Klaras Sicht der Dinge: Was ist weise? - DER SPIEGEL
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Klaras Sicht der Dinge Was ist weise?

Würde Papst Johannes Paul II. hinschmeißen, dann könnten Klaras Tante Hertha, Antonio Samaranch und womöglich sogar Helmut Kohl heilig gesprochen werden.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Weisheit, sagt der Kardinal Meisner, Weisheit nehme mit dem Alter eher zu als ab. In diesem einen Punkt muss Klara dem konservativen Knochen ausnahmsweise mal recht geben. Klara ist auch gerade wieder ein Jahr älter geworden und viel weiser als früher. Vor zehn Jahren hat sie noch radikale Dinge gefordert: Ihrem Großvater zum Beispiel hätte sie gern den Führerschein abgenommen, und zwar seit dem Tag, an dem er anfing, über seine Füße zu stolpern, weil er nicht mehr bis zum Boden gucken konnte. Ihrer Großtante Hertha hätte sie gern das Wahlrecht aberkannt, als die behauptete, Ausländer seien in ihre Wohnung eingebrochen und hätten ihr Hühnchen aus dem Kühlschrank geklaut - das sie mitsamt Knochen eigenmäulig aufgefressen hatte. Und ihren Ex-Boss hätte sie gern in Rente geschickt, weil er mit 60 immer noch glaubte, ein Rolling Stone zu sein, Menschen mit 45 für junge Leute hielt – und alle unter 30 als unpolitische Knallchargen abwatschte.

Inzwischen regt sich Klara nicht mehr so auf über senile, autoritäre alte Säcke, die die Straßen, das Land, die Moral und alle nachfolgenden Generationen verunsichern. Ja, Klara ist gelassener geworden, liberaler, einsichtiger. Ist das nicht weise? Leben und leben lassen. Oder ist das einfach nur Bequemlichkeit?

Was ist Weisheit überhaupt? Ist es weise, sich bis zum Ableben an Lenkrad, Haushalt und Macht zu klammern? Nach mir die Sintflut. Oder ist das Altersstarrsinn? Wäre es nicht viel weiser zuzugeben, dass man von der schweren Mitra Kopfschmerzen kriegt, dass einem der Hirtenstab aus der Hand flutscht und dass man nicht mal mehr die Heilige Pforte eigenhändig aufstoßen kann? Und daraus Konsequenzen zu ziehen.

Weisheit ist ja so auslegbar! Wie die Bibel, der Koran und alle Gesetzesbücher zusammen.

Der alte Kardinal Meisner sagt, für das Amt des Papstes sei Weisheit erforderlich. Das kann er einfach so behaupten, weil der Papst der – unfehlbare - Stellvertreter Gottes ist, und der ist bekanntlich ein weiser alter Mann, was man an dem grauen langen Bart erkennen kann. Der Bischof Lehmann aber hielte es eigentlich für weiser hinzuschmeißen, wenn man das Gefühl hat, dass man "nicht mehr genügend in der Lage ist, verantwortlich die Kirche zu lenken".

Und der Papst himself sagt, Gott verlange nie etwas von uns, was über unsere Kräfte geht. - Diesen Satz findet Klara auch unheimlich weise: Er ist salomonisch, man kann ihn so und so auslegen. Manche glauben nämlich, das würde bedeuten, dass der liebe Gott den kranken Papst schon zu sich ruft, wenn's ihm zu bunt wird. Klara glaubt aber, dass es heißt, dass der liebe Gott doch nicht vom Papst verlangen kann, dass er sich zu Tode schindet. Und dass er sich eigentlich einen bequemen Lebensabend machen will, am Kamin, mit einem Gläschen Messwein.

Das wäre weise. Der Stellvertreter Gottes ginge nämlich mit saugutem Beispiel voran. Dann stünde der zurückgetretene Boris Jelzin nicht mehr so mutterseelenallein auf weiter Flur. Auch Klaras Tante Hertha oder Antonio Samaranch und sogar Helmut Kohl hätten längst das Handtuch schmeißen können. Vielleicht würden sie dann sogar heilig gesprochen! Wie Cölestin V., der einzige Papst der Weltgeschichte, der jemals aus eigener Kraft abgedankt hat. Doch derweil placken sie sich alle ab bis zum bitteren Ende. Und daher fordert Klara: Woytila, red nicht nur salomonisch daher, sondern handle auch noch weise und zeig unserer Jugend, wie man in Würde alt wird!