Sugar Daddy: Top Ten vor dem Altar - DER SPIEGEL
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Sugar Daddy Top Ten vor dem Altar

Wie wir an Heiligabend zum ersten Mal eine Messe besuchten und mein Sohn die Hitparade der Kirchenlieder torpedierte. Allerhand Absteiger wurden da gegeben. Und das geht gegen die Ehre eines jeden Musikfreunds.
Von Jolly Zink
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Ich erlebe als Full-Time-Vater gerade eine Zeit, die ich zuletzt vor zwanzig Jahren durchgemacht habe. Damals hörte ich meine persönlichen Top Ten manchmal 20,30 mal hintereinander und bekam sie für die nächsten Tage und Wochen nicht mehr aus meinem Kopf. Sie wurden zu Ohrwürmern, sie setzten sich fest auf meinen Lippen, ich ging mit ihnen zu Bett, ich wachte mit ihnen wieder auf, und ich präsentierte sie meinem Spiegel mit einer imaginären Gitarre und coolem Gesichtsausdruck. "Tell me why - I don't like mondays." Oder: "Carried away by a moonlight shadow."

Dann kamen andere Jahre. Klar, ich hörte weiter Musik, ich hatte meine Lieblingssongs, aber sie blieben nicht mehr haften. Sie setzten sich nicht mehr fest. Es traten Frauen in mein Leben, Vorlesungen und Demos. Der Alltag killte meine Ohrwürmer.

Jetzt sind sie wieder da. Es begann im Herbst mit dem Song "O Tannenbaum", den ich meinem Sohn am Tag 30 mal vorsingen musste. Es folgten: "Morgen, Kinder, wird's was geben" und "Kommet ihr Hirten". Mein Sohn ist ein lieber Kerl, aber er will den ganzen Tag besungen werden. Und er hat sehr klare Vorstellungen von seinen Top Ten. "O Tannenbaum" ist schon lange nicht mehr in. "Nein nein", schreit er hysterisch. "Tannenbaum - nicht. Hirten!" Also: Kommet ihr Hirten.

Das ist ja alles ganz süß, aber die Lieder verschwinden nicht mehr aus meinem Hirn. Ich wache auf mit "Hoch oben schwebt jubelnd der Engelein Chor" und ich gehe damit ins Bett. Das ist hart.

Weihnachten, kurz vor seinem zweiten Geburtstag, waren wir zum ersten Mal in der Kirche. Ich mache mir nichts daraus, aber für einen Evangelisten wie meinen Sohn sollte es eine Sternstunde werden. Dachte ich. Es begann gut. Der Pfarrer sprach ein paar Worte und stimmte "Vom Himmel hoch" an. Mein Sohn war beeindruckt. Seine Number Two - gesungen von dreihundert Kirchengängern. Er saß andächtig auf meinem Schoß und bewunderte das Konzert.

Dann aber ging es los. Es folgte "Stille Nacht". Als der Organist die Ouvertüre spielte, regte sich schon leichter Protest, und als dann alle mitsangen, war es aus. "Nein nein", brüllte mein Sohn ins Kirchenschiff hinein. "Nein, ille Nacht nicht." Und hörte nicht auf. Ich versuchte, ihn zu beruhigen, versuchte, ihm klarzumachen, dass bald alles vorbei sei, aber er ließ sich nicht überzeugen. Es muss ein Angriff auf seine Würde gewesen sein: 300 Menschen wagten es, gegen seinen Willen einen ausrangierten Schnarch-Song zu intonieren. Ich glaube, für ihn ist das ähnlich schmerzhaft wie für einen Opernfreund die Rockmusik.

Ich wollte gehen. Er wollte bleiben. Es folgten bewegende 60 Minuten. Frohsinn und Protest wechselten sich ab. Die Aufmerksamkeit der Gemeindemitglieder war uns sicher, und als wir die kirchliche Hitparade verließen, war ich schweißgebadet.

"Kirche, Kirche", sagt er jetzt manchmal. "Kirche gehen." Das ist der Moment, da ich zum Lügner werden muss. Zum Notlügner. "Die Kirche ist geschlossen, mein Spatzelmann", sage ich dann, "und sie macht auch erst in einem Jahr wieder auf."