Hitler-Film It's Time for Adolf
Unruhig schlurft Adolf Hitler in seinem Schlafraum auf und ab, ängstlich beobachtet von Eva Braun. Dann gibt er sich einen Ruck, holt aus einer Schublade zwei Giftampullen, aus einer anderen eine Pistole.
Eva sagt: »Du bist ganz sicher, daß es keine Hoffnung mehr gibt?«
Hitler: »Es gibt seit zwei Jahren keine Hoffnung mehr. Seit dem 3. Februar 1943, als mich Paulus in Stalingrad verriet.«
Eva Braun ist überrascht, nimmt von Hitler eine Giftampulle, fragt: »Du wußtest es schon damals, 1943?« Hitler spricht rascher: »Nach Stalingrad war ich mir darüber klar, daß die Deutschen zu schwach waren, durchzuhalten. Seit damals bin ich allein, aber ich hatte die Pflicht, weiterzumachen. Oder hätte ich mich töten sollen?«
Eva: »Du hast doch nicht Angst vor dem Sterben? Wenn doch, dann war alles ein Irrtum. Vielleicht habe ich dich nicht richtig gekannt, nie verstanden.«
Hitler, heftig: »Natürlich nicht. Was denkst du denn, du dummes Ding! Wie hättest du irgend etwas verstehen können? Du bist nur eine Frau, ohne Gehirn, wie alle Frauen. Du hast in meiner Nähe gelebt -- ist das nicht genug für dich?«
Eva zerbeißt die Ampulle und schluckt das Gift, während Hitler weiter gegen sie wütet. Erst allmählich merkt er, daß sie nicht mehr lebt. Hitler: »Und nun hast auch du mich verraten, wie all die anderen.
Das sind die letzten Worte des groß deutschen Führers -- in einem zweieinhalbstündigen Film, der ab Mitte April in den Lichtspieltheatern Londons und New Yorks vom Tod Adolf Hitlers künden soll. Wie der Diktator freilich Hand an sich legte, verschweigt der Film: Er läßt Hitlers Gefolgsleute In den Schlafraum eindringen und ihn tot auf einem Sofa finden.
Mit dem Mammutfilm »Die letzten zehn Tage« will sich der deutsch-amerikanische Autor und Produzent Wolfgang Reinhardt an die Spitze aller Hitler-Filmer setzen. Sein Epos über das Ende im Führerbunker der Berliner Reichskanzlei soll ·einen Hitler vorstellen, wie er in einem Spielfilm noch nie gezeigt worden ist: menschlich, überzeugend, realistisch.
»Ich kann natürlich aus ihm keine sympathische Figur machen«, sagt Hitler-Darsteller Sir Alec Guinnes. »Aber ich kann Hitler menschlich machen. Ich muß ihn glaubwürdig präsentieren, sonst hat es keinen Sinn, diese Rolle zu spielen.«
Solcher Glaubwürdigkeit zuliebe ließ Produzent Reinhardt nichts unversucht, seinem Werk bis zum letzten Uniformknopf historische Detailgenauigkeit zu verleihen. Deutsche Hitler-Experten wurden nach England eingeflogen, Historiker zu Rate gezogen.
Mit ihrer Hilfe entstanden in den Shepperton-Studios außerhalb Londons die Bunkeranlagen der Berliner Reichskanzlei, ein Labyrinth kalter, grauer Betonwände »mit Schwefelgeruch und Untergangs-Odium«, wie eine amerikanische Journalistin notierte -- so detailgetreu aufgebaut, daß ein Zeuge der letzten Hitler-Stunden staunte: »Da kommt einem ja alles wieder zurück. Das ist wie 45,«
Tagelang übten die Experten dem Hitler-Darsteller Gesten und Körperhaltung des Diktators ein. Immer wieder wollte Guinness wissen, wie Hitler gesprochen und gegessen, wie er sich bewegt hatte. Guinness wurde seinem Helden immer ähnlicher, ein Interviewer der »New York Times« fand es am Ende gar »schwierig, Guinness von Hitler zu trennen«.
Derartige Liebe zum historischen Detail verrät. daß sich Reinhardts Film von den Hitler-Klischees abheben soll, die seit Jahrzehnten die Kinowelt beherrschen. Mit angeklebter Bürste und schräger Stirnfranse geisterte er durch die Kinos. eine Art komische Figur. mal Monster. mal Hanswurst.
Reinhardt aber wollte ein ernsthaftes Kinostück über das Ende des Diktators schaffen. Seit der Sohn des Wiener Star-Regisseurs Max Reinhardt in Deutschland filmte (1955: »Ludwig II."). hatte er den Plan verfolgt. Doch immer wieder war er durch andere Projekte daran gehindert worden. seine Idee in die Tat umzusetzen.
