FERNSEHEN / Telemann IMPERFEKTION
Wenn Filmproduzenten jäh zu der Ansicht neigen, hunderttausend Mark pro Rolle seien ein schönes Stück Stargage, wenn sogar Film-Pressechefs das Wort »Krise« entschlüpft und Filmverleiher ein »Binich-nicht-ein-guter-Verlierer?« -Lächeln zur Schau tragen, dann weiß das aufgeweckte Weltkind, was dahinter steckt: das Fernsehen.
Der Existenzkampf, der da seit Jahren tobt und der, wie jeder bessere Konflikt, im Zeichen friedlicher Koexistenz zu stehen vorgibt, wurde von aller Filmwelt mit dem Schlachtruf »Wir können was, was Ihr nicht könnt!« eröffnet. Farbe, Breitwand, Cinemascope, Vista-Vision, Todd-AO, Starkult, »Nur für Erwachsene« - aus allen Rohren und dicht über die Köpfe der Freiwilligen Selbstkontrolle hinweg kamen ihre Breitseiten. Selbst der oft vermißte »gute Film« mußte als Munition herhalten.
Was aber schickte das Fernsehen ins ungleiche Treffen? Nichts. Es wuchs und mehrte sich, hielt es für einen Glücksfall, erfunden worden zu sein, und strickte am trauten Programm. Zwei schlicht, zwei kraus.
So stellten denn auch die Filmkanoniere ihr Störfeuer ein. Beklommen zwar, weil die Zahl der Kinobesucher stetig abnahm (15 bis 20 Prozent jährlich), aber ohne Panik und im Glauben, daß der sanftmütige Konkurrent ihnen wohl gestatten würde, mit heiler Haut in den Schrott- oder Gemüsehandel zurückzukehren. Schlimmstenfalls.
Doch plötzlich, sei es aus Neckerei oder weil sie wieder mal nicht wußte, wie sie sich die Sendezeit vertreiben sollte, plötzlich legte die Fernsehfunkstation Köln ihr Strickzeug beiseite, rief trutzig: »Ich kann etwas, was Ihr nicht könnt!« - und schoß zurück.
Bereits nach dem ersten Treffer, dem sechsteiligen Heimkehrer-Epos »So weit die Füße tragen« von Josef Martin Bauer (April 1959), merkte die Gegenseite, auf welche besondere Fertigkeit sich der Westdeutsche Rundfunk etwas zugute hielt, und darum sah sie dem zweiten Bombardement, der Verfilmung des Romans »Am grünen Strand der Spree« von Hans Scholz, mit berechtigter Nervosität entgegen.
Und wiederum stellte sich heraus: Das Fernsehen kann Romane erzählen; ausführlicher, werktreuer als die Filmindustrie. Es kann sich Zeit nehmen: ein Jahr für die Vorbereitung, zehn Wochen (mit 14tägigen Pausen) fürs Senden. Vor allem aber kann das Fernsehen billiger arbeiten als der kommerzielle Film. Der fünfteilige Fernseh-Roman »Am grünen Strand der Spree« kostete samt 180 Schauspielern, 4500 Komparsen, 2250 Kostümen und 100 alten Wehrmachtsfahrzeugen nur wenig
mehr als ein einziger deutscher Spielfilm, nämlich zwei Millionen Mark.
Und noch etwas kann das Fernsehen, was der Film nicht kann: Es kann politisch unbequem sein, ohne Gefahr zu laufen, vor leere Stuhlreihen oder in den Wirkungsbereich von Stinkbomben und weißen Mäusen zu geraten. Zumindest kann es die Vorstellungskraft derer beleben, die millionenfachen Mord für eine Frage der Arithmetik halten. Beweis: der Schluß des ersten Filmteils ("Das Tagebuch des Jürgen Wilms«, 22. März).
Kurzum: Die Filmbranche müßte sich stracks in die Schäm-Ecke stellen - wenn da nicht der Regisseur und Fernseh-Romancier Fritz Umgelter wäre: Er tat, was sich zünftige Drehbuchschreiber aus gutem Grund längst abgewöhnt haben: Er klammerte sich überängstlich ans Fontane-preisgekrönte Original; nicht bedenkend, daß auch ein Fernseh-Filmroman ein Film ist. Das heißt: Alles Wichtige muß in Bilder übersetzt, alles Unwichtige weggelassen werden, und die Dialoge müssen sprechbar sein.
Zungengymnastische Übungen wie »Der Spätheimkehrer, den wir gemeinsam vor drei Monaten dem westlich-bürgerlichen Leben zurückzugewinnen trachteten, ist wieder hier« oder zierlich gedrechselte Kommiß-Konjunktive ("Habe ich nicht zum Ausdruck gebracht, daß es eine Selbstverständlichkeit sei ...") legen den Verdacht nahe, daß auch des Fernsehens Erzählertalent vorerst nur in der Möglichkeitsform besteht.
Dennoch sollte sich die Filmwirtschaft nicht zu früh ins Fäustchen lachen. Telemann jedenfalls wird nimmer vom Schirm weichen, bis er die Schlacht bei Kunersdorf (III. Teil, »Preußisches Märchen") nachvollzogen und schließlich erfahren hat, ob Fritz Umgelters literarischer Respekt auch das Florentiner Schau-Duschen der morgenschönen Cornelia (V. Teil) umfaßte. Wiewohl der Pressedienst des NWRV Köln vermeidet: »Nicht alle Wünsche gehen in Erfüllung.«
Ja, selbst wenn sich innerhalb der nächsten neun Wochen erweisen würde, daß sämtliche Personen der Handlung Hans Scholzens Kunstdruck-Jargon nachplappern mußten - von denen der Rahmenhandlung weiß man's ja bereits -, darf der Weg, den das Westdeutsche Fernsehen nun zum zweitenmal eingeschlagen hat, mit Fug ein Ruhmespfad genannt werden. Nur: Vielleicht sollte es sich nach einem anderen, respektloseren Pfadfinder umtun.
Merke: »Wir sind der schwachen Imperfekta müde.« (Hans Scholz, »Am grünen Strand der Spree")