Kaputter Held
Jolly Boy, sagt sein Vater, »war verrückt -- er hätte nicht studieren sollen«. Ilsemann, Jolly Boys Freundin, weiß es besser: »Er war kaputt.« Was diesen Händlerssohn unbestimmten Alters ("geboren im August dreiundvierzig, im Juni einundfünfzig oder im September neununddreißig") kaputtgemacht hat, teilt die in München lebende Angelika Mechtel, 27, in ihrem ersten Roman -- und meist im Präsens -- mit:
Jolly ist bei einer Demonstration geschnappt worden, und nach »zweimal drei Tagen Ordnungsstrafe in einer engen Zelle« glaubt der verwundbare Anti-Held, eine Art Jedermännchen der skeptischen Nachkriegsgeneration, nicht mehr daran, »daß mit Gewalt eine Änderung herbeigeführt werden kann«, weil »die Leute fähig sind, selbst eine Revolution noch genußvoll zu konsumieren«.
Er redet von »demonstrativem Selbstmord«, verliert absichtlich und symbolschwer am Spielautomaten ("Jolly Boy nutzt die Flipper nicht") und rettet sich aus der Realität seines eingeschränkten Daseins als Gelegenheits-Jobber und -Haschhändler In die Illusionen »kaputter Spiele«. Zusammen mit der Kommilitonin Ilsemann, die nicht ganz so kaputt ist, erfindet er Szenen wie »Welchen Tod kennst du?« oder »Wir haben Angst«.
Den Hang zum
demonstrativen Untergang beglaubigt Angelika Mechtel in naturalistischem Sekundenstil, heiklen Bildern ("bemalte Nacht") und überreichlichen Anleihen bei deprimierender Tagesaktualität -- von den »toten Studenten von Mexico City« über »das Massaker in My Lai« und brasilianische Indio-Ausrottung bis zum Bürgerbrauch, »auf dem Bildschirm Kriegs Leichen, napalmzerfressene Kinder und Frauen zu verfolgen und dazu Schokolade zu essen«.
Doch diese nicht ungeschickt assimilierten »Abziehbilder der Wirklichkeit« helfen ihr wenig, wenn es gilt, einen müden Romanhelden mit Anstand aus der Welt zu schaffen.
Jolly Boy, wieder einmal von der Polizei gejagt, verschanzt sich mit einem Lehrmädchen im 11. Stock eines halbfertigen Hauses und nimmt ein schon dutzendfach klischiertes Ende: Nach einem letzten Koitus stürzt er, »aus Versehen«, vom Balkon. Daß daraufhin Gefährtin Ilsemann 2000 Schmetterlinge aus einem Käfig ins Freie läßt, macht auch nichts mehr gut -- diese Geste hat die Autorin den Rolling Stones abgeguckt.