INTENDANTEN Kampfhund am Ententeich - DER SPIEGEL
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INTENDANTEN Kampfhund am Ententeich

Die geplante Neuordnung der Berliner Opernszene hat an den deutschen Bühnen große Unruhe ausgelöst: Die Intendanten fürchten unter dem Druck der öffentlichen Hand um künstlerischen Einfluss und persönliche Macht, viele nehmen vorzeitig ihren Hut. Von Klaus Umbach
Von Klaus Umbach
• aus DER SPIEGEL 43/2000
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Mit hochrotem Kopf hastete Götz Friedrich, 70, noch Generalintendant der Deutschen Oper Berlin, in den Saal. Kaum hatte er seine wartenden Kollegen begrüßt, warf er 28 hektografierte DIN-A4-Blätter auf den Konferenztisch - das heißeste Papier der Saison.

Sofort vertieften sich die am vorletzten Wochenende in Zürich zum Herbstgipfel versammelten Mitglieder der Opernkonferenz in Friedrichs Mitbringsel, auf das die Branche nach Meinung des Berliner SPD-Fraktionschefs Klaus Wowereit so ungeduldig gewartet hatte wie die Kids auf Harry Potters neuestes Simsalabim: den »Masterplan« des Berliner Kultursenators Christoph Stölzl zur Reform der hauptstädtischen Opernszene.

Schon nach wenigen Minuten flüchtiger Lektüre brach im Zürcher Opernhaus galliger Frohsinn aus: Ein Witz sei das Ganze, eine Dummheit, eine Zumutung. Schließlich sah sich das Intendanten-Gremium zum Tribunal gezwungen: Hatte einer der Anwesenden heimlich Stölzl beraten und so zu dessen »Ergebnis zahlreich geführter Gespräche mit nationalen und internationalen Künstlerpersönlichkeiten« beigetragen? War da etwa ein Judas am Tisch?

Nein, da saßen lauter Unschuldslämmer. Zwar gestanden der Pariser Prinzipal Hugues Gall, der Zürcher Opernchef Alexander Pereira und der Münchner Intendant Peter Jonas, mit Stölzl zum Thema telefoniert zu haben; aber richtige, ausführliche Sachgespräche hätten sie nicht geführt.

Entsprechend pikiert verbreiteten die Opernbosse, dass sie entgegen den Berliner Verlautbarungen nicht um Rat gefragt worden und nun in »größter Sorge über den Bestand und die Entwicklung der Oper nicht nur in Berlin« vereint seien.

Die Unruhe der Schöngeister ist nur allzu berechtigt. Seit das Stölzl-Programm bekannt ist, sehen viele Opernchefs Macht und Pfründe schwinden, die Bühnen sind in Aufruhr, die Zunft ist in Moll gestimmt. Nach dem Berliner Muster, so das landesweite Leidmotiv, könnte die öffentliche Hand in Zukunft noch rigoros mit dem Rotstift in die Singtempel hineindirigieren und die immer noch blühende Opernlandschaft der Republik durch Subventionskürzungen austrocknen.

Mit ihrem Zürcher Protest stießen die Intendanten daher - vor allem bei den Berliner Opfern - auf offene Ohren. Die von Auszehrung bedrohte Staatskapelle, das Hausorchester der Deutschen Staatsoper, spielte die Ouvertüre zu Mozarts »Entführung aus dem Serail« schon mal demonstrativ in Mini-Besetzung. Orchestervorstand Matthias Glander geißelte das Stölzl-Papier als »absurd": »An die Staatsoper haben sich ja nicht mal die Kommunisten herangewagt!« Der PDS-Abgeordnete Wolfgang Brauer sieht Berlins Ballett auf Grund: »Aus dem ,Schwanensee'' wird ein Ententeich.« Alice Ströver, die Kultur-Sprecherin der Bündnisgrünen, zürnt, »die Kunst« bleibe »auf der Strecke«.

Piano, piano. Jahrelang, unter dem Tremolo von drei Kultursenatoren, ist das leidigste Problem des wieder vereinigten Kultur-Berlin - drei Opernhäuser, die mit derzeit 237 Millionen Mark staatlichem Zuschuss vorn und hinten nicht auskommen - nur zerredet worden. Stölzl hat die Sache jetzt immerhin angepackt: nach Lage der finanziellen Dinge durchaus diskutabel.

