THEATER Kampfcode Kampnagel
So ist das mit der schicken, schnellen neuen Ökonomie: Seit Börse, Boss-Anzüge und das Gerede von »Startup« und »Break-even« noch im hintersten deutschen Kaff superhip sind, lassen sich auch Theaterdirektoren gern »Manager« nennen - und wandeln sich mitunter so fix vom Branchenking zum Buhmann wie Thomas Haffa oder Jürgen Schrempp.
Tom Stromberg beispielsweise, gerade noch Kulturboss der Expo in Hannover und seit August Chef des Hamburger Schauspielhauses, trägt oft dreiteiligen teuren Zwirn, beherrscht die Kunst des überlegenen Dauerlächelns und hat häufig ein Handy am Ohr. Den Kultur-Investmentberatern von der »Süddeutschen« bis zur »Woche« galt er eben noch als schlauer, wendiger Theatermanager neuen Typs. Nun sieht sich der Mann als Blender und Pleitier geoutet: Der »falsche Intendant« sei er, mutmaßt die »SZ«, weil er sein »Haus führerlos vor sich hindümpeln« lasse; Stromberg, 40, so die »Woche«, habe sein Theater in Rekordzeit »leergespielt«.
Was war passiert? Stromberg hatte zu Saisonbeginn in Hamburg einen Fehlstart hingelegt, über den die Kritiker ebenso maulten wie das Publikum (SPIEGEL 46/00). Diverse Vorstellungen waren spärlichst besucht, Konzepte nicht zu erkennen.
Mittlerweile sorgten von Stromberg angeheuerte Regisseure zwar mit einem »Struwwwelpeter« und einer Tschechow-»Möwe« für bessere Kritiken und mehr Zuschauer, doch das Vertrauen der Kulturbörsianer hatte sich der Intendant offenbar schon verspielt: Als vorvergangene Woche der langjährige Schauspielhaus-Finanzchef Peter F. Raddatz bekannt gab, er habe zum Saisonende gekündigt und in der Lokalpresse durchblicken ließ, mit Strombergs Programm stehe womöglich ein Kassendesaster bevor, forderten die ersten Feuilleton-Marktwächter den Kopf des Theaterchefs.
Die Rübe-ab-Polemik aber hat weniger mit der Kassenlage zu tun als mit den künstlerischen Vorstellungen Strombergs - und das macht den Fall so staunenswert: Der Mann hat nie verhehlt, was er vorhat.
Im größten Sprechtheater der Republik hat er die Zahl der Sitzplätze von rund 1300 auf etwa 900 verringert, weil die Zuschauer so besser sehen könnten und weil er das Haus für überdimensioniert hält. Statt auf etablierte Regisseure wollte er auf ein paar junge No Names setzen, das Ensemble schrumpfen lassen - und ansonsten tun, was er an seiner wichtigsten bisherigen Wirkungsstätte, dem Frankfurter TAT (Theater am Turm), auch getan hatte: so genannte Avantgarde-Künstler zu Tanz-, Musik- und Crossover-Happenings einladen.
Aberwitzig also ist nicht das, was Stromberg nun auf den Haupt- und Nebenbühnen des Theaters zeigt, aberwitzig war seine Berufung durch die Hamburger Kultursenatorin Christina Weiss, 47. Bis zum vergangenen Sommer nämlich war die Bühnenwelt der Stadt geradezu vorbildlich geordnet: Das Schauspielhaus zeigte unter Frank Baumbauer aufs große Publikum zielende Theaterkunst für eher fortschrittlich Gesinnte. Im Thalia Theater versorgte Jürgen Flimm die auf gediegenere Unterhaltung versessenen Bildungsbürger mit bisweilen leicht muffiger Kulinarik. Und in der ehemaligen Kampnagelfabrik fand das statt, was Stromberg einst ins Frankfurter TAT engagiert hatte: Tanz, Performance und sonst irgendwie forcierte Theaterkleinkunst.
In den sieben Baumbauer-Jahren hatten fast alle Feuilletons das Schauspielhaus als das aufregendste Theater Deutschlands gefeiert. Warum guckte sich die Senatorin Weiss gerade Stromberg zum Boss dieser Bühne aus? Der neue Mann jedenfalls versprach genau das, was seine Feinde nun mit dem Kampfslogan »Das Schauspielhaus wird zur Kampnagel-Filiale« bejammern: Er schenkte der Stadt ein Kampnagel zwo.
Schon weil sich weder in Hamburg noch sonstwo nennenswerter Widerstand regte, als er auf seinen neuen Posten gehoben wurde, tut Stromberg recht daran, nun trotzig auszuharren. Zur eigenen Entlastung wollte er einen großen Einkaufscoup in der Welt der allseits anerkannten Bühnen-Großkünstler landen: Peter Zadek sollte mit einer Marlowe-Arbeit in Hamburg für Furore sorgen. Leider hat der Meister abgesagt.
Strombergs Aktien bleiben also erst mal im Keller. Aber wie heißt das Mantra der New Economy: Wenn der Kurs am Boden ist, gibt''s nur eines - eisern abwarten!
* »The Show must go on!« von Jérôme Bel.