Keime angesaugt - DER SPIEGEL
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MEDIZIN Keime angesaugt

Eine empfängnisverhütende Spirale verursachte schwere Nebenwirkungen - einer der größten Pharmaskandale in den USA. *
• aus DER SPIEGEL 17/1985
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Spirale, »die alles, was man bisher über Empfängnisverhütung wußte, über den Haufen wirft«; ein »würdiger Nachfolger für die Antibabypille«; medizinisch gesehen, »das Mittel erster Wahl« - so lauteten die Slogans, mit denen ein knapp groschengroßes Plastik-Plättchen Anfang der siebziger Jahre in den USA angepriesen wurde. Die neue Kunststoff-Spirale, zur Empfängnisverhütung in die Gebärmutter eingelegt, wurde ein Bestseller. 88 000 Amerikanerinnen ließen sich in einem einzigen Monat Anfang 1972 das sogenannte »Dalkon Shield« verpassen.

Inzwischen ist das Plastik-Ding mit den zehn kleinen, seitlich abstehenden Widerhaken und einem dünnen Faden unten dran zu »einem der verrufensten Verbraucher-Produkte überhaupt geworden« ("New York Times") - Inbegriff für Leid, Schmerzen, jahrelange Beschwerden und schwerste medizinische Nebenwirkungen.

1974 hatte der Hersteller, die Firma A. H. Robins Co. in Richmond/Virginia, auf Drängen der amerikanischen Arzneimittelbehörde die Dalkon-Spirale vom Markt nehmen müssen. Aber erst jetzt zeigt sich, daß die bedenkenlose Vermarktung des Plastik-Ovals zu einem der größten Arzneimittelskandale geführt hat: *___Tausende von Frauen quälten sich jahrelang mit schweren ____Unterleibsinfektionen, viele der Betroffenen wurden ____unfruchtbar. *___Hunderte von Frauen wurden trotz Dalkon Shield ____schwanger; viele erlitten Fehlgeburten oder brachten ____mißgebildete Kinder zur Welt. *___Mindestens 18 Amerikanerinnen starben an den ____Nebenwirkungen des Dalkon Shield.

Alles in allem muß die Herstellerfirma die sensationelle Summe von umgerechnet fast drei Milliarden Mark aufbringen, um Schadenersatzansprüchen zu genügen. Rund 315 Millionen Dollar an Bußgeldern und Schadenersatz wurden schon gezahlt. Anfang dieses Monats beschloß Robins eine Rückstellung von weiteren 615 Millionen Dollar für noch ausstehende Ansprüche. Entschädigungszahlungen werden sich bis zum Jahre 2002 hinziehen.

Mehr als 12 000 Frauen haben den Hersteller verklagt, durchschnittlich zehn neue Klagen gehen täglich ein. 3700 Fälle von Regreßansprüchen wurden außergerichtlich geregelt. Mehr als die Hälfte der gerichtlich ausgetragenen Streitfälle wurden zugunsten der Patientinnen entschieden. In einem Fall lautete das Urteil auf 6,2 Millionen Dollar Bußgeld und 600 000 Dollar Schadenersatz für die betroffene Patientin.

Ingesamt zwei Millionen Amerikanerinnen hatten sich zwischen 1971 und 1974 die Dalkon-Spirale einsetzen lassen; im Ausland verkaufte der Hersteller eine weitere Million Stück. Und auch im Falle Dalkon Shield zeigt sich, wie bei vergleichbaren Arzneimittelskandalen in Europa oder Japan, daß die Hersteller lange Zeit wider besseres Wissen die Gefährlichkeit ihres Produkts heruntergespielt und es trotz zahlreicher Warnungen weitervertrieben haben.

Der massenhafte Verkauf der Dalkon Shields fiel in die Zeit, als die Skepsis gegenüber der Antibabypille zunahm und die sogenannten Intra-Uterin-Pessare (IUP, auch Spiralen genannt) in

Mode kamen. Inzwischen werden die IUP's, die mit hoher Sicherheit Schwangerschaften verhüten, sehr viel kritischer betrachtet (siehe Seite 233).