Erst 1971 sah er bei einem Aufenthalt in England seine Chance gekommen. Die Briten offenbarten wieder einmal ihr nimmermüdes Interesse an NS-Themen: Das Fernsehen der BBC bereitete eine 26teilige Hitler-Serie vor, neue Spielfilme über das Dritte Reich entstanden, die manchem Kritiker sogar »Oscar«-verdächtig erschienen. Der »Daily Mirror« spottete: »It's Oscar Time for Adolf.«
Reinhardt nutzte die Gunst der Stunde. Er fand in dem italienischen Regisseur Ennio de Concini einen Partner, mit dem er ein Drehbuch erarbeitete. Als Hitler-Darsteller wählte er sich Guinness aus, der wie kein anderer Schauspieler Englands auf historisch-biographische Rollen (Lawrence. Marc Aurel, Karl I.) spezialisiert ist. Grundidee des Films: »Hitler nicht als abstraktes Monstrum, auch nicht als Karikatur, sondern als Kranker, der mitleidlos und an anderen Menschen uninteressiert ist« -- so Reinhardt. Als Vorlage diente ihm das Buch »Hitlers letzte Tage, des britischen Historikers Hugh Trevor-Roper, der einst als Geheimdienstoffizier die Überlebenden von Hitlers Hofstaat vernommen hatte. Das Buch konnte jedoch den beiden Filmern oft nicht liefern, was sie vor allem benötigten: Atmosphäre. Ortskenntnis. Alltags-Details. Da hörte Reinhardt von einem Mann in Lübeck. der wie kaum ein anderer die Welt des untergehenden Hitler kennt: Gerhard Boldt. 55. ehedem Rittmeister« ab Januar 1945 Erster Ordonnanzoffizier des Heeres-Generalstabschefs und im April in den Führerbunker abkommandiert,
Im Internierungslager Neumünster hatte der abgerüstete Ritterkreuzträger 1946 einen Erlebnisbericht ("Die letzten Tage der Reichskanzlei") niedergeschrieben. der noch heute als die zuverlässigste Darstellung des Hitler-Untergangs gilt Im Mai 1972 kontaktierte Reinhardt den Ex-Rittmeister. Er erwarb Boldts Filmrechte. Boldt wurde technischer Berater -- mit Einspruchsrecht,
Flugs schrieben Reinhardt und Concini das Drehbuch wm: sie werteten Boldt zu einer Zugfigur auf, die durch den ganzen Film hindurchführt, allerdings unter einem anderen Namen: Helmut Hoffmann.
Die Story: Ein Frontoffizier, der Hauptmann Hoffmann. wird am 20. April 1945 als Ordonnanzoffizier in den Bunker der Reichskanzlei abkommandiert und erlebt Tag um Tag die Auflösung Hitlers; stets in den Lagebesprechungen des Führers präsent, kann er die Selbstzerstörung Hitlers und dessen Clique minuziös verfolgen. Erst wenige Stunden vor Hitlers Tod verläßt Hoffmann den Führerbunker.
* Darsteller: Ann Lynn, Guinness, Doris Kunstmann.
Die beiden Drehbuchautoren sahen dabei geflissentlich darüber hinweg, daß Boldt erst am 23. April in den Bunker eingezogen und manchem Höhepunkt des Dramas, so Hitlers Geburtstag und Hochzeit, ferngeblieben war. Drehbuch-Leser Boldt fand denn auch, daß die Autoren allzu phantasievoll mit der Historie umgingen
Er verlangte Korrekturen, machte Verbesserungsvorschläge. Boldt behauptet: »Das Drehbuch mußte vollkommen umgeschrieben werden, bis es meinen Vorstellungen entsprach«
Manchem freilich ging der Detail-Pedant auf die Nerven. Regisseur Concini, der sich als italienischer Widerstandskämpfer versteht und immer wieder (meist vergeblich) versuchte. dem Film einen kräftigen Schuß Wagnerischer Götterdämmerung einzuimpfen, fühlte sich bald so irritiert, daß er bei Aufnahmen Boldt nicht mehr hinter den Kameras dulden mochte.
Sosehr aber auch Boldt aufpaßte -- manchen Fehler konnte er dennoch nicht verhindern. Hitler-Sekretärin Gertrud Junge kann nicht »alles, was er sagte, in Kurzschrift aufgenommen« (Drehbuch) haben, da sie kaum stenographieren konnte. Hitler erhielt auch keine Meldung, die besagt haben soll. daß es bei der Vereinigung der westalliierten mit den sowjetischen Truppen an der Elbe zu »Schießereien« gekommen sei Die Sex-Szenen im Bunker sind ebenso Legende wie das Eindringen der Gräfin Baltin in Hitlers Wohnzimmer. die ihm auf den Knien die Hand küßt
Selbst die Rolle des Film-Boldt Hoffmann ist partiell unhistorisch. Er hat nicht an der Verhaftung des desertierten Hitler-Schwager-s Fegelein teilgenommen. er hat keine Abschrift des Hitler-Testaments mitgenommen und sie dann zerrissen.
Dennoch glaubt Gerhard Boldt, an einem bedeutenden Filmwerk mitgewirkt zu haben. Boldt: »Die Arbeit hat sich gelohnt. Ich habe Einflußmöglichkeiten gehabt und genutzt.« Boldts erweiterter Bunker-Report wird -in England, Amerika und in der Bundesrepublik erscheinen. Der Führer ist nicht totzukriegen.