J. e. d. - DER SPIEGEL
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SCHRIFTSTELLER J. e. d.

Erinnerungen und Aufzeichnungen der langjährigen Brecht-Freundin und -Mitarbeiterin Ruth Berlau, die demnächst, elf Jahre nach deren Tod, erscheinen, zeigen Brecht als ausbeuterischen Liebhaber. *
• aus DER SPIEGEL 34/1985
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Das Ende einer Beziehung: Der Stückeschreiber sah seine langjährige Freundin, Mitarbeiterin und Geliebte an und sagte »mit großem Ernst": »Ich werde dir jetzt etwas Schlimmes sagen, Ruth, aber du mußt es wissen: Wenn ich morgen auf der Straße tot umfalle, bist du schuld. Du hast mich fünf Jahre meines Lebens gekostet. Ich bin jetzt 53 Jahre alt und sehe fünf Jahre älter aus.«

Vier Jahre später, 1956, starb Brecht an den Folgen eines Herzinfarkts. Ruth Berlau wurde 1974 wegen nervöser Schlaflosigkeit, eines schweren Hüftleidens und wegen ihres zerrütteten Gesundheitszustandes in ein Veteranenheim für Verfolgte des Naziregimes eingeliefert. Sie trank am ersten Abend im Heim ein oder zwei Glas Wein, rauchte eine Zigarette. Wahrscheinlich ist sie beim Rauchen eingeschlafen. Sie ist am Schwelbrand erstickt, bevor das Feuer ausbrach und die Fenster zersplitterten ...

Der Anfang einer Liebe: Im dänischen Exil hatte Brecht die »rote Ruth« kennengelernt. Sie war damals eine wunderschöne junge Frau, Schauspielerin am Königlichen Theater in Kopenhagen, mit einem berühmten Arzt verheiratet, eine emanzipierte, politisch aktive Frau, die Zeitungsberichte geschrieben hatte, die linke Theatergruppen gründete und Brecht bei ihrem ersten Besuch kurzerhand ein Manuskript klaute, um es zu übersetzen.

Er war da mit Frau (Helene Weigel) und Kindern, sie stand vor dem Haus, als er vom Mittagsschlaf aufwachte, hinter sie trat und »Hallo« sagte.

Die Berlau erinnert sich später: »Dieses zarte, fragende Rufen ist ... für viele Frauen sozusagen der Inhalt ihres Lebens geworden. Darauf haben sie gewartet, darauf haben sie gebaut, und davon haben sie geträumt.«

Als die Nazis ein paar Jahre später Dänemark besetzten und Brecht Schweden verließ, bestand er darauf, daß sie ihm folgte: »Ich liebe dich. Und es wird

unverändert sein. Solange unsere Trennung dauern mag. Auch in zehn, auch in 20 Jahren. Und für Lai-tu: Sie bekommt den Auftrag, auf sich achtzugeben und sich durch die Gefahren zu bringen, bis unsere Sache beginnt, die echte, für die man sich aufsparen muß. Liebe Ruth e p e p Bertolt.«

Lai-tu, so nannte er sie in den chinesischen Parabeln, die er sich zum Ergötzen und ihr zur Belehrung schrieb. Und e p e p hat er ihr in einen Stein geritzt. Es heiße »et prope et procul«, hat er ihr erklärt, in der Nähe, in der Ferne.

Sie hat Mann, wirtschaftliche Sicherheit und (angeheiratete) Kinder für ihn verlassen und ist ihm durch Finnland und die Sowjet-Union nach den USA gefolgt. Sie war seine Geliebte, seine Mitarbeiterin, seine Sekretärin, sein Archiv, seine Theater-Agentin, hat ihn während seiner New Yorker Aufenthalte, wo sie Arbeit gefunden hatte, »ausgehalten«, hat ihm einen Sohn geboren, der bald nach der Geburt starb, und ist ihm auch nach Ost-Berlin gefolgt, wo sie das Brecht-Archiv aufgebaut hat.

Und das alles, obwohl Brecht als Mann zwar über alle bürgerlichen Vorurteile erhaben, dennoch nicht gerade besonders mutig war und schon bei der Reise nach Finnland ängstlich zu verbergen suchte, daß sie seine Geliebte war.

