Überholspur dagegen müßten nicht verengt werden (siehe Graphik).
Ähnlich wie ein Jumbo-Kapitän, der etwa auf den Luftstraßen zwischen Europa und den USA das Steuer weitgehend dem Autopiloten überläßt, soll auch der Fahrer künftiger High-Tech-Autos nur noch während der Start- und Landephase selbst Gas geben, bremsen und lenken: Nach der Auffahrt auf die Autobahn schlüpft er in die nächste Kolonnenlücke der linken Spezialspur und aktiviert mittels Knopfdruck den »Convoy-Piloten«.
Sobald der Computer übernimmt, läuft alles automatisch; der Fahr-Roboter beschleunigt erst auf 130 km/h, bis er Anschluß an die Kolonne gefunden (im VW-Jargon: »angedockt") hat. Kurz vor Erreichen des letzten Kolonnenautos wird die Geschwindigkeit allmählich verringert, um schließlich auf Einheitstempo 120 zu schalten.
Lasersensoren überprüfen ständig den Abstand nach vorn und hinten, der einen halben Meter nicht unterschreiten
soll; zwei weitere, an der linken Fahrzeugseite installierte Sensoren messen fortwährend den Abstand zur Leit- und Schutzmauer in der Mitte und halten den Wagen stets dicht am Betonwall.
Alle Daten fließen in einen Zentralrechner ein, der permanent Kurs und Geschwindigkeit kontrolliert. Erforderliche Korrekturbefehle werden in Sekundenbruchteilen an Motor, Bremsen oder Lenkung übermittelt. Wegen der exakten Einhaltung von Spur und Tempo halten die VW-Ingenieure auch die vorgesehene Schmaltrasse für ausreichend: »Nur wenig mehr als zwei Meter Breite genügen völlig«, bekräftigt VW-Forscher Christian Voy, der eine Realisierung des Projekts noch in diesem Jahrhundert für möglich hält.
Über Funk kommuniziert der Bordcomputer dabei ständig mit den Rechnereinheiten der vorausfahrenden und nachfolgenden Wagen. Jedes Brems- und Beschleunigungsmanöver wird umgehend an die anderen Kolonnenfahrzeuge weitergemeldet: Wenn einer bremst, etwa bei einer Motorpanne, passen sich alle automatisch an, bis zum Stillstand. Ein drohender Auffahrunfall innerhalb der Kolonne, beteuert VW-Manager Walzer, sei »mit Sicherheit auszuschließen«.
Nähert sich der Fahrer seiner Zielausfahrt oder will er, wenn es der Verkehr erlaubt, auf den Normalspuren mit Vollgas loslegen, schaltet er den Convoy-Piloten einfach ab. Sogleich bildet sich (durch automatisches Beschleunigen der Vorausfahrer und Abbremsen der Folgenden) eine Lücke zum »Ausdocken«.
Das neue System, davon sind die Wolfsburger überzeugt, sei mehr als nur ein Komfortzubehör für Fahrer, die weitgehend ohne Streß und ständige Adrenalinausschüttungen vorwärts kommen wollen. Der Convoy-Pilot, der laut VW-Planung »nicht mehr als 2000 Mark kosten soll«, biete vielmehr zahlreiche Vorteile, ohne die auf den zunehmend belasteten Bundesfernstraßen künftig kaum noch ein flüssiger Verkehr möglich sei. So garantiere die elektronisch gesteuerte Kolonnenfahrt beispielsweise: *___erhöhte Sicherheit - durch Ausschalten menschlicher ____Reaktionszeiten und das Vermeiden jeglicher ____Überholmanöver; *___geringeren Energieverbrauch - das Windschattenfahren im ____Konvoi mindert den Luftwiderstand; *___weniger Abgase - weil die Motoren bei Dauertempo 120 ____weniger Schadstoffe ausstoßen als beim ständigen ____Wechsel zwischen Beschleunigen und Bremsen im normalen ____Verkehrsfluß, und *___optimale Ausnutzung des vorhandenen Straßenraums.
Gleichwohl stehen einer Realisierung des ehrgeizigen Projekts, das VW im Rahmen des europäischen Forschungsprogramms »Prometheus« _(Abkürzung für »Programme for an European ) _(Traffic with Highest Efficiency and ) _(Unprecedented Safety« - ein ) _(Gemeinschaftsprogramm der europäischen ) _(Automobilindustrie. ) entwickelt hat, noch etliche Hürden im Weg. Abgesehen von der Finanzierung der erforderlichen Umbaumaßnahmen auf den Autobahnen, müßten auch die Fahrzeuglenker umdenken. »Wir wissen gar nicht, ob die Leute das überhaupt wollen«, sinniert VW-Forscher Walzer. Schließlich gehöre zum Spaß Autofahren »ja auch die eigene Verantwortung«.
Vermutlich wird sich nicht jeder Autofahrer an der Vorstellung erfreuen können, Stoßstange an Stoßstange und immer links, von Hamburg bis München ständig auf den scheinbar zum Greifen nahen Kofferraumdeckel des Vorderwagens zu starren und womöglich auch dessen Abgase einatmen zu müssen.
Dennoch halten die VW-Forscher ihren Prometheus-Beitrag für einen wichtigen Schritt zur Verbesserung der Sicherheit im »Autoverkehr von morgen«. In einem Mahnschreiben an Forschungsminister Heinz Riesenhuber beklagte VW-Vorstand Professor Ernst Fiala das Ausbleiben der versprochenen Zuschüsse aus Bonn. Weitermachen will VW aber notfalls auch ohne Subventionen - und zwar »mit großem Nachdruck«, wie er dem Minister schriftlich versicherte.
Das Volkswagenwerk ist auf Bonner Hilfe auch anderweitig angewiesen. Denn der schöne Plan vom elektronisch kontrollierten Kolonnenfahren würde wohl scheitern, wenn die Bleifüße von der Überholspur ausscherten, um die projektierten Sonderspuren als willkommene Ausweichrouten zu benutzen.
Aber da sei Warnke vor: »Ein Mißbrauch der Leitspur«, appellierten die Wolfsburger vorsorglich an die Regierenden vom Rhein, »muß vom Gesetzgeber verboten werden.
[Grafiktext]
IM KONVOL ANS ZIEL Neues VW-Konzept zur automatischen Fahrzeugführung Bankett Herkömmliche Autobahn Stamdspur 2,70m Normalspur 3,75m Überholspur 3,75m Grünstreifen 2,20m Computergesteuerter Kolonnenverkehr auf dem ehemaligen Grünstreifen: Rechner und Sensoren nehmen dem Fahrer auf der - nur für Autos mit »Convoy-Pilot« zugelassenen - Sonderspur Lenken und Bremsen ab, sorgen für Minimalabstand (50 Zentimeter) und gleichbleibende Geschwindigkeit von 120 km/h. Fahrzeuge ohne »Convoy-Pilot« benutzen die unverändert breiten Normalspuren wie gewohnt. Geplante Autobahn mit Sonderspur
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Abkürzung für »Programme for an European Traffic with HighestEfficiency and Unprecedented Safety« - ein Gemeinschaftsprogramm dereuropäischen Automobilindustrie.