ALTER Immer rüstiger
Ein Menschenleben, lehrt die Bibel, »währet siebenzig Jahre«, und »wenn es hoch kommt«, zehn Jahre länger.
Doch das biblische Richtmaß für ein erfülltes Erdendasein, unverändert gültig seit Menschengedenken, wird noch vor Ablauf dieses Jahrhunderts korrigiert werden müssen: Schon die nächsten Generationen, so glauben die Wissenschaftler, werden ein Durchschnittsalter von 100 Jahren oder sogar mehr erreichen.
Zu dieser Prognose kamen Experten, die sich vorletzte Woche in Rüschlikon bei Zürich zu einer internationalen Tagung versammelt hatten. Vis-à-vis dem Friedhof von Rüschlikon, im »Gottlieb Duttweiler-Institut für wirtschaftliche und soziale Studien«, diskutierten rund 150 Fachleute aus 15 Ländern über die »Steuerung des menschlichen Alterungsprozesses« -- über Mittel und Methoden, die Lebensspanne des Menschen zu verlängern, aber auch über die Probleme, die der Menschheit aus solchem Zugewinn schon in naher Zukunft erwachsen könnten.
Einig waren sich die Spezialisten in Rüschlikon -- Biochemiker, Ärzte, Soziologen, Ernährungs- und Versicherungsfachleute -- in der Überzeugung, daß die durchschnittliche menschliche Lebensdauer allmählich, doch unaufhaltsam ansteigen werde. Die Wissenschaft vom Altern, die Gerontologie, so konstatierte ein britischer Tagungsteilnehmer, habe »die ersten, noch unsicheren Schritte auf dem Weg in die Unsterblichkeit« zurückgelegt.
Zugleich aber blickten die Wissenschaftler nur mit Bangen einer Zukunftswelt entgegen, in der die Zahl der Alten bedrohlich wachsen wird. Allein seit 1900 hat sich in den Industrieländern der Bevölkerungsanteil, dessen Alter 65 Jahre übersteigt, mehr als verdoppelt -- es müsse geprüft werden, so forderte der Londoner Forscher Maurice Goldsmith, ob die fortschreitende Vergreisung nicht schon bald zu »gefährlichen Konsequenzen« führen werde,
Einstweilen, mahnte Goldsmith, bleibe noch Zeit, die Risiken zu bedenken; denn die Erforschung des Alterns stehe erst am Anfang ihrer Entwicklung.
Tatsächlich ist es den Wissenschaftlern noch nicht gelungen, die zentralen Triebfedern jener inneren Lebensuhr zu finden, die das Altern eines Organismus steuert. Festzustehen scheint immerhin, daß der Verfallsprozeß wesentlich beeinflußt wird von der Erbmasse eines Individuums -- vom genetischen Urtext, der im Kern einer jeden Zelle liegt und alle Stoffwechsel- und Regenerationsvorgänge regelt.
Nur in wenigen Fällen und ausschließlich in Tierversuchen konnten die Forscher bislang aus ihren Erkenntnissen Verfahren zur Lebensverlängerung entwickeln. Gleichwohl aber genügen die vorliegenden Forschungsergebnisse, um Vorhersagen für die nächsten Jahrzehnte daraus abzuleiten.
Um rund zehn Jahre, so erläuterte in Rüschlikon der US-Futurologe Robert W. Prehoda, könnte das menschliche Durchschnittsalter schon jetzt angehoben werden -- optimale Lebensbedingungen vorausgesetzt. Bis 1980 dürfte es abermals um ein Jahrzehnt auf mehr als 90 Jahre gestiegen sein. 1990 schließlich könnte, nach den Berechnungen Prehodas, die durchschnittliche Lebenserwartung etwa ein volles Jahrhundert betragen.
Seine ferneren Prognosen, für das Jahr 2000 und später, bezeichnete der Zukunftsforscher vorerst als Spekulationen. Ausgehend von der Annahme, daß den Wissenschaftlern gezielte Eingriffe ins Erbgut gelingen werden, prophezeite er für das erste Drittel des 21. Jahrhunderts ein durchschnittliches Höchstalter von 120 oder 130 Jahren -- die äußerste Grenze der Lebenserwartung würde dann bei rund 160 Jahren liegen.
Schon eine weit geringere Ausdehnung der Lebensspanne, soviel wurde in Rüschlikon deutlich, dürfte die westlichen Industrieländer in kaum kalkulierbare Schwierigkeiten stürzen. Abschätzbar erscheinen bislang allenfalls die Kosten, die für das wachsende Heer der Greise aufgebracht werden müßten -- der Schweizer Versicherungsfachmann Hans Ammeter nannte sie »volkswirtschaftlich katastrophal«.
Steigt die Lebenserwartung nur um fünf Jahre an, so wächst nach Ammeters Berechnungen die Summe der Renten und Versicherungsleistungen um rund 25 Prozent; die Versorgungskosten für die Alten würden dann, etwa in der Schweiz, einen Betrag in der Höhe von 60 Prozent des gegenwärtigen Nationaleinkommens erreichen.
Noch gravierender aber erschienen den Forschern in Rüschlikon die sozialen Veränderungen, die durch die steigende Lebenserwartung ausgelöst werden könnten. Der indische Wissenschaftler Shivaji Lal, derzeit Dozent an der Universität von London, malte eine Zukunftsgesellschaft aus, in der die Alten und Uralten die Rolle einer diskriminierten Klasse übernommen haben.
Die Greise, die in der Altersklassen-Gesellschaft trotz fortbestehender Vitalität aus dem Beruf gedrängt und in Alten-Gettos verbannt werden, dürften sich nach Ansicht Lals zu religiösen Sektierern wandeln oder, von Langeweile gemartert, in die Traumwelt der Süchte und des Wahnsinns verirren. Vielleicht, spekulierte Lal, werde dereinst eine »Subkultur der Alten« entstehen -- ein Gedanke, der den britischen Gerontologen Alex Comfort zu der Vision von »greisen Hippies« inspirierte, »die an den Straßenecken herumlungern, Pot rauchen und Steine auf vorbeifahrende Autos werfen«.
Während der Inder Lal künftige Greisen-Generationen zur verfemten Minderheit absinken sah, beschrieb der Gießener Soziologe Karl W. Boetticher die Alten als aufsteigende, »immer rüstiger werdende« Klasse. Das überkommene Bild vom kränkelnden, in stoischer Bedürfnislosigkeit dahinvegetierenden Rentenempfänger wird nach Ansicht Boettichers bald verschwinden -- »die Emanzipation der Alten« habe begonnen.
Entschiedener als bisher, so Boetticher, werde die Gruppe der Alten in Zukunft ihre Interessen selber wahrnehmen. Der derzeit noch grassierende »Jugendlichkeitswahn« (Boetticher) werde abklingen, die Macht der Greise in Politik und Wirtschaft rasch zunehmen. Selbstbewußter als früher werden die Alten fortan nach Ansicht des Gießener Soziologen ihre Positionen gegen die nachrückenden Generationen verteidigen.
Eine neue Variante des Klassenkampfs, glaubt Boetticher, sei damit zu erwarten -- im Kampf der Wissenschaftler gegen Alter und Tod stehen, so scheint es, vorerst eher Pyrrhussiege bevor: »Friedlicher« jedenfalls, so resümierte Boetticher in Rüschlikon, »dürfte die Welt wohl nicht werden.«