ASTRONOMIE Junge Welt
Der Fixstern Wega, im Sternbild der Leier, ist doppelt so groß und 60mal so hell wie die Sonne - und die Kleinigkeit von 26 Lichtjahren entfernt.
Seit Dienstag letzter Woche ist Wega den Erdbewohnern - zumindest gedanklich - nähergerückt: Jüngste Erkenntnisse deuten darauf hin, daß sich um Wega als Zentralgestirn ein ebensolches System von Planeten bildet wie das, dem die Erde angehört.
Es war eine »willkommene Zufallsentdeckung«, wie die Wissenschaftler des Jet Propulsion Laboratory (JPL) im kalifornischen Pasadena mitteilten. Dort wurden die Signale von dem erdumkreisenden Infrarot-Teleskop »Iras« aufgefangen, mit dem die Entdeckung gelang.
Auf Wega, den dritthellsten Stern am Himmel, hatten die Forscher ihren Spähsatelliten eigentlich nur gerichtet, um die Empfindlichkeit seiner Sensoren zu überprüfen. Da die Strahlungsintensität dieses Sterns konstant und genau bekannt ist, wird Wega seit jeher zur astronomischen Kalibrierung, gleichsam als kosmisches Maßband, benutzt.
Völlig überraschend meldete »Iras«, der nicht sichtbares Licht, sondern die von Himmelskörpern ausgehende Wärmestrahlung registriert, daß Wega von einer riesigen Wolke kühler Materie umgeben ist. Innerhalb dieser Wolke wurden
kompakte Materie-Brocken festgestellt.
Zum erstenmal gelang damit der direkte Nachweis, daß auch außerhalb unseres Sonnensystems andere Sonnen (Fixsterne) von festen Körpern umkreist werden. Alle Anzeichen deuten darauf hin, daß der Materie-Schwarm im Umkreis der Wega ein noch junges, aus Staub, Gas und Meteorfragmenten sich gerade erst bildendes Planetensystem darstellt.
Erst im Januar dieses Jahres ist das Himmelsobservatorium gestartet worden, dessen erklärte Aufgabe es ist, Geburt und Tod im Kosmos, das Entstehen und Verdämmern von Gestirnen zu beobachten. Außerhalb der irdischen Lufthülle kreisend, die den Blick der Astronomen hemmt, und bestückt mit 62 superempfindlichen Sensoren, hat der holländisch-englischamerikanische Satellit schon jetzt reiche Beute zur Erde gefunkt: Im Himmelsfeld der großen Magellan-Wolke beobachtete »Iras« die Entstehung von 20 bis dahin unbekannten Sternsystemen, in anderen Himmelsregionen fand er Dutzende von Kometen.
»In nur einer Minute«, so erläuterten JPL-Wissenschaftler, habe der Infrarot-Späher »mehr Informationen hereingeholt«, als in Jahrzehnten mit Infrarotgeräten von der Erde aus gesammelt werden konnten.
So sensibel sind die Infrarot-Detektoren des Satelliten, daß sie die Wärmestrahlung einer Glühbirne auf dem vier Milliarden Kilometer entfernten Planeten Pluto noch wahrnehmen könnten. Damit sie durch die Eigenwärme der Beobachtungsstation nicht irritiert werden, mußten die Sensoren und die Teleskoplinse (Durchmesser: 57 Zentimeter) in einem heliumgekühlten Doppelwand-Behälter untergebracht werden, gleichsam in einer überdimensionalen Thermosflasche bei minus 271 Grad.
So war es auch möglich, daß »Iras« die äußerst schwache Wärmestrahlung auffing, die von dem Materie-Ring um die Wega ausgeht. Die Temperatur der Materie-Brocken ist mit minus 184 Grad Celsius nicht höher als die der Saturn-Ringe.
Vermutungen darüber, daß es im Weltall weitere Sonnen mit Begleit-Planeten geben müsse, haben die Astronomen schon seit langem angestellt. Kosmische Gaswolken wurden beobachtet, die als Vorstufe von Planetenkonstellationen gelten können. Die von ihnen ausgehende Radiostrahlung läßt auf einen reichlichen Vorrat an Molekülen schließen, aus denen auch lebende Organismen entstehen könnten.
Doch alle Beweisführung war bisher nur indirekt. Daß sich Materie zu Planeten zusammenklumpt, ließ sich beispielsweise daraus schließen, daß der sechs Lichtjahre entfernte »Barnards Stern« sich nicht auf gerader, sondern auf schlingernder Bahn bewegt - abgelenkt, so vermuten die Wissenschaftler, durch die Massenanziehung seiner Begleiter.
Aus welchem Material sich die Materie-Wolke um Wega zusammensetzt und ob sie ring- oder kugelförmig ist, vermögen die Wissenschaftler bislang nicht zu entscheiden. Dafür, so erklärten die beiden Astronomen Hartmut Aumann und Fred Gillett, denen die Wega-Entdeckung zugeschrieben wird, seien die Instrumente des erdumkreisenden Beobachtungspostens nicht sensibel genug.
Die Ausdehnung des Planetensystems, das von der Wega beschienen wird, wurde jedoch schon vermessen. 80 Astronomische Einheiten _(Als Astronomische Einheit gilt die ) _(mittlere Entfernung der Sonne von der ) _(Erde - 149,67 Millionen Kilometer. )
ist der äußerste Rand der Materie-Wolke vom Zentralgestirn entfernt, doppelt so weit wie Pluto, der sonnenfernste Planet, von der Sonne.
Erstmals hätten sie jetzt »die Möglichkeit«, erklärten die JPL-Forscher, »die Entstehung eines Planetensystems zu verfolgen«. Die Behauptung scheint, angesichts der Spanne eines Menschenlebens, ziemlich vermessen.
Auf knapp eine Milliarde Jahre veranschlagen die Astronomen das Alter der leuchtstarken Wega. Das Sonnensystem, dem die Erde angehört, währt hingegen schon viereinhalb Milliarden Jahre.
Als Astronomische Einheit gilt die mittlere Entfernung der Sonne vonder Erde - 149,67 Millionen Kilometer.