Denn: Die beiden ersten und kostspieligsten Adressen der Stadt werden nach seinem Vorschlag unter dem umwerfend griffigen Titel »Opernbühnen Berlin - Deutsche Oper/Deutsche Staatsoper« in einer Anstalt öffentlichen Rechts liiert. Die zwei hauseigenen Orchester sollen von derzeit 266 auf 189 Stellen verknappt werden und künftig in beiden Häusern tuten und blasen - was geht, spart und also sinnvoll ist. Von 184 Choristen fallen 40 weg, bei Verwaltung, Werkstätten und Technik werden 55 Jobs gestrichen.

Leider hat Stölzl seine »maßvolle Revolution« nicht zu Ende gedacht. Denn beim Versuch, die verschiedenen Spielstätten theoretisch zu profilieren, wirbelte er bloß feuilletonistische Spreu auf, die Fragen der künstlerischen Kompetenz nebelte er ein, bei Namen kniff er ganz.

Kein Wunder, dass sich die in Zürich konferierenden Intendanten vor allem über Stölzls - noch flusig formulierte - Absicht erregten, den Intendantenposten in der künftigen Doppel-Oper womöglich ganz abzuschaffen. Nach seinem Planspiel will Stölzl das Doppelhaus nämlich von einem Vorstand (Geschäftsführung) und einem Aufsichtsrat leiten lassen. Der Vorstand kann solistisch oder mit mehreren Personen besetzt sein. Im letzteren Falle hat der »Kaufmännische Leiter/Geschäftsführende Direktor« das »Entscheidungsrecht« oder »bei einer Pattsituation die ausschlaggebende Stimme«. Verwirrender noch: Der aus fünf Personen gebildete Aufsichtsrat »berät und überwacht« diesen Vorstand und »hat in Angelegenheiten von besonderer Bedeutung zu entscheiden«.

Was denn nun? Bestimmt demnächst der Koofmich, wer die Aida singt? Wie viele Aufseher reden mit, wenn es um die Gage eines Kapellmeisters geht? Wer befindet darüber, ob an der Staatsoper - was allen Ernstes gesetzlich festgeschrieben werden soll - »der Gesang besondere Priorität hat« und an der Deutschen Oper nicht? O Isis und Osiris: Wie viele Wichtigtuer, Chefregisseure, Chefdramaturgen, Operndirektoren, Generalmusikdirektoren und sonstige leitende Büttel werden sich in dem künftigen Opernkoloss bekriegen - im Namen der Kunst, der Macht und des Geldes?

Doch so verworren sich das Stölzl-Memorandum auch liest und so verwegen es die Hierarchie im deutschen Opernwesen auch aushebeln mag - wenn es greift, wird es Schule machen, und dann hat der klassische Intendant wohl ausgedient.

Schon heute klappt es mit dem Prinzipal alter Schule nur noch so richtig in Schwaben. Das Stuttgarter Musiktheater ist in diesem Herbst zum dritten Mal in Folge »Opernhaus des Jahres« geworden, seine fulminante »Götterdämmerung« wurde »Aufführung des Jahres«, der »Götterdämmerung«-Inszenator Peter Konwitschny »Regisseur des Jahres«, die »Götterdämmerung«-Brünnhilde Luana DeVol »Sängerin des Jahres«, auch Chor und Orchester wurden Jahres-Primus. Das reich dekorierte Haus, lobte die Zeitschrift »Opernwelt« bei ihrer Preisvergabe, verfolge »ein Konzept von Oper, das für unsere Zeit Modellcharakter hat« - und doch längst Auslaufmodell ist. Denn mit seinen - altmodischen - Tugenden, zugleich phantasieren, denken und rechnen zu können, auf der Bühne zu bezaubern und zu provozieren und sein Musterhaus auch noch rappelvoll zu kriegen, ist Intendant Klaus Zehelein der Star seiner Zunft - Intendant des Jahres, gewiss, aber auch Dino.

Andernorts, beileibe nicht nur in Berlin, regiert und inszeniert längst die öffentliche Hand, und der wird die Oper - einst der Brilli, mit dem sie sich schmückte - zunehmend lästig. In Bonn beispielsweise, wo sich die Polit-Prominenz jahrzehntelang bei sündhaft teuren Galas verlustierte, stehen die Bühnen vor dem Kollaps: Erst musste das Opernhaus auf Wunsch der Regierenden um einen zweiten Rang auf 1020 Sitzplätze vergrößert und das Orchester von 80 auf 122 Mitglieder aufgestockt werden, jetzt wird der Bund seinen Zuschuss für die einstige Hauptstadt auf null runterfahren, und allein das Opernangebot soll um die Hälfte verringert werden. Generalintendant Manfred Beilharz: »Ein Skandal.«

