Immer schwieriger - DER SPIEGEL
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THEATER Immer schwieriger

Friedrich Dürrenmatts neues Stück »Der Mitmacher«, sein erstes seit drei Jahren, wurde in Zürich ausgebuht. Der Regisseur distanzierte sich, wegen Einmischung des Autors, von der Inszenierung.
• aus DER SPIEGEL 11/1973
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Killer Sam, vierschrötig und von schlichtem Gemüt, versuchte ein aufmunterndes Wort. Einem Wissenschaftler, den er eben zusammengeschlagen hatte, redete er gut zu: »Mach schön weiter, mein Junge.«

Das war zuviel. Nach dem Schlußwort des Ganoven, gesprochen am vorigen Donnerstag auf der Bühne des Züricher Schauspielhauses. brach Empörung los. Mit Bubgeschrei quittierte das Premierenpublikum die Uraufführung des lang erwarteten Theaterstücks »Der Mitmacher« von Friedrich Dürrenmatt. Der massige, joviale Autor ("Pfiffe machen mir nichts aus") trotzte allein auf weiter Bühne dem lauten Unmut.

Mitmacher Andrzej Wajda, den der Theaterzettel für die Inszenierung verantwortlich machte, befand sich schon auf dem Rückzug. Der polnische Filmregisseur ("Asche und Diamant") distanzierte sich noch am selben Abend von dem Desaster: Nachdem Dürrenmatt sich dauernd in die Regie eingemischt habe, könne er, Wajda, seinen »Namen nicht mehr dafür hergeben«.

Vergebens, so der Regisseur. habe er versucht, das Stück, das er »sehr liebe« »vor seinem Autor zu retten«. Auch seien auf Dürrenmatts Wunsch. klagte er weiter, kurzfristig neue Kostüme entworfen worden -- ohne Wissen der (polnischen) Kostümbildnerin.

Aus der Sicht des 52jährigen Dramatikers waren diese Einmischungen nur konsequent: Dürrenmatt erachtet sein Schriftstellerhandwerk als eine »Art Rohregie« und hatte in der Anfangsphase der siebenwöchigen, hermetisch abgeschirmten Proben den »Mitmacher« immer wieder umgeschrieben«. Denn: »Es wird immer schwieriger, ohne Theater zu schreiben.«

Schwierig scheint es auf jeden Fall geworden zu sein. Nach so mancher makabren, farcenhaften »Komödie« voll Welt-Ekel hat der Schweizer Moralist diesmal eine so spröde Fabel aufgeschrieben, daß ihr auch mit Feinregie kaum beizukommen gewesen wäre:

Ein Universitätsbiologe ("Doc«, der einst »den Aufbau des Lebens untersuchte«, ist in die Industrie gewechselt, hat aber nach einer Wirtschaftskrise seinen Konzern-Job eingebüßt und ist, als Taxichauffeur, in das »intellektuelle Proletariat« der Städte hinabgetaucht.

So lernt er »Boß«, den »König der Unterwelt«, kennen, dem die zahlreichen Leichen seiner auf Bestellung gemordeten Opfer im Wege sind. Doc weiß Rat -- er hat eine Maschine erfunden, die Kadaver in ihre »natürlichen Bestandteile« auflöst. Mit diesem »Nekrodialysator« geht der Intellektuelle dem Boß zur Hand -- ein Mitmacher. Er tritt in das Verbrecher-»Unternehmen« ein und leitet, was sterblich war, in die Kanalisation der Stadt.

Dieser »Mordsspaß«, fünf Stockwerke tief unter der Erde ausgeführt, wird durch eine Visite des Polizeichefs »Cop« kaum gestört: Cop erpreßt eine 50-Prozent-Beteiligung an der Mord-GmbH; das Geschäft, auch vom Bürgermeister und Staatsanwalt mit Protektion bedacht, floriert wie nie.

Doc freilich wird dessen nicht recht froh: Sein eigener Sohn, ein »Anarchist und Amokläufer«, muß auch in die Maschine, und sogar seine Geliebte Arm trübt schließlich das Kloaken-Wasser: Sie war, was Doc nicht wußte, zugleich die »Pflanze« des eifersüchtigen Boß.

Am Ende -- auch Boß und Cop sind mittlerweile liquidiert -- muß der Forscher froh sein, nicht selber in die Nekrodialyse zu geraten. Gedemütigt durch das System, »heiliggesprochen von seinem schlechten Gewissen«, ist er ein rechter Under-Doc geworden.

Diese pessimistische Parabel vom Konformismus der Intellektuellen hat Dürrenmatt seit einem US-Aufenthalt 1959 beschäftigt. In zäher Arbeit trieb der Sprach-Asket ("Schön schreiben kann jeder") den Text durch sieben Fassungen zu immer größerer Lakonie -- und bis zu Gemeinplätzen wie »Mitmacher sind wir alle«, »Jeder ist bestechlich«. Oder. ein wenig kesser: »Mitmachen ist verbrecherisch, Pläneschmieden Zeitverschwendung. Bloß Amoklaufen hilft weiter.«

Der Züricher Inszenierung allerdings ist keinerlei Anarchismus anzumerken. Brav stehen die Darsteller zumeist an der grauen Rampe, sagen einander ihre Texte auf und geben auch (in fünf Monologen) dem Publikum Erklärungen ab. Der gedankenblassen, unsinnlichen Fiktion hilft die Regie nicht weiter. Amok laufen dürfen allenfalls die Zuschauer.

Dürrenmatt ist daran schon gewöhnt. Nach Welterfolgen in den sechziger Jahren hat er mittlerweile Publikum und Kritik meist gegen sich. Die Uraufführung seines bislang vorletzten Werks ("Porträt eines Planeten") 1970 in Düsseldorf erschien zum Beispiel der »FAZ« als ein »erbarmungswürdiger Abend«.

Nach einer einzigen Premiere aber gibt der Autor noch kein Stück verloren. »Man muß sich«, sagt er, »von Theater zu Theater, von »Mitmacher' zu »Mitmacher' durchmausern«

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