Bild der Woche: Was ist das? - DER SPIEGEL
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Bild der Woche Was ist das?

Achtung: Keine Satire! Es ist der Fortschritt, juchhe und Samba-Samba-Dschingdarassabum - für die Parade der Kindercomputer.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Satire darf, so geht die Mär, alles. Dieses Recht wird ihr von humorlosen Leuten immer wieder streitig gemacht - was aus der Sicht des Satirikers nicht nur unverschämt ist, sondern Doppelmoral. Denn: Die so genannte Wirklichkeit darf noch viel mehr als die Satire. Mehr als alles. Sie darf die Welt, die Wörter und deren Werte widerspruchslos verdrehen. Eigentlich führt die Wirklichkeit die Satire ad absurdum, macht sie überflüssig. Und so gesehen ist der ärgste Konkurrent der Satire die Wirklichkeit. Das beweist am eindrücklichsten die aktuelle Politik. Die neueste semantische Verdrehung trifft das schöne Wort "Courage". Im Mund von Uschi Glas, der beliebtesten Mutti Deutschlands, bekommt die "Courage" plötzlich einen ganz anderen Geschmack. Uschi nämlich versah ihre Ablass-Spende von 10.000 Mark an den armen, geschmähten Helmut mit dem Kommentar: "Jetzt ist es angesagt, auch mal Courage zu zeigen." Mutig, mutig, Mutti, möchte der Satiriker sagen, aber nötig ist das nicht. Eigentlich auch nicht lustig. Weshalb manche Leute glauben, der Zyniker wäre ein hemmungslos enttäuschter Idealist.

Das war ein arg gehakter Schlenker, musste aber dringend abgelassen werden, und führt dennoch wieder zur Relation Satire-Wirklichkeit zurück. Direkt nach Rio, zum – Tusch! – Karneval! Dieses Bild der Woche könnte man eigentlich nüchtern und sachlich beschreiben: Kinder der "Imperatriz Leopoldinense"-Samba-Schule marschieren als Computer verkleidet. Um den Fortschritt Brasiliens zu symbolisieren. Punkt. Satire?

Zum weiterreichenden Verständnis ließe sich noch anmerken, dass die so genannten synkretistischen Religionen auf dem lateinamerikanischen Kontinent eine wunderbar integrative Fähigkeit haben: Da werden alle möglichen Götter und Heiligen in den Pantheon aufgenommen, Candomblé, Jesus, Madonna – anything goes. Und somit scheinen die wandelnden infantilen Computer nahezu visionär: Der PC, unser Gott der Jahrtausendwende, tanzt übers Sambodrom. Tusch! Wirklichkeit?