In der Schwebe - DER SPIEGEL
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PATIENTEN In der Schwebe

• aus DER SPIEGEL 52/1961
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Die ehrwürdige britische Mediziner -Zeitschrift »The Lancet« (gegründet 1823) teilte ihren Lesern in der letzten November-Nummer mit, »daß Schweine fliegen können«.

Ein Photo belegte die merkwürdige Verlautbarung. Es zeigte ein Dutzend armdicker, praller Schläuche, die zu einem polypenförmigen Gebilde verknüpft waren. Wenige Zentimeter über der Apparatur schwebte ein narkotisiertes Schwein.

Dieses Gerät, so erläuterte der Begleittext, sei entwickelt worden, um Versuchstiere vom Gewicht erwachsener

Menschen in den Schwebezustand zu versetzen. »Bei der Apparatur werden zwölf Düsen verwendet, durch die in jeder Minute 57 Kubikmeter Luft strömen.« In dieser Luft lag des Rätsels Lösung: Das Schwein ruhte auf einem künstlich erzeugten Luftkissen.

Der Schweine-Lift im Orthopädischen Institut der Londoner Universität war das entscheidende Experiment einer Versuchsreihe, von der sich britische Wissenschaftler neue Methoden für die Pflege schwerkranker Patienten versprechen: Sie erwägen, Patienten mit bestimmten Gebrechen vorübergehend auf Luftkissen zu betten, etwa

- Verlefzte mit schweren, umfänglichen Verbrennungen, die sonst auf ihren Wunden liegen müßten,

- Gelähmte, die sich selbst auf einer weichen Unterlage rasch wundliegen könnten.

John T. Scales von der »Abteilung für Biomechanik und Chirurgische Apparaturen« im orthopädischen Universitäts -Institut hatte sich die Schwebekur einfallen lassen. In seinen ersten Experimenten hantierte er mit einer Membran von der Größenordnung einer Bahre, durch die von unten - mit Hilfe eines Gebläses - Luft gepreßt wurde.

Dabei stellte sich heraus, daß die Versuchsgegenstände zwar flugs um einige Zentimeter emporgehoben wurden, aber auf die Membran zurückplumpsten und gleich darauf wieder hochgeschleudert wurden. Das Auf und Ab geschah so rasch, daß Scales den Vorgang als »äußerst beunruhigende Erfahrung« einstufte.

Dem Schütteleffekt lag der Umstand zugrunde, daß die Luft unter dem emporgehievten Versuchsobjekt immer wieder nach den Seiten wegströmte. »In diesem Stadium der Experimente«, notierte Scales in »The Lancet«, »erschien es ratsam, sich einmal näher mit dem Prinzip des Hovercraft zu beschäftigen.«

Das Beispiel des Hovercraft - so lautet der Sammelbegriff für die seit einigen Jahren von führenden europäischen und amerikanischen Industriefirmen entwickelten sogenannten Schwebefahrzeuge - lieferte nämlich den Beweis, daß selbst viele Tonnen schwere Objekte bei entsprechenden technischen Vorrichtungen mühelos im Schwebezustand gehalten werden können. Ein von den britischen Flugzeugwerken Saunders Roe gebautes Schwebefahrzeug, das »Hovercraft SRN 1«, überquerte vor zwei Jahren, allein auf seinem Luftpolster gleitend, sogar den Ärmelkanal (SPIEGEL 32/1959).

In Zusammenarbeit mit der Hovercraft Development, Ltd., die einem nationalen Forschungsinstitut untersteht, gelang es John T. Scales denn auch, eine für medizinische Zwecke geeignete Schwebe-Apparatur zu entwikkein. Die Düsen des Gerätes wurden nunmehr so angeordnet, daß Versuchsobjekte ohne Schütteleffekt ruhig in der Luft schweben konnten. »"Es stellte sich heraus«, berichtete Scales lakonisch, »daß, mit Hilfe dieses Apparates, Schweine fliegen können.«

Indes, nur die technische Seite des Problems schien gelöst. Offen hingegen war die Frage, ob Versuchstiere durch den starken Luftstrom und die zu erwartende Abkühlung des Körpers Schaden nehmen würden.

Experimente mit betäubten Schweinen machten die Forscher zuversichtlich. Die Versuche ergaben, daß der Luftstrom auf große Hautwunden eher heilsam einwirken kann. Bei einem schwebenden Schwein trocknete eine künstlich beigebrachte Wunde in einer Stunde aus - ein Prozeß, der unter normalen Umständen 24 Stunden dauert. Und: Das leichte Absinken der Körpertemperatur erschien den Forschern sogar geeignet, das physische Wohlergehen nach, der Operation zu fördern.

»Aus den bisherigen Experimenten«, resümierte Schwebe-Forscher Scales, »ergibt sich, daß der Schwebezustand bei der Behandlung (von Patienten) folgende Vorteile haben könnte: Verminderung des Schocks, verminderter Verlust von Gewebsflüssigkeit durch rasche Trocknung nässender Wunden, schneller Aufbau eines antibakteriellen Schutzfilms, Vermeidung des Wundliegens im Krankenbett.«

In 18 Monaten«, berichtete das amerikanische Nachrichtenmagazin »Newsweek« aus London, »könnte der 'schwebende Patient' Wirklichkeit sein.«

»... und in dieser Station, meine Herren, bekommen unsere Kranken Auftrieb«

Sunday Express

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