In Windelseile - DER SPIEGEL
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FILM In Windelseile

»Arizona Junior«. Spielfilm von Joel und Ethan Coen. USA 1987; Farbe; 94 Minuten. *
• aus DER SPIEGEL 23/1987
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Für den amerikanischen Menschen ist der Anspruch auf Glück ein Verfassungsrecht. Um in den Zustand des Glücks zu gelangen, bedarf es allerdings einiger elementarer Voraussetzungen: Ein Mann braucht eine Ehefrau, eigene vier Wände und mindestens ein Kind.

Am Anfang der Kinokomödie »Arizona Junior« von Joel und Ethan Coen ist ihr Protagonist, der Flachland-Parzival H. I. McDonnough, Spitzname »Hi«, völlig am Ende. Er hat weder eine Ehefrau noch eigene vier Wände. Und ein Kind schon gar nicht.

Dafür einen ungewöhnlichen Beruf, er ist Supermarkt-Räuber. Aber für dieses Metier bringt Hi (Nicolas Cage) so wenig Begabung mit, daß er als Hauptwohnsitz ein Staatsgefängnis von Arizona angeben muß.

Dort nähert er sich dem Glück in der Gestalt der Gefängnisbeamtin Edwina (Holly Hunter), die Hi bei seinen ständigen Einbuchtungen für die Kartei photographiert. Die Liebesbeziehung der beiden macht solche Fortschritte, daß Hi schließlich eine ehrliche Arbeit ergreift und Tag für Tag Löcher in Eisenplatten stanzt. Kommentar seiner früheren Knastbrüder: »Du bist jung und gesund, was willst du mit einem Job?«

Doch unbeirrt klettert Hi auf der Glücksleiter weiter. Er läßt sich in einem mobilen Heim nieder, das sich die frisch Vermählten durch die Ausstattung mit sämtlichen Alltagsobjekten des schlechten Geschmacks, künstlichem Kamin inklusive, gemütlich hergerichtet haben. Am Abend genießt das Paar vom Liegestuhl aus das majestätische Naturschauspiel des Sonnenuntergangs.

Aber beim letzten Schritt in die Vollkommenheit des Glücks stellt das Schicksal den tapferen Eheleuten ein Bein: Edwina ist unfruchtbar wie der Boden, der ihre all-amerikanische Wohnwagen-Unterkunft umgibt.

Pioniergeist und Tatkraft überwinden auch diesen schweren Schlag. Der Möbel-Magnat Nathan Arizona (sein Werbemotto: »Wenn Sie irgendwo was Billigeres finden, will ich nicht mehr Nathan Arizona heißen") ist gerade Vater von Fünflingen geworden, und der ungerechten Verteilung des Kindersegens begegnet Hi indem er Nathan Jr. nachts aus dem Gitterbett entwendet. Der propere, immer gut gelaunt aus den Windeln guckende Säugling wird zum wichtigsten Requisit des Films der sich nun, nach ohnehin schon beträchtlichem Drive, ins Affentempo einer irrwitzigen Screwball-Komödie steigert.

Denn plötzlich, in Windelseile, ist das Glück des strebsamen Ehepaars von mehreren Seiten bedroht. His Chef, ein biederer Swinger und Vater vieler gräßlicher Kinder, fordert den Partnertausch. Hi lehnt empört ab und verliert seinen Job. Nun muß er wieder mit der Knarre in den Supermarkt, um Windeln zu beschaffen, und löst dabei eine der schönsten Verfolgungsjagden des jüngeren amerikanischen Kinos aus.

Außerdem stellt ihm Leonard Smalls (Randall »Tex« Cobb) nach, ein einsamer Kopfgeldjäger ("Meine Freunde nennen mich Lennie, aber ich habe keine Freunde"), der sich aus einem Sergio-Leone-Western oder einem Mad-Max-Film in die hanebüchen-boshafte Kino-Posse der Coen-Brüder verirrt hat.

Die beiden jungen Cineasten aus Minneapolis, die 1984 mit dem Film »Blood Simple«, einer brillanten Hitchcockiade, debütierten, ziehen alle Register. Raffiniert ausgeklügelte Kamerabewegungen, rasante Montagen mit einfallsreichen Abkürzungen und der virtuose Umgang mit Musik und Geräuschen veredeln »Arizona Junior« zur glänzenden Amerika-Satire.

Arnd Schirmer

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