Kampf der Systeme - DER SPIEGEL
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PHOTOGRAPHIE Kampf der Systeme

Ein weiterer Fortschritt auf dem Weg zum Idiotenfilm: Kleinbild-Filme sollen codiert werden - der Branche droht ein Wirrwarr wie bei Video.
• aus DER SPIEGEL 14/1983
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Wenn sich da nicht noch die Vernunft durchsetzt, bricht ein Chaos aus«, glaubt Canon-Sprecher Sakatto. »Wahrhaft abenteuerliche Verhältnisse« sieht auch Nikon-Repräsentant Lanny Cordon auf die Photobranche zukommen.

Was sich die Kamera-Industrie, vorab ihre japanischen Massenhersteller, seit S.238 Jahren wünscht: einen belebenden Schub fürs flaue Geschäft mit Kleinbildkameras, das macht sie jetzt nervös. Denn nun droht plötzlich bei dem seit Geburt der Leica praktisch unverändert gebliebenen Kleinbild eine Vielfalt von Systemen, die die gewohnte Norm - nahezu jeder Kleinbild-Film paßt in jede Kleinbild-Kamera - gefährden könnte.

Bei einem Branchen-Treff, zu dem letzte Woche die amerikanische »Photo Marketing Association« nach Las Vegas geladen hatte, wurde jetzt erstmals offenkundig, daß dem Photo-Handel ein Wirrwarr wie bei Video bevorstehen könnte.

Der Branchenriese Eastman Kodak, ohne den beim Film lange Zeit nichts lief, führte auf der Messe in Nevada eine Kleinbild-Patrone vor, die sich auf den ersten Blick nicht von üblichen Hülsen unterscheidet. Doch auf ihrem Etikett trägt die Blechtrommel alle Zeichen einer endgültigen Vollautomatisierung der Lichtbildnerei: ein Raster von zwölf elektronisch leitenden oder isolierten Feldern, das wie ein Flickenteppich aussieht, und einen Code aus verschiedenen dünnen Strichen (siehe Graphik).

Die codierten Patronen passen zwar in jede heute handelsübliche Kleinbild-Kamera. Aber sie haben erst einen Sinn, wenn der Photoapparat sie auch zu entschlüsseln und zu verwerten vermag: Kameras der nächsten Generation sollen sich - über wenigstens zwölf Kontaktfelder in der Rückwand - mit dieser Codierung auf der eingelegten Patrone in Verbindung setzen können: Dann wird - wichtigste Neuerung - nicht nur die Filmempfindlickkeit automatisch (statt wie bisher manuell) auf den Belichtungsmesser der Kamera übertragen. Auch der unterschiedliche Belichtungspielraum einzelner Filmarten (bei Dias ist er gering, bei Negativmaterial groß) könnte durch die Kamera-Elektronik von der codierten Patrone abgetastet und dem Photographen im Sucher vor Augen geführt werden.

Außerdem wäre die Kamera der Zukunft über den Code auf die exakte Länge des eingelegten Films programmiert und könnte ihn nach kompletter Belichtung vollautomatisch zurückspulen. Strichcodes auf der Patrone und dem äußersten Filmrand sowie diverse Lochmuster auf der Filmlasche sollen zudem Sortierung und Bearbeitung in den Großlabors künftig erleichtern.

»Wir erwarten«, trumpfte Kodak-General Cornelius J. Murphy in Las Vegas auf, »daß die Designer und Konstrukteure von Kleinbildkameras jetzt Produkte herausbringen, die auf diese Codes geeicht sind, denn das erleichtert das Photographieren und belebt das Geschäft.«

Klar: Der gelbe Riese aus Rochester möchte so schnell wie möglich das ganze künftige Kamera-Sortiment auf sein System festnageln; scheinbar selbstlos überläßt er die notwendige Technologie allen anderen Mitbewerbern am Markt S.239 ohne Lizenzen. Doch daß »die japanischen Kamera-Hersteller das Konzept mit Begeisterung aufgenommen« hätten, wie Kodak siegessicher verbreitet, scheint eher Wunschdenken zu sein.

Ausgerechnet Kodaks aggressivster Konkurrent, die Fuji Photo Film Company aus Tokio, ist in Las Vegas mit eigenem Code-System vorgeprescht: mit ähnlichen, aber anders angeordneten elektronischen Rasterflächen.

Nachteil bei Fuji: Bislang können die Patronen, anders als bei Kodak, lediglich die Filmempfindlichkeit einspeisen. Schlappe für Kodak: Fuji hat in Las Vegas schon eine Kamera, die »Fujica DL 100« vorgestellt, die Filmdaten zumindest bei den neuen Fuji-Filmen elektronisch abliest und auch den belichteten Film ruckzuck zurückspult.

Fraglich ist, ob technologisch eine Kompatibilität zwischen Kodak-, Fuji- und uncodierten Patronen überhaupt möglich sein würde. In jedem Falle, so ein Canon-Mann, »würde es ungeheure Summen kosten«. Schon jetzt aber liegen, vor allem in den japanischen Fabriken, Massen von Spiegelreflexkameras auf Halde.

Am liebsten hätten die Großen des Geschäfts den herkömmlichen Kleinbild-Film völlig verändert. Da die Perforation für den Filmtransport entbehrlich geworden ist, könnte die beidseitige Lochspur eigentlich entfallen. So ließe sich entweder das nutzbare Bildformat vergrößern oder - wenn das klassische Kleinbild-Format erhalten bliebe - eine stattliche Menge Material einsparen.

Doch so gern die Industrie ihre Kundschaft auch dazu verführt hätte, alle Kleinbild-Kameras zum alten Eisen zu werfen - eine so folgenschwere Umstellung glaubte sie in so lausigen Zeiten denn doch nicht durchsetzen zu können. Der Umsturz wurde abgeblasen, man begnügte sich mit Tüftelei am Detail.

Eben noch bei der Einführung der von Kodak entwickelten Disc-Kamera hatte die Branche klugen Zusammenhalt gezeigt: In Las Vegas kamen Dutzende der quicken Flachmänner neu auf den Markt, alle konstruktiv nach demselben Prinzip der genormten Scheibe.

Nun könnte ausgerechnet durch Retuschen am liebgewordenen Kleinbild-Film, durch ein paar Striche auf der Patrone und ein paar Löcher im Film die ohnehin angeschlagene Branche in Konfusion geraten. Von der ebenso traditionsreichen wie finanzstarken Marke Kodak erwartet niemand, daß sie nachgibt - aber vom Konkurrenten Fuji auch nicht.

Fuji fühlt sich stark: Im Wettlauf um den werbewirksamen Rang als olympischer Sponsor und Lieferant des olympischen Zelluloids hat der Tokioter Konzern seinen Erzrivalen Kodak geschlagen. Ausgerechnet bei den Spielen 1984 in Los Angeles, in Kodaks Stammland USA, können die Japaner also kräftig Reklame machen - für ihre Filme mit Strichen und Löchern.

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