ZEITGESCHICHTE In die Reihe getanzt
Es ist die Ruhe vor dem Sturm. Ralf Stabel, Leiter der Staatlichen Ballettschule Berlin, ist allein im Schulgebäude, alle Kollegen sind im Urlaub. Er nutzt die Stille, um in seinem Direktorenbüro sein neues Buch fertigzustellen. Das Sechziger-Jahre-Schulgebäude, in dem er da sitzt, sieht aus wie DDR, riecht wie DDR und war auch eine wichtige Ausbildungsstätte für Tanz im sozialistischen Staat. Und Stabels Recherchen führen mitten in die Zeit, an die das Gebäude ganz und gar erinnert.
Stabel hat die Stasi-Akten von Tänzern und Theaterleuten ausgewertet. Sein Buch kommt jetzt in den Handel und könnte in der Szene einen Schock auslösen**. Der Autor, 43 und Ostdeutscher, hat sich die wichtigsten Tanz-Institutionen der DDR ausgesucht: die Deutsche Staatsoper Berlin, die Komische Oper Berlin, die Schule,
in der er jetzt unterrichtet, und die Palucca-Schule in Dresden. Er hat geforscht, wer dort überall für die Stasi gespitzelt hat, und ist dermaßen fündig geworden, dass ihm selbst »ganz unwohl« wurde. Ein Beispiel: An der Deutschen Staatsoper (einer nationalen Institution, auf die Kulturpolitiker heute so stolz sind, dass sie 200 Millionen Euro für die Sanierung des Gebäudes ausgeben wollen) waren auf allen Ebenen Inoffizielle Mitarbeiter (IM) eingesetzt.
Theater konnten perfekte Abbilder der Diktatur sein, hier kulminierte die Intrige. Das Ausmaß der Bespitzelung aber überrascht selbst diejenigen, die sich in der Tanzszene bestens auskennen. Hanne Wandtke, 68, war 13 Jahre lang Solistin an der Komischen Oper. Sie hat Stabels Buch gelesen und ist verblüfft: »Natürlich waren bei unseren Tourneen immer Herren dabei, die wir nicht kannten, und uns war klar, dass die von der Stasi kommen. Aber dass so viele Tänzer selber mitgemacht haben, hätte ich nicht gedacht.«
Tanz in der DDR war wichtig. Wie beim Sport konnte der Staat mit der nonverbalen Kunstform in der weiten Welt seine Leistungsfähigkeit beweisen. DDR-Tanzensembles traten überall auf, wurden bestaunt. Mit den Hochleistungstänzern der DDR mitzuhalten war nicht leicht, genauso wie die Sprinter und Schwimmer des kleinen Landes kaum zu überbieten waren.
Überhaupt wird in Deutschland heute - weil Tanz in der alten und neuen Bundesrepublik zu einer so elitären Kunstform verkommen ist - vergessen, welch machtvolle, dämonische, also hochinteressante Geschichte diese Kunstform hat. Von Deutschland gingen entscheidende Impulse aus. Moderne Bewegungskünstlerinnen wie Mary Wigman (1886 bis 1973) oder Gret Palucca (1902 bis 1993) befreiten in den zwanziger Jahren den Tanz von den Zwängen des Klassischen Balletts. Tanz wurde so beliebt, dass sich selbst die Nazis für ihre pompösen Aufmärsche von modernen Tänzern anregen ließen.
Viele Tänzer aber gingen auch ins Exil und machten dort den modernen Tanz populär. Es war wie mit der Bauhaus-Ästhetik: Erst durchs Exil wurde sie in der Welt bekannt. Wenn Tänzer sich in den heutigen Hochburgen des Tanzes - etwa den USA - mit einem Mix aus klassisch und modern bewegen, dann hat vieles davon seinen Ursprung in Deutschland.
Von den politischen Verwicklungen der Tänzerszene, der Korrumpierbarkeit von Kunst und Künstlern durch die Staatsmacht erzählt nun Stabel in seinem Buch am Beispiel der Theaterspitzel der DDR.
