Immer Sauerkraut - DER SPIEGEL
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Fernsehen Immer Sauerkraut

Eine TV-Sendung attackiert eine heilige Kuh des Fernsehens: »Volkstheater« à la Millowitsch.
• aus DER SPIEGEL 27/1973
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

In deutschen Stuben geht am Samstagabend manchmal die Sonne auf:

Wenn der Kölner Willy Millowitsch seine Hurra-Klamotten grimassiert; wenn Heidi Kabel und Henry Vahl vom Hamburger »Ohnsorg-Theater« tüttelige Waterkant-Schwänke vorführen; wenn die Wiener »Löwinger-Bühne« und der Münchner »Komödienstadel« ihre Grantler und Lederhosen-Lackel loslassen – an solchen Fernseh-Abenden sind die Deutschen hebend gern dabei: bis zu 53 Prozent.

Da findet statt, was im Volksmund und in TV-Programmen »Volkstheater« heißt und dem breiten Volke dienen will; in Wahrheit aber ist es ein Theater gegen das Volk – so behauptet jetzt eine TV-Sendung.

Am Freitag dieser Woche, zur schönsten Volkstheater-Zeit (20.15 Uhr), kommt aus der medienkritischen »Glashaus«-Redaktion des WDR ein gelungener Wurf. Unter dem brechtischen Titel »Ist das Volk so tümlich?« gehen der Journalist Melchior Schedler und der WDR-Redakteur Martin Wiebel mit dem volkstümlichen TV-Theater brechtisch-listig ins Gericht.

Denn die Autoren dozieren nicht, sondern sie zeigen einen Prozeß. Sie hatten für ihren Film drei Arbeiter einer Kölner Kabelfabrik engagiert, ihnen einschlägiges TV-Theater vorgeführt und mit ihnen über Wochen hinweg diskutiert. Die Statements der Kabel-Macher – garniert mit Millowitsch-, Ohnsorg-, Löwinger- und Komödienstadel-Stellen sowie bumsfideler Blasmusik – markieren eine erstaunliche Entwicklung:

Aus den ursprünglich »begeisterten Volkstheater-Zuschauern« (Wiebel) werden Kritiker, die sich als Spott-Opfer der TV-Klamotten erkennen: »Wir sind es selbst«, sagt der gewerkschaftlich organisierte Drahtprüfer Johann Rauch, 47, »die da veralbert, vergackeiert und verarscht werden.«

Nie, beispielsweise werde eine »höhergestellte Persönlichkeit« lächerlich gemacht, immer nur der »kleine Mann«. Man zeige »bewußt, wie unbeholfen der Arbeiter ist« und daß er »keine Umgangsformen« habe. Man könne doch auch mal »einen Reichen von einem Fettnäpfchen ins andere treten lassen«.

Das, sagt der Klamotten-Krösus Millowitsch, ehe nicht. Bei einem Kegelabend mit den drei Kabelwerkern im Klub »Schräge Zehn« verstreut er Leitsätze seiner Kunst: Der kleine Mann, sagt er, amüsiere sich »doch viel besser in seinem eigenen Rahmen«: denn der »Rahmen der Oberen« sei ja »gar nicht sein Gebiet«.

Das TV-Volkstheater, resümieren die Autoren bitter, »lacht mit der Mehrheit über die Mehrheit in diesem Lande«. Freilich: Das Gelächter. das den einen ein Greuel, ist anderen Musik in den Ohren – den Unterhaltungs-Abteilungen der TV-Anstalten, die solche Ware produzieren.

Das Amt der Kölner »Glashaus«-Redaktion, das eigene Nest zu kritisieren, bringt so naturgemäß Beschwerden. Mit dem TV-Volkstheater attackieren die Kölner zudem eine der ältesten scheinheiligen Kühe des deutschen Fernsehens; Millowitsch und das »Ohnsorg« pladdern schon rund 20 Jahre auf den Schirm.

»Glashaus«-Redakteur Wiebel hat aber von den betroffenen Kollegen »noch nichts gehört«. Wiebel-Chef Hans-Geert Falkenberg, der Stammvater der »intramedialen Kritik«, hält die Selbstmusterung der Sender für eine heilsame Übung, um »aus passiven Konsumenten aktive Kommunikatoren« zu machen: Für viele Zuschauer sei das Fernsehen leider immer noch »eine Instanz, vor der sie in die Knie gehen«.

Die drei Kabelwerker stehen schon, und einer spricht zum Schluß in Bildern: Wenn ein Mensch immer nur Sauerkraut vorgesetzt kriege, werde er wahrscheinlich »mit wachsender Begeisterung« immer weiter Sauerkraut essen. Aber wehe, es komme einmal was anderes: »Dann werde ich wahrscheinlich von dem Sauerkraut weg sein.«

Redakteur Wiebel hofft, daß die Seher seiner Sendung, durch Identifizierung mit den Kabelwerkern, zu ähnlichen Durchblicken gelangen. Anwendungs-Möglichkeit ist schon tags darauf: Da läuft, am Samstagabend, das Volksstück »Vier Frauen um Kray« mit Heidi Kabel und dem Hamburger »Ohnsorg-Theater«.

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