Die Erinnerungen und Notizen der Ruth Berlau erscheinen demnächst bei Luchterhand. _(Hans Bunge (Hrsg.): »Brechts Lai-tu. ) _(Erinnerungen und Notate von Ruth ) _(Berlau«. Luchterhand Verlag, Neuwied; ) _(336 Seiten; 34 Mark. )

Herausgegeben hat sie der langjährige Leiter des Brecht-Archivs Hans Bunge, den die Berlau nach Berlin in den Brecht-Jüngerkreis holte.

Man erfährt nun in vielen, wenn auch durch die Erinnerung an einen Toten geschönten Details, was man durch Völkers Brecht-Biographie im Grunde schon wußte: Ruth Berlau ist die Frau, die Brecht am stärksten und bis zur Selbstaufgabe verfallen war und die später, als sie Brecht lästig und, vor allem wegen der jungen Käthe Reichel, »abgeschoben« und beiseite gedrängt wurde, stark alkoholisiert dem Freund lautstarke Szenen in aller Öffentlichkeit machte.

In dem Buch sind einige verlegene Telephonate aufgezeichnet, auf die sich Brechts Verkehr immer mehr mit der Berlau beschränkte; einmal im Theater hat sie ihn auf der Probe geohrfeigt, worauf sie Hausverbot im »Schiff« (so hieß Brechts Bühne am Schiffbauerdamm) erhielt.

Im Testament hatte Brecht die Berlau wie seine andere Mitarbeiterin und Freundin, Elisabeth Hauptmann, mit Tantiemen an einigen Stücken bedacht, an denen sie entscheidend mitgewirkt hatten.

Aber jetzt übte Helene Weigel, die »legitime« Witwe, Rache und focht das Testament erfolgreich an. Ruth Berlau, von der ihr Gesprächspartner Bunge mit Respekt verzeichnet, daß sie die »härtesten Männer unter den Tisch« getrunken habe, erhielt von der Weigel sofort nach dem Tod Brechts Hausverbot für das Berliner Ensemble.

Das war das schäbige Ende einer Beziehung, in der sich die Berlau jahrzehntelang für den geliebten Stückeschreiber aufgeopfert hatte.

Schon während des dänischen Exils fuhr er einen Ford, den sie ihm besorgt hatte, und in ihren Erinnerungen ist nachzulesen, wie sie Brecht im Winter auf dem Motorrad in ein Bauernhaus gefahren hat, das sie als gemeinsame Zufluchtsstätte gekauft hatte.

Sie versuchte in der Eiseskälte Feuer anzumachen, Wasser aufzutauen, Tee zu kochen. Er saß die ganze Zeit dabei und rauchte seine Zigarre.

Aber nicht diese Paschahaltung hat sie erbost, sondern daß er über den Vorfall eine Parabel ("Das Feuermachen der Lai-tu") schrieb, in der er sich über ihre Ungeschicklichkeit beim Ofenanstecken auch noch beschwerte.

In New York, wo die Berlau mit ihrer Freundin Ida Bachmann eine gemeinsame kleine Wohnung hatte, zog Ida Bachmann immer für die Zeit aus, in der Brecht seine Mitarbeiterin besuchte.

Einmal schrieb der ums Spurenverwischen bemühte Poet einen Tag nach der Abreise per Eilboten an Ruth Berlau: »Plötzlich im Zug, sonntags, fiel es mir noch ein, daß ich vergessen hatte, Dich daran zu erinnern, daß Du die Nachthemden, die weißen, großmütterlichen, wegstecken mußt, der Bachmann wegen. Hoffentlich hast Du''s gemacht. Aber es war gut von Dir, sie immer zu tragen. Ich sehe Dich immerfort darin. Und es hat etwas von einer alten Zeit an sich und etwas von einer neuen. J.e.d.«

»J.e.d.« war die unter den Liebenden übliche Abkürzung für das dänische »Jeg elsker dig«, »Ich liebe dich«. _(Mit Helene Weigel, Martin Andersen-Nexö ) _(und Margarete Steffin. )

Hans Bunge (Hrsg.): »Brechts Lai-tu. Erinnerungen und Notate vonRuth Berlau«. Luchterhand Verlag, Neuwied; 336 Seiten; 34 Mark.Mit Helene Weigel, Martin Andersen-Nexö und Margarete Steffin.

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