You have mail Superfrauen gegen Superkugeln
Ich hatte Helden erwartet, amerikanische Helden. Schließlich war es der Super Sunday, der Tag des Endspiels der Football-Saison und Amerikas "bedeutendster weltlicher Feiertag" (Newsweek). Doch der Sender ABC, der seine Berichterstattung aus dem Georgia Dome in Atlanta wie immer fünf Stunden vor dem Kick Off begann, zeigte nur Sensibelchen. Da war ein müder Boris Becker, ein nasser Hund von "South of Frankfurt". Vielleicht der Jet Lag. Da war Phil Collins, der sich, krisengeschüttelt anlässlich seines 49. Geburtstags, als elfjähriger verkleidet hatte und meinte, er verstehe das Spiel nicht. Da war Dick Vermeil, der 63-jährige Coach der St. Louis Rams. Der hatte sich vorgenommen, nicht mehr zu weinen - doch die Tränen waren wieder stärker.
Kein Wunder - nach einem von Disney aufgeführten Totentanz in der Halbzeitpause: Skelette verneigten sich vor einem Zehn-Meter-Engel, bevor eine Gespenstertruppe zum Getrommel der Eisprinzessinnen die weißverhüllten Hüften schwang. Was war nur los? Schuldkomplexe? Todessehnsucht? - Gendertrouble!
Dann bohrte Blaine Bishop von den Tennessee Titans seinen Kopf in die Hüfte eines Gegners - noch mal und noch mal und in Zeitlupe. Und ging bewusstlos zu Boden. "Er bewegt sich noch, das ist die gute Nachricht!", rief ein optimistischer Kommentator, doch keiner sonst konnte Zeichen von Vitalität erkennen. "Fever, fever, FEVER!" befahlen schrille Frauenstimmen aus den Lautsprechertürmen. Doch die Männer vergruben die Gesichter in den Händen. Sie konnten nicht zusehen, wie der Mann als Mumie vom Platz gefahren wurde. "Thank you Jee-sus!", rief der sehr religiöse Kurt Warner von den Rams, als die schließlich gewonnen hatten. Und der Coach weinte wieder.
Kein Zweifel: Die Karten werden neu gemischt. "Die Frauen verfolgen das Spiel, die Männer rühren in den Töpfen." So hatte Lisa Ling, zu Gast bei Barbara Walters Damen-Chatshow "The View", vor dem Spiel die neue Lage auf den Punkt gebracht. Auch in Oliver Stones neuem Football-Film "Any Given Sunday" tobt hinter den Kulissen der Geschlechterkrieg. Al Pacino spielt den abgewrackten Coach, Cameron Diaz die junge, toughe Besitzerin der Miami Sharks. "Bitte keinen Steifen jetzt, okay?", herrscht sie den nackten Defender mit XXXL-Gerät zwischen den Beinen in der Kabine an. Und die Quarterback-Gattin knallt ihrem Mann eine, dass die Grillzange durch die Luft fliegt, als er es wagt, ans Ende seiner Karriere zu denken.
Trotzdem: Bei Stone ist die Welt noch in Ordnung. Männer-Atem klingt wie Löwengebrüll, Kollisionen wie die von 50-Tonnern. Und am Schluss gibt Al Pacino seinem Star etwas Wichtiges auf den Weg: Es ist nicht das Geld, es sind nicht die Autos, nicht die Mädchen, an die du dich erinnerst, wenn das alles vorbei ist. Es sind die Männer, die du nie vergisst.