BÜCHER Jede ein Embryo
Joachim Fersengelds »Perycalypsis«, »Die Kultur als Fehler« von Wilhelm Klopper, Simon Merrils »Sexplosion« oder, bei Suhrkampf erschienen, »Gruppenführer Louis XVI.« von Alfred Zellermann -- das sind einige der Bücher und Autoren, die der Pole Stanislaw Lem in diesem Sammelband seiner Kritiken rezensiert.
Allen besprochenen Werken ist eines gemeinsam: Es gibt sie nicht, Lem hat sie erfunden. Mit einer Ausnahme allerdings: Die erste Rezension gilt dem vorliegenden Buch selbst; der Ironiker Lem hat seine Mystifikationen erst einmal der eigenen Kritik unterzogen, bevor er sie der beamteten Rezensentenschaft überließ.
Und dieser Autokritik ist wenig zu widersprechen. Lem, 52, ein Buchmensch wie Borges und wie der ein erfahrener Liebhaber apokrypher Literaturen, hat seine imaginäre Bibliothek säuberlich kategorisiert.
Die eine Hauptgruppe enthält »Parodie, Pastiche und Spott": auf den Nouveau Roman etwa (Lem rezensiert da ein Buch, »das es nicht nur nicht gibt, sondern auch nicht geben kann"), aber auch auf die Sexwelle und das ihr folgende Surrogat -- die Gastronomie. »Sie zerfällt in eine normale und eine unzüchtige; es gibt Fresser-Perversionen, Bildbände der Restaurant-Pornographie, und Mahlzeiten in bestimmten Stellungen einzunehmen, gilt als unsagbar unzüchtig.«
Aufschlußreicher für Lem-Leser sind jene »Skizzen und Kladden«, von denen eine jede »der Embryo eines guten Romans« sein könnte: in diesen Entwürfen erweist sich Lem beiläufig als der wohl brillanteste Autor der gegenwärtigen literarischen Science-fiction.
Doch warum hat er, fragt die Einleitung, nicht statt der Pseudorezensionen jene Werke selbst verfaßt, die er in jedem Fall ausführlich nacherzählt? Lem über Lem: »Der Autor hatte Einfälle, die er nicht in vollem Umfang zu realisieren vermochte; er konnte sie nicht niederschreiben, und es tat ihm leid, sie nicht niederzuschreiben« -- so entstand »Die vollkommene Leere«.