FERNSEHEN / Telemann JUBILATE
Auf der Fahrt vom Flugplatz Wahn nach Köln war's ein vergleichsweise geringer Jubel. Vor dem Kölner Rathaus war's schon ein großer Jubel. Vor dem Frankfurter Römer war's ein noch größerer Jubel, und in Berlin war's ein gewaltiger Jubel.
Das machte: Die Kölner hatten die Wahner, die Frankfurter die Wahner und die Kölner und die Berliner die Wahner, die Kölner und die Frankfurter Fähnchen schwingen sehen. Durch die Röhre. Und wann in Berlin auch der politische genius loci eine Rolle spielte, so bleibt doch das als Novum, daß eine via Television in Jubelstimmung versetzte Bürgerschaft die andere zu befeuern vermag.
Außer solch externem Wetteifer gab es beim Deutschland-Besuch John F. Kennedys, versteht sich, auch internen. Besonders zwischen den amerikanischen TV-Gesellschaften »National Broadcasting Company« (NBC), Columbia Broadcasting System' (CBS) und »American Broadcasting Company« (ABC).
Alle drei waren, wie auch die Eurovisions-Länder, auf das deutsche Elektronenbild angewiesen, das sie, weil die Aktions-Zeiten des Fernseh- Satelliten »Telstar« meist ungünstig lagen, In London aufzeichnen und von dort per Flugzeug weiterleiten mußten. Deshalb rangen sie verbissen nach Unterscheidungs-Merkmalen.
NBC hatte Glück: Die Herren -Party beim Bundeskanzler fiel nicht nur in eine Zeit, wo »Telstar« günstig stand, sondern gelangte auch - als willkommene Live-Würze - in eine normale NBC-Nachrichtensendung.
CBS schaffte es mit List: Korrespondent Daniel Schorr schmuggelte einen Übertragungswagen auf den Flughäfen Wahn und begann seine Reportage lange vor Kennedys Landung. Als mit der Maschine des Präsidenten auch das deutsche TV-Bild erschien, kommentierte er unbekümmert weiter, so daß der US-Beschauer glauben mochte, es handle sich um eine Original -CBS-Produktion.
Das Ringen der beiden deutschen Netzwerke fand Im Rahmen dessen statt, was ein ARD-Sprecher »Vernunftehe« nannte.
Zwei Arten von Wohl-oder-Übel -Gemeinschaft hatten dem Ersten Fernsehen vorgeschwebt. Die eine: Mainz nimmt das Ereignis nach eigenem Gutdünken wahr und bekommt den technisch aufwendigen »Luftakt« - die Verfolgungsjagd der Wagenkolonne von Wahn nach Bonn durch drahtlose Kamera und Hubschrauber - von der ARD gratis dazugeliefert.
Das ZDF lehnte erschrocken ab.
Der zweite Vorschlag: Mainz übernimmt nur das Live-Bild und strahlt den Rest - Kommentare, Film-Füllsel - in eigener Verantwortung aus.
Auch dies war der Anstalt »Zweites Deutsches Fernsehen« nicht geheuer. So wählte sie eine dritte Form der Partnerschaft und übernahm von der ARD sämtliches, in Bild und Ton; gegen Rückerstattung der halben Kosten. Nur in Berlin brachte sie Gerät und vier Reporter in die Ehe.
Jürgen Warner, stellvertretender ZDF-Chefredakteur, auf die Frage französischer Fernsehleute, an wen sie sich notfalls um kollegiale Hilfe wenden sollten: »Vorläufig sind wir für jeden dankbar, der sich an die ARD wendet.«
Das Erste Fernsehen hatte eine Minderjährige geheiratet.
Dabei wollte es gerade in diesen Tagen so gern ledig sein; wollte allein und in eigenem Namen zeigen, was es leisten kann.
Keine der wenigen Pannen hat die ARD sonderlich geschmerzt: nicht, daß sie das Eintreffen Kennedys vor dem Römer verpaßte (er erschien schon um 15.16 Uhr, und die Bundespost-Leitungen waren erst für 15.20 Uhr bestellt); nicht das jähe Verstummen des Übersetzers der Paulskirchenrede, Hans -Joachim Rauschenbach (Grund: ein Hustenanfall); auch nicht der Umstand, daß in Berlin, wo die Benutzung eines Fernseh-Hubschraubers aus Sicherheitsgründen verboten war, das Bild der drahtlosen Kamera von den Rotorblättern zweier Polizei-Hubschrauber verunstaltet wurde.
Nur ein Mißgeschick quält sie noch heute: daß Mainz eine Live -Viertelstunde mehr sendete als sie
- und von der »Kölnischen Rundschau«
dafür gelobt wurde; die oben erwähnte NBC-Übertragung nämlich vom Empfang beim Kanzler (23. Juni).
Während die Zweite Television das Händeschütteln direkt in 43 (von hundert) TV - Haushalte strahlte, war die Post-Strecke Köln - Hamburg gestört, und die »Tagesschau« mußte sich mit alltäglichem Zelluloid behelfen.
Nun, das Bundes-Fernsehvolk wird es dieserwegen halten wie Telemann und seine Anerkennung für vier elektronisch verlebte Jubeltage schon richtig adressieren: nach Köln, Hamburg, Frankfurt und Berlin.
Und wenn der nächste Kennedy auf deutschem Boden landet, wird auch die Mainzer Anstalt als vollgültige Wettbewerberin dafür sorgen, daß unser allerwärts geliebtes »Alaaf!« nicht nur In einer einzigen Fassung über Länder und Meere schallt, sondern - o Qual der Wahl! - gleich in zweien.
Merke. »Ringt um des Jubels Krone! Dies ist das Weltgebot« (Friedrich Hebbel).