FERNSEHEN / Telemann INSPEKTION
Hamburg, am Weltspartag 1962. Telemann sitzt an seinem Ausweich-Arbeitsplatz und schreibt über das TV-Programm der Vorwoche: Nun hat sich das Deutsche Fernsehen, nach den Schölermanns und Hesselbachs, eine weitere Schau-Sippe geleistet: Die Tierarztfamilie Hofer (Südwestfunk, 26. Oktober, Erstes Programm), verkörpert durch die Filmfachkräfte Sabine Sinjen, Gustav Knuth ...
Plötzlich klopft es an die Tür. Nicht mehr fliehen, öffnen! schießt es Telemann durch den Sinn. Weiß er ja seit Freitagabend: Er ist umzingelt. Polizei, wohin das geistige Auge schweift.
Vor der Tür steht eine Halbhundertschaft Herren mit Gesichtern, aus denen der Trutz und die Lauterkeit schimmern.
»Bitte, lassen Sie sich durch uns nicht stören«, sagt der Rangälteste. »Wir wissen Bescheid: Die nächste SPIEGEL-Ausgabe soll pünktlich erscheinen.«
Telemann setzt sich an seinen Behelfsschreibtisch und beginnt, derweil die Herren schon in Kisten und Kasten graben, von vorn: Nun hat sich das Deutsche Fernsehen, nach den Schölermanns und Hesselbachs ...
»Hatten Sie zu irgendeiner Zeit Ost-Kontakte?« fragt der rangoberste Visiteur beiläufig.
Telemann besinnt sich. »Jawohl. Ich habe im Januar vorvergangenen Jahres (SPIEGEL 3/1960) mit dem stellvertretenden Intendanten des Ostberliner Fernsehfunks telephoniert.« »Wie oft?« »Einmal.«
»Worüber wurde gesprochen?« »Ich fragte ihn, welche unserer west-östlichen Polit-Serien ihm besser gefiele: Die 'Rote Optik' oder das 'Mitteldeutsche Tagebuch'.«
Die Herren machen sich Notizen. ... und Hesselbachs, eine weitere Schau-Sippe geleistet ... spurt Telemanns Kugelschreiber.
Chef-Besucher: »Stimmt es, daß Sie am 24. Januar (SPIEGEL 4/1962), nach der vorzeitigen Entlarvung des ,Halstuch-Mörders' seitens des Kleinkünstlers Neuss, Ihrerseits sogar die Mörder der nächsten Durbridge-Krimi-Reihen verraten haben?«
Telemann, kleinmütig: »Ja. Aber was hat das mit...«
»Einmal Verräter, immer Verräter«, fällt ihm ein anderer ins Wort.
Telemann schreibt verbissen: ... Sippe geleistet: Die Tierarztfamilie Hofer (Südwestfunk, 26. Oktober...
Der höhergestellte Besucher, einen Stoß SPIEGEL-Hefte vor sich aufgetürmt, liest zuerst leise, dann vernehmlich: »'John F. Kennedy mit
dem Hals einer Lederschildkröte (Dermochelys coriacea) und der Miene eines Baseball-Trainers, der sich in Abendkursen die Zulassung zum Begabten-Abitur ertrotzt hat...'
- Haben Sie das geschrieben?«
Telemann: »Vor der Präsidentenwahl. Ein unschuldiger Scherz, Herr Kommissar!«
»Und hier, in derselben Nummer: ,Aber dieTatsache, daß jemand Fragen zu beantworten hat, befähigt ihn noch nicht zum Lenker eines Staatswesens. Wäre dem anders, könnte nächstens einer kommen und behaupten, Franz-Josef Strauß habe das Zeug zum Bundeskanzler' - Das soll wohl auch ein Witz sein? Mann, was haben Sie sich eigentlich dabei gedacht!«
Der Inkulpat senkt wortlos den Kopf und schreibt weiter: ...26.0ktober, Erstes Programm), verkörpert durch die Filmfachkräfte Sabine Sinjen, Gustav Knuth ...
»Zeigen Sie mal her, was Sie bis jetzt geschrieben haben!« heischt der Herrenbesuch.
Telemann weigert sich, schützt sein Geschriebenes mit beiden Armen, zitiert den Artikel fünf des Grundgesetzes: »Eine Zensur findet nicht statt« - alles vergebens.
Man beschlagnahmt sein Manuskript samt Lösch-Unterlage, entblößt ihn seines beinernen Handschmeichlers, eines Achtel-Loses der Süddeutschen Klassenlotterie sowie der Mathematik-Hausaufgabe eines seiner Söhne und erklärt abschließend: Erstens handle es sich um keine Zensur, sondern um eine vorbeugende, für den Bestand des Ganzen unerläßliche Sicherungsmaßnahme, und zweitens zeuge es von innenpolitischer Kurzsichtigkeit, etwas für relevant zu halten, bloß weil es im Grundgesetz stehe.
Kaum aber hatten die Herren das Zimmer verlassen, merkte Telemann: Wie schon so oft in ruhigen Läuften, war ihm viel mehr noch diesmal, im Nervenkrieg ums Hamburger Pressehaus, die Phantasie durchgegangen. Obige Heimsuchung erwies sich - leben wir doch in einem demokratischen Rechtsstaat als Hirngespinst. In Wahrheit hat sich die Bonner Aktion zur Straffung und Vereinfachung deutschen Nachrichtenwesens dergestalt vollzogen, daß Vorkommnisse von der abgeschilderten Art keinen Augenblick zu befürchten standen.
All solches wohlgemut überdenkend, griff Telemann zum Schreibgerät und begann seine Fernseh-Kolumne für SPIEGEL Nummer 45/ 1962 ein drittes Mal: Nun hat sich das Deutsche Fernsehen, nach den Schölermanns und Hesselbachs, eine weitere Schau-Sippe geleistet: Die Tierarztfamilie Hofer ... Plötzlich klopft es an die Tür.