LITERATUR Jüngste Gerüchte
Im flauen Januar machte die Meldung einigen Wirbel: Der Erfolgsdramatiker Carl Zuckmayer ("Des Teufels General"), Lieblingsautor von Helmut Kohl und vielen aus seiner Generation, habe im Exil der vierziger Jahre Dossiers über in Deutschland gebliebene Kollegen an den US-Geheimdienst OSS geliefert. Nachzulesen waren die meist eher knappen Texte dann nur auszugsweise und ohne richtige Erläuterungen - was schon damals etliche Feuilletonleser befremdete. Flapsig bis rüde hatte Zuckmayer (1896 bis 1977) viele Gerüchte weitergegeben, die den Betroffenen nach Kriegsende durchaus hätten schaden können. Nun ist endlich die Buchversion erschienen. Aber ihr langer, kleinteiliger Anhang bestätigt nur die früheren Zweifel: Zuckmayer, einmal ins Schwadronieren gekommen, ging ganz nach Wunsch der US-Stellen bis zur Weißwäscherei oder zur Verleumdung ("unglaublich feige und jederzeit zu jedem Verrat bereit«, heißt es etwa über den Schriftsteller Richard Billinger) und setzte sich gern genüsslich als Moralheld in Szene. Sogar geschmacklosen Casino-Jargon scheute er nicht: Theaterregisseur Jürgen Fehling etwa sei »auch von Mutterseite her mit irgendeiner Tropfenzahl von Jordanwasser gewaschen«. Anstatt hier gegenzusteuern, berichtigt der trockene Kommentar nur immer wieder Zuckmayers Faktenfehler. Dafür kommt im Nachwort heraus, dass der wendige Poet noch am 5. April 1933 angesichts der braunen Machtergreifung die »Größe ... dieser elementaren Bewegung« bewundert hatte - und dann nach Kriegsende viele seiner herben Einschätzungen hurtig revidierte. Wie wenig selbst Freunde vor »Zucks« Taktlosigkeiten sicher sein konnten, erweist die Mitteilung über einen lieben Kollegen, den es nach Afrika verschlagen hatte: »Er kam dann krank und verfiebert zurück, trank sich aber mit Hilfe des Verf. gesund.« Prost Mahlzeit - diese buchdicke Fußnote bereichert die Literaturgeschichte des 20. Jahrhunderts allenfalls um ein Fuder an peinlichem Geschwätz.
Carl Zuckmayer: »Geheimreport«. Hrsg. von Gunther Nickel undJohanna Schrön. Wallstein Verlag, Göttingen; 528 Seiten; 32 Euro.