Bunny Surfing: Die maßlose vierte Dimension - DER SPIEGEL
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Bunny Surfing Die maßlose vierte Dimension

Bunny ist ein Kontrollfreak und steht demgemäß mit der Zeit auf Kriegsfuß. Die lässt sich zwar beobachten und berechnen - aber warum, verdammt, kann Bunny sie nicht manipulieren?
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Bunny sitzt vorm Computer und starrt auf die kleine Uhr. 10:32. Bunny starrt weiter. 10:32. Wartet. Immer noch 10:32. Ist die Zeitanzeige abgestürzt? Das kann doch nicht sein: 10:32. Bunny denkt an Einstein. Sitzt sie vielleicht nur vor einer Projektion ihres Rechners, der eigentlich von Außerirdischen entführt wurde und jetzt mit mindestens Lichtgeschwindigkeit durch die Gegend rast, oder warum geht die Uhr so langsam? 10:32.

Wie lang eine Minute ist!

Bunny hat zur Zeit schrecklich viel zu tun. Da kommt ihr der Stillstand ganz gelegen. Sie fängt an zu arbeiten. Doch es lässt sie nicht ganz los, nach wenigen Augenblicken schmult sie schon wieder auf die Uhr: 10:47. Um Gottes Willen.

Wie kurz 15 Minuten sind!

Nein, natürlich ist das nichts Neues. Soweit sie sich zurückerinnern kann, zerbricht Bunny sich regelmäßig den Kopf über das subjektive Empfinden von Zeit. Was sie so stört, ist gar nicht die Tatsache, dass Zeit sich sowohl endlos hinzieht als auch viel zu schnell vergeht. Das Schlimme ist der Mangel an Kontrolle.

Damit meint sie nicht einmal, selbst steuern zu können, wie schnell eine Stunde vorbei ist (aber wäre das nicht schön, die guten Momente ganz in Ruhe auskosten, die schlechten vorbeirasen lassen wie ein entgegenkommendes Auto auf freier Autobahn, den nächsten Termin stets in perfekter Entfernung... hach!)

Bunny wäre schon mit etwas Kalkulierbarkeit zufrieden. Wenn sie von 100 Kilometern bereits 60 gefahren ist, stehen noch 40 bevor. Das ist klar und (zumindest für Kontroll-Freaks wie Bunny) schön zu wissen. Anhand der Reisegeschwindigkeit ließe sich nun auch eine Prognose über die objektive Dauer bis zur Ankunft erstellen - aber was sagt die schon! Was, bitteschön, ist eine halbe Stunde? Bunny will ein Maß, endlich ein aussagekräftiges Maß.

Natürlich hat sie sich (lange, sehr lange) durchs Internet gewühlt. Doch anders als so oft, hat sie für dieses Problem bisher keine Lösung gefunden. Aber ein paar durchaus wirksame Hilfsmittel. Dort kann sie sich zum Beispiel anzeigen lassen, wie viele Jahre, Monate, Wochen, Tage, Stunden und Sekunden seit einem bestimmten Datum vergangen sind beziehungsweise bis dahin erst noch vergehen müssen. Aus zwei Wochen werden da auf einen Blick 0,038 Jahre oder eben über 20.000 Minuten. Wenigstens die Illusion von Kontrolle.

Noch lieber hat Bunny das entsprechende Tool des Windows-Freeware-Programms World Time. Zum einen arbeitet es nicht nur datums-, sondern sogar sekundengenau, zum anderen zählt es den Zeitabstand fortlaufend hoch oder runter. Zusehen, wie die Zeit vergeht. Und Bunny hat es monatelang beobachtet: Sie vergeht. Da bleibt nichts stehen. Zumindest hinter dem Sekundenkomma ist IMMER(hin) Bewegung. Und noch was: Noch diese Woche macht Bunny einen Zeitsprung, sieben Stunden voraus: Sie fliegt nach Australien. 181.500 Minuten hat sie darauf gewartet.