Jurek Becker - DER SPIEGEL
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NACHRUF Jurek Becker

• aus DER SPIEGEL 12/1997
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Sein bedeutendstes Buch schrieb er aus Trotz und im Zorn. Der junge Jurek Becker war Anfang der sechziger Jahre in der DDR von der Universität geflogen, hatte bei der Defa als Drehbuchschreiber angeheuert und war mit einem Skript durchgefallen, das den Titel »Jakob der Lügner« trug.

Becker fand es schade, »das schöne Drehbuch wegzuwerfen«, und so schrieb er es zu einem Roman um, der 1969 erschien. Das war sein Debüt als Erzähler und zugleich ein großer literarischer Triumph (es wurde später auch noch ein Film daraus).

Die Geschichte des jüdischen Ghettobewohners Jakob Heym, der mit Erfindungen über die nahende Befreiung (er gibt vor, ein verbotenes Radio zu besitzen) den Mitleidenden Trost und Hoffnung spendet, zählt bis heute zu den anrührendsten literarischen Werken über den Holocaust - noch im November 1996 nannte die new york times den endlich in einer autorisierten englischen Fassung erschienenen Roman »ein eigenartiges, kraftvolles, bewegendes Werk«.

Die späteren Romane - darunter »Irreführung der Behörden« (1973), »Bronsteins Kinder« (1986) - und Erzählungen konnten gegen den einsamen Zauber dieses Erstlings nur schwer bestehen. Dennoch blieb Becker ein beharrlicher und zäher Schreibarbeiter. »Der Schreibtisch ist der einzige Ort«, sagte er, »an dem ich ein kleines bißchen fliegen kann.«

Erzählen war seine Leidenschaft, nicht nur in Büchern. Die Lust an der Mitarbeit beim Film blieb. Becker, der 1977 mit einem DDR-Visum in den Westen kam, schrieb die erfolgreichen TV-Serien »Liebling Kreuzberg« und »Wir sind auch nur ein Volk«.

Der Umstand, »in eine jüdische Familie hineingeboren« worden zu sein, so äußerte Becker einmal lapidar, habe für seinen Lebenslauf »nicht eben kleine Folgen gehabt«. Als Kind erlebte er die Errichtung des Ghettos in seiner Geburtsstadt Lodz. Der Junge überlebte in zwei Konzentrationslagern und traf erst nach dem Krieg wieder auf seinen Vater, den neben ihm und einer Tante einzig Überlebenden der einst großen Familie.

Becker hatte nur mit wenigen über seine Krebserkrankung geredet. Am Telefon war seine Stimme noch vor wenigen Wochen so klangvoll, dunkel und faszinierend wie immer. Er scherzte gern, provozierte und spielte mit dem Gesprächspartner.

Der Schock über seinen Tod geht weit über den Verlust eines bedeutenden Schriftstellers hinaus. Becker, darin seinem Freund, dem Schauspieler Manfred Krug, wesensverwandt, zählte zu den Zeitgenossen, bei denen sich hinter Schalk und Schlitzohrigkeit jene tiefe Ernsthaftigkeit zeigt, die mehr als bloß Sympathie beim Publikum weckt. Wer ihn kannte, der liebte ihn.

Jurek Becker, der am Freitag vergangener Woche starb und eine Frau und einen kleinen Sohn hinterläßt, ist nicht einmal 60 Jahre alt geworden.

Genauer läßt sich das kaum sagen. Zwar gibt sein Paß als Geburtsdatum den 30. September 1937 an, doch möglicherweise war Becker jünger. Sein Vater erhöhte die Überlebenschance des Sohnes nämlich im Ghetto durch falsche Angaben: Ältere Kinder ließ man arbeiten. Später, so hat Jurek Becker erzählt, habe sich sein Vater an das exakte Datum nicht mehr erinnert.

Seine Stimme, ganz wörtlich genommen: Sein Ton wird fehlen. Dieser Ton war bei aller Lust an der Polemik - in der Gegenwartsliteratur vermißte er »die Dimension Auflehnung« - von melancholischer Abgeklärtheit. Typisch dafür ein Romananfang: »Vor einem Jahr kam mein Vater auf die denkbar schwerste Weise zu Schaden, er starb.«

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