Am Rande In Vorbereitung
Es schwebt ein Tabu über dem menschlichen Bemühen, sich höhere Wesen anschaulich auszumalen. »Du sollst dir kein Bildnis machen« - müssten dadurch nicht auch gewesene Bundeskanzler geschützt sein? Innig wünschen mochten das kritische Betrachter jener fünf Politiker-Porträts von Adenauer bis Helmut Schmidt, die erst einmal noch im Bonner Bungalow verblieben sind. Denn lebenswahre bis schmeichelhafte Schilderung von Hochgestellten ist schon längst kein Geschäft der ersten Malergarde mehr; Schmidt war mit dem DDR-Pinselschwinger Bernhard Heisig noch am besten bedient. Ganz verschont blieb vorerst nur, weil nach herrschender Praxis die Verewigung erst beim Abschied fällig wird, sein Amtsnachfolger. An einen Auftrag für ein Kohl-Porträt scheint noch kein Verantwortlicher gedacht zu haben. Dass es aber auch andernorts fehlt, wo es regulär längst hängen müsste, kam dieser Tage heraus: Im Abgeordnetenhaus der Hauptstadt steht jedem ihrer Ehrenbürger ein Bildnis zu, und dasjenige des Ex-Daimler-Chefs Edzard Reuter (vom Fotorealisten Jan Peter Tripp) ist soeben enthüllt worden - gleich neben einem kargen Schriftblatt, das mit der Zeile »in Vorbereitung« ein Porträt Helmut Kohls verheißt; die Ehrenbürgerschaft hat der schließlich schon 1992 eingeheimst. Kennern der multimedialen Kunstszene drängt sich nun der Gedanke auf, hier sei die zeitgemäße Lösung des Bildnis-Problems gefunden worden: Nicht in Öl auf Leinwand, sondern als ein Stück Konzept-Kunst, zusammengefasst in einer hintersinnigen Sprachformel, wird das ungreifbare, nie vollendete, nie ausgelotete Wesen des Modells eingefangen. Dabei könnte es bleiben. Bis zu weiterer Klärung im Fall Kohl verspricht der Präsident des Abgeordnetenhauses, brav »die Füße stillzuhalten«. So dürfen auch die Maler ihre Hände ruhen lassen - mit Erleichterung. Sich ein Bild von dem großen Schweiger zu machen wird ja täglich immer noch schwerer.