Der Autor kennt etliche derjenigen, die er als IM quasi enttarnt, persönlich. Kürzlich, nach Recherchen im Archiv, traf er einen Bekannten, der ihn sofort umarmte: »Wie geht es dir?« Stabel erstarrte. Minuten zuvor hatte er die Stasi-Akte des Mannes gelesen: IM »Rotbart«.
In seinem Buch nennt der Autor nicht
die richtigen Namen der IM, sondern nur die von ihnen selbstgewählten Decknamen. Das ist zwar riskant, Leser könnten auf falsche Fährten geraten; wer sich aber auskennt oder erkundigt, kann sich kaum vertun. Dass hinter IM »Hans Sachs« Günter Rimkus steckt, sieben Jahre lang Intendant der Staatsoper, scheint nach der Lektüre so gut wie sicher. Die Akten der Birthler-Behörde nähren den Verdacht, dass Rimkus zumindest vor seiner Intendanz inoffiziell für die Stasi gearbeitet hat. Rimkus selbst, vom SPIEGEL nach etwaiger IM-Tätigkeit befragt, sagt, er sei »in der Form« nicht IM gewesen, aber »zu Fragen der Reisekaderschaft« befragt worden.
Es sind gar nicht so sehr die prominenten Fälle, die Stabel präsentiert. Das liegt in der Natur des Systems: Primaballerinen waren oft Objekte der Bespitzelung. Sie waren der Stolz des Staates, machten ihn aber auch verletzbar. Sie konnten bei einem Gastspiel im Feindesland verschwinden. Also mussten sie bewacht werden.
Nur durch ein ausgefeiltes Spitzelsystem glaubte man die Tänzer in der DDR halten zu können. In der Deutschen Staatsoper wurde im Jahr 1955 IM »Siegfried«, ein Beleuchter, verpflichtet. IM »Jenufa«, Kassenpförtner, kam hinzu. Auf ihn wurde die Staatssicherheit durch seine Homosexualität aufmerksam - ein optimales Druckmittel. Homosexualität war damals strafbar. Unverheiratete und kinderlose Homosexuelle hatten nach Stasi-Meinung keine Bindung an die Heimat. Folgerung des MfS: Fluchtgefahr.
IM »Hans Sachs«, Dramaturg, wurde, so legt es Stabel nahe, wohl mit einem Fernziel engagiert: Er sollte Intendant werden. Dies passierte offenbar 24 Jahre nachdem er sich handschriftlich bereit erklärt hatte, mit der Stasi zusammenzuarbeiten.
IM »René« war eine übergeordnete Fachkraft. Er sorgte als hauptamtlicher Spitzel dafür, dass die ihm anvertrauten IM - zuzeiten an die 30 - fleißig übereinander berichteten. Über das »System René« erfuhr die Stasi, wer an der Staatsoper »verhurt« sei, wer »für Geld alles tun würde«, wer von wem ein Kind erwarte, wer zu viel Alkohol trinke, wann der beste Zeitpunkt sei, eine ältere Primaballerina durch eine jüngere zu ersetzen. Und: wer vorhatte, die DDR zu verlassen.
IM »Othello«, Tänzer an der Staatsoper, wurde gebraucht, weil sich seine Wohnung für konspirative Zwecke eignete, die Stasi übernahm die Betriebskosten. »Othello« war darüber hinaus so gewissenhaft, dass er der Stasi mitteilte, seine eigene Frau habe vor, die DDR zu verlassen. Er hatte auch gleich eine Idee, wie zu verfahren sei: Man solle sie ruhig zur nächsten Gastspielreise in die Schweiz ziehen lassen, dort werde sie sicher flüchten, das gemeinsame Kind solle ihm, »Othello«, zugesprochen werden. Doch die Stasi-Leute dachten gar nicht daran, »Othello« dabei zu helfen, seine Frau loszuwerden. Sie wurde von der Teilnehmerliste der Tournee gestrichen.
