Immer Mutters Bester - DER SPIEGEL
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POP Immer Mutters Bester

Bekannt wurde der Musiker Kanye West als Arrangeur für Stars wie Alicia Keys. Seine erste Solo-CD ist ein sanftes HipHop-Glanzstück.
• aus DER SPIEGEL 26/2004
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der Kerl ist ein Angeber, wie ihn die Show-Welt seit den legendären Zeiten des boxenden Großsprechers Muhammad Ali nicht vernommen hat. Er sagt Sätze wie »Manchmal wünsche ich mir, ich wäre jemand anders, damit ich meine eigene Musik noch viel mehr genießen kann«. Aber der Erfolg gibt dem begnadeten Verbal-Trompeter Kanye West Recht.

Er hat für andere amerikanische Popstars diverse Hits (mit-)verfasst und produziert, so etwa für Jay-Z »Izzo«, für Ludacris »Stand up« und für Alicia Keys deren Erfolgsnummer »You Don't Know My Name«. Angeblich lässt sich West, 26, seine Dienste für andere Interpreten mittlerweile mit bis zu 100 000 Dollar pro Song vergolden.

Nun hat das »Wunderkind« (so die US-Zeitschrift »Entertainment Weekly") im HipHop-Geschäft auch noch ein Debütalbum als Solokünstler veröffentlicht; »The College Dropout« ist in den USA ein Mega-Seller und könnte auch in Deutschland ein Renner werden. Und was sagt West über sein Werk? »Meine CD ist so gut, dass man davon gleich zwei oder drei Exemplare kaufen sollte, weil sie einem permanent von Freunden gestohlen werden wird.«

Immerhin zeigt West bei aller Aufschneiderei auch Anzeichen von Ironie. Die Zurschaustellung von Arroganz, sagt er, sei nun mal der beste Schutz gegen Angst und Unsicherheit. »In Wahrheit bin ich eher ein furchtsamer Typ. Vor allem aber bin ich sehr ehrgeizig. Und wenn man ständig die Klappe weit aufreißt, setzt man sich selbst unter Druck, etwas besonders Gutes zu liefern - sonst steht man nachher als Idiot da.«

Auf »The College Dropout« kreuzt West höchst lässig geschmeidige Beats mit Melodie-Schnipseln alter Soul-Nummern, Gospelchören und gewitzten Texten über den alltäglichen Rassismus gegen schwarze Amerikaner oder die Ödnis in der Schule. Kurz: West präsentiert HipHop für Menschen, denen diese Musik oft zu laut, zu hektisch und zu rüde ist. Viele Kritiker sind deshalb ganz aus dem Häuschen; als einen der »großen, modernen HipHop-Produzenten« feiert ihn das amerikanische Fachblatt »Rolling Stone«.

West stammt aus sehr bürgerlichen Verhältnissen. Bis vor gar nicht langer Zeit hat er bei seiner Mutter gewohnt, einer erfolgreichen Englisch-Professorin, die in Chicago lebt. Die habe ihm, sagt er, solange er denken könne, »eingetrichtert, dass ich der Größte, Klügste, Beste« sei.

West betont zwar, dass er Kumpel aus finsteren Ecken der Stadt hatte. Er selbst jedoch hing nicht mit irgendwelchen Gangs herum, sondern verbrachte seine Schultage brav im Klassenzimmer und danach mit Hausaufgaben am Computer. Statt mit Crack zu dealen, verkaufte er Jeans in einem Modekaufhaus.

Der Vorname Kanye, so der Musiker, bedeute auf Kisuaheli »der Einzige«. Sein Vater war ein Black-Panther-Aktivist, von dem sich die Mutter trennte, als ihr Sohn drei war. »Weil meine Mutter viel und erfolgreich arbeitete, konnte sie es sich bald leisten, dass wir uns in einem der besseren Vororte von Chicago niederließen.«

West wollte in jungen Jahren zunächst Videospiele entwickeln. Aber weil ihm an diesem Job die Geräusche und Melodien der Spiele weitaus am besten gefielen, verlegte er sich bald darauf, Beats und Rhythmen zu programmieren. Darin war er schnell so gut, dass er seine Produkte an die Provinz-Rapper der Gegend für 50 Dollar das Stück verscherbelte. »Die klingelten, meine Mutter ließ sie rein, und dann spielte ich ihnen in meinem Schlafzimmer vor, was ich zu bieten hatte«, erinnert er sich.

Der Versuch, als Solo-Rapper groß herauszukommen, scheiterte allerdings daran, das keine Plattenfirma an West interessiert war. Also bastelte er notgedrungen für andere im Studio, mixte beispielsweise Soul-Samples, indem er die Abspielgeschwindigkeit drastisch erhöhte, so dass die Stimmen von Chaka Khan oder Nina Simone so klangen wie Mickymaus unter Starkstrom: »Ich fand's lustig - und bis heute hat sich bei mir auch noch niemand beschwert.«

Statt auf dem Cover seines Debütwerks, wie sonst im HipHop-Geschäft üblich, in überweiten Jeans und einem labbrigen Sweatshirt zu posieren, ließ sich West im Bärenkostüm ablichten, eingerahmt von einer viktorianischen Puttengirlande. »Die Leute von der Plattenfirma dachten, ich hätte den Verstand verloren, aber genau so muss eine Platte aussehen, die ich mir kaufen würde, ohne einen Ton davon gehört zu haben«, sagt er.

Überhaupt hält sich Kanye West für ein Genie in allen Geschmacksfragen. So hat er beispielsweise ein Sofa entworfen und will im nächsten Jahr eine erste Modekollektion in die Läden bringen. Mit charmantem Siegerlächeln klagt er: »Ich habe jeden Augenblick 10 000 Ideen und weiß gar nicht, wohin damit.« CHRISTOPH DALLACH

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