You have mail: Die röhrenden Nullen - DER SPIEGEL
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You have mail Die röhrenden Nullen

Wer noch mit Arbeitskraft sein Geld verdient, bleibt arm dran und gehört auf keinen Fall zum aktienistischen Club der "Fauxhemians", zur Avantgarde des Neuen Börsenrauschs. Mit den Zurückgebliebenen macht eine altbackene Glücksspiel-Show gigantische Quoten.
Von Jörg Häntzschel
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Auch schon immer davon geträumt, Millionär zu werden? Kommen Sie nach Amerika! Der zweite Goldrausch ist in vollem Gange. Das Land feiert den längsten Boom seiner Geschichte. Die Arbeitslosenzahlen waren seit 30 Jahren nicht mehr so niedrig. Nahtlos gehen die "roaring Nineties" in die "roaring Zeros" über, und nichts deutet auf ein Ende der Party hin.

Und so geht's: Sie gründen eine Internet-Firma, sagen wir eine Auktions-Site für Pokémon-Figuren oder benutzte Dessous. Nach ein paar Monaten gehen Sie an die Börse. Die Leute schlagen sich um ihre Aktien. Sie warten, bis der Wert ihrer Anteile sich vervierfacht, dann werfen Sie sie auf den Markt und streichen den Profit ein. Nun können Sie bequem und stilvoll mit neuen Geschäftsideen spielen oder einfach nur ihr Loft einrichten. "Fauxhemians" nennt die "Times" die Mittzwanziger aus der "Silicon Alley", die aus Versehen Millionäre geworden sind und nun rastlos durch Manhattan streifen, auf der Suche nach coolen Wegen, ihr Geld loszuwerden.

Hey, vergiss die biedere Krawatte, die der AOL-Boss neulich trug, als er Time Warner kaufte! Lumpen-Glamour auf höchstem Niveau ist angesagt, wenn man beim abendlichen Clubhopping im Meat Packer District, dem Manhattaner Schlachthof- und Nightlifeviertel an der Lower West Side, auf der Suche nach Spaß und Sexualpartnern über Knochen und Blutpfützen steigt. Wer dafür nicht kreativ und jung genug ist, hat mittlerweile hoffentlich sein Portfolio mit High-Tech-Aktien beisammen. Früher schaute man Sport, heute guckt man CNN-Marketwatch oder klickt während der Arbeit alle zwei Minuten auf die Börsensites. Na, wie viel ist Qualcomm wieder hochgegangen? 15 Prozent! Yes! Das muss ich gleich mal den Kollegen erzählen. Früher galt neues Geld als peinlich, heute ist Spekulation Volkssport und Partythema. Wer noch mit Arbeit sein Geld verdient, kann nicht mitreden.

Der Fernsehsender ABC hat die Verbitterung der Enttäuschten erkannt und sich zum allabendlichen Tröster aufgeschwungen. "Who wants to be a millionaire" - altbackene Quiz-Show, Preise von heute, seit kurzem auch im deutschen Fernsehen ("Wer wird Millionär") - demonstriert, dass auch Sie noch auf das gute Leben hoffen dürfen. Wer alle Fragen richtig beantwortet, verlässt das Studio mit einer Million Dollar. Diesen Traum wahr zu machen, genügte ABC, um sich seit Januar mit den täglichen Ausgaben der Show die sieben Spitzenpositionen der wöchentlichen amerikanischen Quoten-Top-Ten zu sichern.