Klaras Sicht der Dinge: Der Klara-Bär - DER SPIEGEL
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Klaras Sicht der Dinge Der Klara-Bär

Klara möchte einen Bären ausloben. Für den Unbekannten Filmsoldaten. Für seine Aufopferung, seine körperliche Erschöpfung und seine totale emotionale Hingabe.
Von Nataly Bleuel
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Und, wer hat es gebaut, das siebentorige Theben? Wer hat die Felsbrocken herbeigeschleppt? Wer hat sich abgerackert, gelitten und geschunden, damit alles reibungslos funktioniert? Damit die Stars mit Flügelchen und Heiligenschein über den roten Berlinale-Teppich gleiten - und sich nicht, wie das Fußvolk, die Haxen brechen? Wer kocht den Kaffee für die Herrschaften? Und wer schleppt sich jeden Morgen ins Kino, setzt sich auf nüchternen Magen fremden Welten aus? Wer leidet, weint, lacht, würgt und muss sich dann wieder rausdistanzieren, aus dem Leid, dem Weinen und dem ganzen Gefühlssturm, um einen kritischen Text zu verfassen? Wer?

So viele Berichte. So viele Fragen.

Die Nobodys sind's. Die Laufburschen, die mit den farbigen Akkreditierungskärtchen. Blau und Grün gegen Rot. Rot sind die Wortmaschinen, die Welt des Scheins ist per Hundemarke hierarchisiert. Klaras Alter Ego ist rot, und keiner dankt's einem. Nein, wir kriegen keinen Bären. Ähnlich ergeht es auch den Kurzfilmen im Wettbewerb (und überhaupt). Sie laufen sozusagen als Amuse-Gueule und schwuppdiwupp, schon hat sie der Hauptfilm wieder platt gemacht. Vergebliche Müh. Deshalb möchte Klara, deren Alter Ego sich jeden Morgen ergibt, die Aufmerksamkeit der geschätzten Leserschaft auf einen wunderbaren Vorfilm lenken. "Hommage an Alfred Lepetit", von Jean Rousselot, neun Minuten Kürze. Nicht nur, weil es bislang der einzige Film war, über den Klaras Alter Ego lachen konnte. Danke, Monsieur Rousselot, für die neun Minuten Witzdusche! Dankdankdank! Vor allem aber, weil Alfred Lepetit ein Denkmal gesetzt wurde. Ein Preis an Alfred, den Laufburschen im Filmgeschäft. Seit Jahrzehnten kocht er Kaffee, hätschelt verzogene Diven, hält immer eine Auswahl an Zigarettenmarken im Gürtelhalfter bereit und ist ansonsten ein bescheidener, aber leidenschaftlicher Unbekannter Filmsoldat. Roman Polanski, Charlotte Rampling, ein Produzent und eine Cafeteria-Expertin loben ihn in den höchsten Tönen. Alfred aber lehnt den Preis ab. Er möchte auch nicht aufsteigen zum Dritten Assistenten, nein, er will überhaupt gar nicht im Rampenlicht stehen. Alfreds aller Länder, vereinigt euch! Wir wollen auch einen Bären! Und einen Oscar und einen Löwen und eine Palme!

Auch Klaras Berlinale-Alter-Ego will so ein Ding haben. Dank Alfred Lepetit. Endlich! Endlich denkt mal einer an uns. Es ist nämlich so, dass die ganze Welt den Kritiker zu beneiden scheint. Waaaaaaahnsinn, du gehst bestimmt auf die Party mit Leonardo, Gwyneth und Jude! Suuuuuuuper, Gong streift deinen Mantel, Wim zwinkert dir zu! Guck dir doch mal die armen Schweinchen an, wie sie da an der Absperrung hängen und Leonardo küssen wollen. Dir steht die Welt offen! Und du kannst jeden Tag umsonst Filme gucken!

Pah, denkste. Abends, wenn die Parties röhren, liegt Klaras Alter Ego längst im Bett. Fertig mit der Welt. Wie das? Sie sagt euch: Sie macht was durch, jeden Morgen. Reingeschmissen werden ins Italien der Fünfziger, ins Japan der Siebziger, ins Nordchina der Sechziger, nach Hong Kong, nach Kalifornien, in die Psyche eines unterdrückten Schwulen, in die Seele eines machistischen Sex-Gurus, eines religiösen Bullen und einer missbrauchten Kokserin. Das strengt an. Das macht dich fertig.

Und dann die Heulerei! Neulich saß Klara also in der China-Schnulze, Dorfseelen, große Liebe, Birkenrauschen, gebrochenes Herz, und denkt, nein, hofft inständig: Ich will nicht wieder heulen müssen. Ich will nicht. Lieber Zhang Yimou, ich hab gestern schon geheult, bei Magnolia, ich hab mich so was von zusammengerissen, damit ich mich unter den 2999 wichtigen Filmkritikern nicht blamiere, ich hab auch vorgestern geheult, bei Mr. Ripley, und vorvorvorgestern beim Knabenchor. Ich mag nicht mehr. Ich will heute mal lachen, oder noch besser, ich will einen unterirdischen Film sehen. Aber nein, das regt zu sehr auf, ich will einen Film sehen, der mich kalt lässt. Heute Nacht, das sagt sie Euch, hat sich Klaras Alter Ego den Wecker gestellt. Für ZEN. Zuschauen. Entspannen. Nachdenken. Oder besser: ZE, das reicht schon.

Und deshalb, für all die gequälten unbekannten Kreaturen, fordert Klara einen Bären namens Oscar, der auf die Palme geht und dem Löwen eins auswischt. Aber einen aus Stoff. Einen weichen, plüschigen, kuschligen, einschläfernden Stoffteddybären. Den kann man dann immer noch ablehnen. In aller Bescheidenheit.