Unter dem allgemeinen Sparzwang haben viele Kommunen den Intendanten alter Prägung, der lieber Regie als Buch führte, schon mal durch vermeintlich gewiefte Manager ersetzt, die sich zwar mit Bilanzen auskennen, kaum aber bei Beethoven. Gebracht hat der Wechsel wenig: Gleich reihenweise räumen derzeit entnervte oder amtsmüde Opernbosse ihre Stühle. In Köln hat Generalintendant Günter Krämer die neue Saison nicht nur mit seiner brillanten Inszenierung der Nono-Oper »Intolleranza« eröffnet, sondern auch mit einem Eklat: Einen Tag nach der Oberbürgermeister-Stichwahl in der Domstadt Mitte September teilte er dem siegreichen CDU-Kandidaten Fritz Schramma »mit guten Wünschen« die »vorzeitige Kündigung meines Vertrages« zum August 2002 mit. Grund: Umwandlung der Bühnen in einen Eigenbetrieb, geplante Zuschusskürzung »um ca. DM 3 Millionen« und, unausgesprochen, allerlei klüngelige Querelen mit der Stadt. Allerdings will der Abgänger sein vertragliches Recht auf »drei neue Inszenierungen pro Spielzeit« gegen gute Gagen noch bis August 2005 ausüben - was seinen Nachfolger nicht unbedingt beglücken muss.

In Würzburg, wo die Bühnenfans im Frühjahr noch 23 000 Unterschriften ("Rettet unser Theater!") sammelten, sucht Intendant Wolfgang Schaller, 49, nach nur einjähriger Amtszeit das Weite. Angeblich hatte der Hausmeier seinen Etat um drei Millionen Mark überzogen. Doch diesen Vorwurf ließ die Stadt wieder fallen und Schaller mit einer satten Abfindung gehen. Im badischen Frei-

burg nimmt Intendant Hans J. Ammann, 58, der erst 1998 für sieben Jahre verlängert hatte, vorzeitig den Hut. In seinem Wunsch, »mich neu zu erfinden« und so »Denken und Handeln emotional zusammenzubringen«, kehrt er dem Ensemble bereits 2002 den Rücken - jetzt, »wo es am schönsten ist«.

Schöner als in Frankfurt ist es nirgends: Denn nirgendwo wird der Clinch zwischen konfuser Kulturbürokratie und cleverer Intendanz derzeit unterhaltsamer vorgeführt als auf den Bühnen am Main.

Held der grandiosen Groteske ist Martin Steinhoff, 50, der es vom bescheidenen Geschäftsführer des Balletts in einem rasanten Crescendo zum Bühnen-Allmächtigen gebracht und im deutschen Stadttheater »eine einmalige Machtposition« hat ("Süddeutsche Zeitung"). Hatte - denn Frankfurt ist den Zampano plötzlich leid: Ab sofort ist er nur noch kommissarisch Geschäftsführender Intendant; seine Opernintendanz endet 2002. Komisch nur: Steinhoffs Vertrag gilt bis 2004. Ist da vielleicht was gewesen?

Und ob: Steinhoff, schon lange als »Made im Speck« ("Die Welt") berüchtigt, hat sich mit dem Schauspielintendanten Peter Eschberg verkracht, dessen Nachfolgerin Elisabeth Schweeger als »unehrlich« und »hysterisch« beschimpft, den Opernchef Sylvain Cambreling aus dem Haus geekelt, den Generalmusikdirektor Paolo Carignani zur Weißglut gebracht und sogar mit seinem einstigen Freund, dem Ballettchef William Forsythe, gebrochen.

Steinhoff, selbst in Bedrängnis geraten, entwickelt, laut »Opernwelt«, die »Beißqualitäten eines Kampfhundes«, und da zieht lieber die Stadt den Schwanz ein: Um den »sehr kompetenten Theatermann« (Kulturdezernent Nordhoff) loszuwerden, vergoldet sie dessen Abgang mit 500 000 Mark Abfindung plus 500 000 Mark Treueprämie plus Zahlung aller Renten- und Lebensversicherungen aus der Stadtkasse bis zu Steinhoffs Eintritt ins Rentenalter, was, unterm Strich, noch mal ein rundes Milliönchen ausmachen dürfte.

Am Freitag dieser Woche, so ihr Beschluss von Zürich, will sich die Deutsche Opernkonferenz in der Berliner Akademie der Künste eigens zum Aufschrei gegen Stölzls Sparpapier versammeln. Mal sehen, ob dann auch Frankfurts Steinhoff eine Arie gegen die Pfennigfuchserei anstimmt.

* Mit Luana DeVol, Albert Bonnema.

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