In 'sait - DER SPIEGEL
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LITERATUR / KLEINVERLEGER In 'sait

• aus DER SPIEGEL 6/1969
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Wer den handlichen Pappband der »Faxlibutz-Enzyklopädie« aus dem Bücherregal zieht, dem können unversehens einige Dutzend Holzklötzchen, -knöpfchen, -brettchen und -scheibchen entgegenkollern: Das »natur- und kulturhistorische Nachschlagwerk« (Preis: 26 Mark) ist kein Buch, sondern ein raffiniert erklügeltes Steckspiel. mit dem der Benutzer laut beigefügtem Kommentar rund 500 Figuren, darunter auch solche, »die es gar nicht gibt wie: Plesiosaurier, hölzerne Ärzte, Kentauren. Hexen und dergleichen«, konstruieren kann.

Die »hölzernste jemals gemachte Enzyklopädie« -- so nennt sie ihr Autor Theodor Hanns Gygax -- erscheint im Züricher Ein-Mann-Verlag René Simmen. Ab Mittwoch dieser Woche ist sie auf einer Ausstellung in der Hamburger Werkkunstschule zu sehen, die dokumentieren will, was »Zwischen Buch und Bilderbogen« auf dem Markt experimentierender Klein- und Kleinstverleger vorgeht.

Der schnurrig-erfindungsfrohe Rene Simmen, 42, gilt unter den rund 30 Ausstellern der Hamburger Miniatur-Messe als etablierter Oldtimer der jugendbewegten Zunft: Simmen bedient seit Jahren ein den Randgebieten der Bibliophilie zugetanes Publikum mit kuriosen Büchern und buchverwandten Kuriositäten, etwa mit einer von Bildhauer-Hand modellierten Kunst-Kiste aus Polyester, die, angefüllt mit einschlägigen Büchern, Bildern und Dokumenten, als »Dada-Tresor« (480 Mark) verkauft wird.

Während aber Simmen seine Produkte ideologiefrei anbietet, offerieren die jüngeren Buch-Macher ihre Novitäten selten ohne theoretischen Überbau oder politische Tendenz.

Seit der Fernseh-Philosoph McLuhan die Kommunikationsmedien problematisiert hat, wollen solche Neuerer sich nicht damit begnügen, das Buch seiner Funktion nach schlicht als Informationsträger, seiner Form nach als zusammengeheftetes rechteckiges Bündel beidseitig bedruckten Papiers zu begreifen. Für Verleger, die sich mit McLuhan am »Ende des Buchzeitalters« wähnen, muß in der Tat -- nach McLuhans Kernsatz: » The Medium is the Message« -- das Buch selbst zur Botschaft werden.

Welche Botschaft dann etwa ein Buch wie das in Hamburg ausgestellte »In 'sait« überbringt, das lediglich aus einem dicken Holzbrett in zweifarbigem Einband besteht, haben die Veranstalter der heiteren Abnormitäten-Schau durch Fragen nach dem spezifisch Experimentellen aller Exponate listig ausgeforscht. Ergebnis im Falle »In 'sait": Das Werk soll nach Auskunft seines Herstellers Wolfgang Feelisch »die Einsicht vermitteln, daß sich ein Buch maßgeblich durch seine Erscheinungsform und in keiner Weise durch den Inhalt bestimmt«. Preis der Einsicht: 5,80 Mark.

Das Neu-Buch »Was ich noch sagen wollte von Hugo Göke enthält (für 29,90 Mark) 94 leere Seiten; »Das große Schweinebuch« von Ulrich Haschke präsentiert dessen »neue Form des Umschlagbuches": Ein apart glitzernder Einband aus Aluminiumfolie bündelt (so Haschke) »51 Briefumschläge, mit eigenem Speichel zugeklebt, jeder Umschlag enthält einen Teil der »Geschichte vom armen Bäuerlein und seiner triebhaften Sau'«.

Raschke will wie viele seiner Kollegen mit derlei »Provokation« bei seinen lesenden Brief-Öffnern ein »kritischeres Bewußtsein« erzeugen, und das denkt er sich so: »Klischees als Klischees zu entlarven, bedarf es ... des mechanischen Aktes, den dialektischen Umschlag zu zerreißen, auf daß das Wort und das Bild im neuen Blick zu sich selber finde.«

Im Kampf gegen alle herkömmlichen Vorstellungen von Buch und Literatur wissen sich die meisten Jung-Verleger einig. Der Niederländer Eric van der Wal bietet sein Buch »Hommage A Hommage A« im Blindprägedruck dar, so daß es »nur bei Schlagschatten« zu lesen ist. Der Anabas-Verlag, Steinbach, versucht, wie schon vor und auf der Posterwelle viele andere vor ihm, die »Literatur ihrer Aura zu entkleiden und in einer der Konsumgesellschaft vertrauten Weise vorzuführen: als Plakat, das den Betrachter ... letzten Endes auf sich selber verweist«. Und der Düsseldorfer Harald K. Hülsmann begründet seine Flugblattserie »ILEX« (jährlich 40 Blatt; Untertitel: »Ein monomanisches Unternehmen") mit einem Manifest »Wider den Mythos vom Buch«.

Der Hamburger Germanistik-Student Uwe Wandrey, 29, der schon vor zwei Jahren seine »Heizreime« in schlanke Papphülsen einrollte und als sogenannte Nonnendosen vertrieb, hat derweil neue Publikationsformen für die von ihm geforderte »Prop(aganda)-Art« gefunden.

Reserveleutnant und Apo-Poet Wandrey, der auf einem selbstgebastelten Mini-Rotor Plaketten, Kleberollen und Haftetiketten mit politischen Slogans bedruckt, hat die schlagkräftigsten seiner »Kampfreime« ("Scheißt auf deutsches Vaterland / Rekrutiert den Widerstand") in »notwehrtaugliches« Weißblech gebunden; das Zuschlage-Werk aus Wandreys Quer-Verlag geht als »handliche, mit scharfen Kanten ausgestattete Kampfausgabe für die Phase des revolutionären Widerstands« weg -- häufiger freilich an Kuriositätensammler als an Genossen.

Wo jedoch, wie kürzlich der- Avantgarde-Ästhetiker Bazon Brock befand, »der Objektcharakter des Buches« sich verselbständigt, wo das Buch vornehmlich »als Greifgegenstand und als Befrieder konkreten Aneignungsverlangens« verstanden wird, da ist offenbar auch mit neuartigem Leserverhalten zu rechnen.

So ist der Frankfurter Gerold Dommermuth, 34, der, auf ein Darlehen von Suhrkamp-Verleger Siegfried Unseid gestützt, kreisrunde Druckseiten mit einem Metallring zu »Frankfurter Ring-Fibeln« (Preis: 3 und 4 Mark) zusammenschließt, zwar mit dem Absatz seiner bisher 13 Underground-, Pop-, Sex- und Comic-strip-Titel zufrieden; von den Gewohnheiten seiner Kunden, die ihre Rund-Bücher zumeist als Schmuckstücke benutzen, ist er allerdings eher irritiert: »Komisch, keiner liest die Dinger richtig, alle wollen die nur als Mode-Gag.«

Gleichwohl, die Revolution der Buchform scheint unaufhaltsam. Schon kündet der Münchner Verlag Rogner & Bernhard das »erste vierdimensionale Buch« an: »Professor Mmaa's Vorlesung«, einen satirischen Roman über die weißen Ameisen; das Werk soll, um an die Abhängigkeit der Tierchen vom Geruchssinn zu erinnern, stark duften -- nach Jasmin.

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