Bei aller Umsicht gab es immer wieder Rückschläge: Im Mai 1967 blieben acht Mitarbeiter der Staatsoper bei einem Gastspiel im Westen. 1971 wurde eine Tänzerin der Staatsoper dabei beobachtet, wie sie zweimal täglich trainierte. Da sie als genau der Typus Ballerina galt, der zum Ensemble des Stuttgarter Choreografen John Cranko passte, wurde sie vorsorglich verhaftet.
Zur gleichen Zeit brach das Ensemble der benachbarten Komischen Oper zu einem Gastspiel nach Helsinki auf. Acht Tänzer kehrten nicht zurück - eine katastrophale Niederlage für das MfS, aber auch eine kräftezehrende Herausforderung für die Tänzer, die dem Ensemble treu blieben.
Die Tänzerin und Zeitzeugin Hanne Wandtke erzählt: »In Helsinki haben wir Tag und Nacht umbesetzt, bis zur Erschöpfung neu einstudiert. Die Tournee musste ja weitergehen, wir galten als Aushängeschild.«
Eine der geflohenen Tänzerinnen kam aus Sehnsucht nach ihrem Kind in die DDR zurück. Dafür wurde sie mit einem Engagement im Staatsopern-Ensemble belohnt, was von den Mitgliedern allerdings nicht verstanden wurde. Die Tänzerin blieb eine Außenseiterin - sie stürzte sich später aus dem Fenster eines Hochhauses.
Stasi-Leute waren durch den Ehemann der Tänzerin, der auch IM war, darüber informiert gewesen, dass die Frau »einen Meter neben dem Strick« lebe. Das interessierte die Stasi nicht. Die Republikflucht - eine Niederlage im Kampf gegen das kapitalistische System - galt es bei Tänzern zu verhindern, nicht einen Selbstmord.
Was sich in der Tänzerwelt der DDR buchstäblich hinter den Kulissen abgespielt hat, sei den meisten Tänzern heute kaum bekannt, sagt Buchautor Stabel: »Tänzer begeben sich nicht freiwillig in Archive.«
Manchmal, wenn er im Park von Berlin-Friedrichshain spazieren gehe, sehe er einen ehemaligen Tänzer mit seinem Hund. Dieser Mann, einst schön und begabt, hat in der DDR nicht die Karriere gemacht, die er hätte machen können, weil er als Homosexueller denunziert worden war. »Ich bin mir sicher«, sagt Stabel, »dass dieser Mann nicht weiß, warum seine Karriere so verlief. Ich wünschte mir, er würde seine Akten lesen.«
Wer sich aber tatsächlich selbst ins Archiv begibt, den ergreift erst recht das Gruseln. Allein wie Stasi-Leute über ihre »Mitarbeiter« herziehen: »Weibisch« sei einer, habe »wenig Mut, Elan, Eigeninitiative«. Im Stasi-System gab es keine Solidarität, auch wenn sich die IM in ihren Verpflichtungserklärungen auf »Frieden und Sozialismus« eingeschworen hatten.
Auf deutschen Bühnen behaupten sich heute ostdeutsche Choreografen, die sich dem Erbe der DDR auf ihre Weise - jenseits aller Stasi-Bedrückungen - stellen. Sie haben ihr Tanzhandwerk noch zu DDR-Zeiten erlernt, kennen die Tradition des Sozialistischen Realismus im Ballett. Da war es darum gegangen, Geschichten zu erzählen - von Menschen, die eine bessere Gesellschaft bauen. Nach der Wende war es mit dem Geschichtenerzählen auf der Bühne vorbei, Tanz war meist abstrakt.
Ostdeutsche Choreografen - Mario und Silvana Schröder, Irina Pauls und Birgit Scherzer - fangen nun aber wieder an, im Tanz Geschichten zu erzählen. Diese Geschichten sind selten idealistisch. Gezeigt wird, wie Menschen scheitern können. SUSANNE BEYER
* Bei der Wiedereröffnung der restaurierten Staatsoper Unterden Linden 1986.** Ralf Stabel: »,IM Tänzer'. Der Tanz und dieStaatssicherheit«. Verlag Schott Music, Mainz; 240 Seiten; 24,95Euro.