Kampf der Kulturen - DER SPIEGEL
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FILM Kampf der Kulturen

Phillip Noyce ist der Regisseur des Jahres. Fast gleichzeitig kommen zwei Meisterwerke von ihm ins Kino: »Der stille Amerikaner« und »Long Walk Home«.
• aus DER SPIEGEL 22/2003
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Diesem Mann ist kein Raum groß genug. Beim Gespräch, das in einer sehr weitläufigen Berliner Bar stattfindet, scheint sich der Australier Phillip Noyce beengt zu fühlen. »Wissen Sie«, sagt er, »wir Australier sind die Weite gewöhnt. Die Größe unseres Landes prägt uns durch und durch. Aber sie führt uns auch ständig vor Augen, dass wir letztlich nur Zwerge sind. In Australien fühlt man sich immer wie eine Ameise vor einem Giganten.«

Und so hat der aus New South Wales stammende Noyce, 53, dessen neue Filme »Der stille Amerikaner« und »Long Walk Home« nun fast zeitgleich in Deutschland anlaufen, schon mehrfach die ganze Breite der Leinwand genutzt, um Geschichten von Menschen zu erzählen, die sich in der Weite verlieren. Der Erfolg seines Segel-Thrillers »Todesstille«, in dem drei Menschen mitten im Ozean ums Überleben kämpfen, brachte ihn und seinen Star Nicole Kidman Ende der Achtziger selbst um den halben Erdball: nach Hollywood.

Gut zehn Jahre später kehrte der Regisseur für ein Spielfilmprojekt in seine Heimat zurück: In »Long Walk Home« kämpfen drei Mädchen im Alter zwischen 8 und 14 Jahren mitten in der australischen Wüste ums Überleben. Noyce: »Wie Nicole Kidman in 'Todesstille' müssen sie einen langen, überaus beschwerlichen Weg zurücklegen, wachsen dabei aber über sich hinaus und finden in gewisser Hinsicht zu sich selbst. Die Erfahrung der Weite macht sie zu anderen Menschen.«

»Long Walk Home« spielt 1931, beruht auf einer wahren Begebenheit und greift ein heikles Kapitel der australischen Geschichte auf: Die Regierung verschickte von 1910 an so genannte Mischlingskinder von Weißen und Ureinwohnern gegen den Willen der Eltern quer über den Kontinent in Umerziehungsheime, um sie auf ein Leben in der weißen Gesellschaft vorzubereiten. Dahinter stand die Idee, die Aborigines aus der Bevölkerung herauszumendeln: Würden die Mischlinge mit Weißen Kinder zeugen, wären die Gene der Ureinwohner irgendwann aus dem Genpool weitgehend verschwunden. Bis 1976 wurden über 100 000 Kinder verschleppt.

Diesem bizarren Plan, eine menschliche Rasse auf sanftem Wege auszurotten, widersetzen sich die drei Mädchen, deren Erlebnisse später eine ihrer Töchter in dem Buch »Long Walk Home« festhielt: An einem Zaun entlang, der gebaut wurde, um die Verbreitung der aus Europa stammenden Kaninchen einzudämmen, bahnen sie sich einen Weg - von dem Heim, in das sie verschleppt wurden, zurück zu ihren Familien, 1500 Meilen durch Australiens Wüste.

»Die Zuschauer sollen die Weißen mit den Augen der Aborigines betrachten«, sagt Noyce. Kein anderer Regisseur hat die Ästhetik des Kamera-Blicks, besonders dessen Subjektivierung, in diesem Jahr so konsequent vorangetrieben wie Noyce. Als sich in seiner meisterhaften Graham-Greene-Verfilmung »Der stille Amerikaner« (SPIEGEL 12/2003), die 1952 in Saigon spielt, der britische Reporter Fowler (Michael Caine) im Bett seiner vietnamesischen Freundin (Do Hai Yen) zuwendet, scheinen die beiden Liebenden aus nächster Nähe direkt den Zuschauer anzublicken und machen ihn so zum unsichtbaren Dritten. In »Long Walk Home« inszeniert Noyce den wechselseitigen Blick der Ureinwohner und der Weißen aufeinander durch deutliche Perspektivwechsel. So will er »den Zuschauer genau an den Punkt versetzen, wo sich zwei Kulturen treffen - zärtlich oder gewaltsam«.

Wenn der Zusammenprall der Kulturen, von dem Noyce in vielen Filmen erzählt, zu einer Explosion der Gewalt führt, scheint ihm allerdings bisweilen nur Gottes Sicht angemessen. In der Tom-Clancy-Verfilmung »Die Stunde der Patrioten« (1992) zeigte er die Erstürmung eines Terroristencamps in Nordafrika durch amerikanische Spezialeinheiten als schemenhaftes Infrarotbild eines Überwachungssatelliten - und schuf damit das eindringliche Inbild des modernen Krieges, der das Töten zum anonymen Akt werden lässt.

In »Der stille Amerikaner« zeigt er die verheerenden Folgen der Explosion eines amerikanischen Sprengkörpers dagegen möglichst direkt, aus der Opferperspektive. Der Drahtzieher dieser Explosion, die die vietnamesische Bevölkerung gegen die Kommunisten aufbringen soll, ist die Titelfigur: der von Brendan Fraser gespielte stille Amerikaner. Am Ende wird er von Vietnamesen in einem Hinterhof exekutiert.

Die Aufführung des Films, der vor dem 11. September 2001 fertig war, wurde wegen seiner amerikakritischen Haltung lange aufgeschoben; Anfang dieses Jahres wurde er in den Vereinigten Staaten nur mit wenigen Kopien in die Kinos gebracht.

»Ja, wir muten den amerikanischen Zuschauern viel zu«, räumt Noyce ein. »Am Ende sollen sie sagen: Unser Mann verdient es zu sterben. Doch andererseits: Wer hätte gedacht, dass Graham Greenes Porträt Amerikas bis zum heutigen Tag und darüber hinaus Bestand haben würde? Der stille Amerikaner erhebt immer wieder sein hässliches Haupt, um zu töten - überaus freundlich und stets mit den besten Absichten. Wir sehen ihn jeden Abend im Fernsehen.«

Kein Zweifel: Phillip Noyce ist kein stiller Australier. LARS-OLAV BEIER

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