Erfinder des Dalkon-Kunststoffplättchens war Dr. Hugh J. Davis, Gynäkologie-Professor an der weltweit angesehenen Johns Hopkins University School of Medicine in Baltimore. Davis vermarktete das Produkt, dem er eine 98,9prozentige Sicherheit bei der Empfängnisverhütung zuschrieb, zunächst mit einer eigenen Firma, die er zusammen mit zwei Freunden gegründet hatte.

Nach wenigen Monaten wurde die Firma an das Familien-Unternehmen Robins veräußert, das sich bis dahin hauptsächlich mit Herstellung und Vertrieb von Hustensaft und anderen Allerweltsmitteln befaßt hatte. Als der Verkauf zustande kam, war noch keine einzige medizinische Studie zur Frage der Verträglichkeit von Dalkon Shields unternommen worden.

Die ersten Klagen, übermittelt von Ärzten und Pharmavertretern, kamen schon nach wenigen Wochen. In den Werbebroschüren hatte es geheißen, das Einlegen der Dalkon Shields in die Gebärmutter sei »besonders leicht und schmerzfrei« zu bewerkstelligen.

Das Gegenteil war richtig. Ärzte und Frauen plagten sich schon beim Applizieren des Verhütungsmittels durch den engen Muttermund. Widerstrebend räumte die Firma schließlich ein, daß dabei schmerzstillende und krampflösende Medikamente nötig sein könnten, eventuell sogar eine »Parazervikalblockade«, eine wegen lebensgefährlicher Nebenwirkungen mittlerweile in Verruf geratene Anästhesie-Methode. Erst recht zur Tortur geriet die Entfernung der Spirale.

Hauptquelle schädlicher Nebenwirkungen war, wie sich bald zeigte, der am Plastik-Plättchen befestigte Faden, der in die Vagina hineinhängen und anzeigen soll, ob die Spirale noch an ihrem Platz ist.

Andere empfängnisverhütende Spiralen sind zu diesem Zweck mit einer einfädigen Plastikschnur ausgestattet. Beim Dalkon Shield hingegen war der Faden aus Hunderten von Einzelfasern gedrillt und mit einer schützenden Nylonhülle umgeben. Der gezwirnte Faden hatte einen tückischen Effekt: Wie der Docht einer Kerze das flüssige Wachs ansaugt, so begünstigte der Dalkon-Shield-Faden das Aufsteigen von Bakterien aus dem feuchten Milieu der Vagina in den Uterus.

Auf diese Weise kam es zu äußerst schmerzhaften, hochfiebrigen Entzündungen von Eileitern und Gebärmutter oder auch der ganzen Bauchhöhle. Bei vielen Frauen führte das zur Sterilität oder machte gar die Entfernung von Eileitern und Gebärmutter erforderlich.

Die Firma wußte um die Probleme, beschränkte sich aber auf den (untauglichen) Vorschlag, zwei Knoten in den Faden zu machen, um das Aufsteigen der Bakterien zu bremsen. Der für die Qualitätskontrolle bei der Herstellung der Plastik-Plättchen zuständige Angestellte wurde auf seine Einwände hin schroff beschieden, die Formgebung falle nicht in seinen Verantwortungsbereich, er möge »sich da heraushalten«. Vertreter, die das geforderte Verkaufssoll nicht schafften, erhielten Droh-Telegramme, sie könnten sich gleich nach einem anderen Job umsehen - all diese Hintergründe präsentierte der amerikanische Wissenschaftsautor Morton Mintz jetzt in einer Serie der »Washington Post«.

Davis, der Erfinder der unseligen Dalkon-Spirale, warb jahrelang für sein Produkt und gab sich dabei als »unabhängiger Experte« aus. Er hielt Vorträge in Universitäten, sprach sich bei einem Senats-Hearing, das auch noch vom Fernsehen übertragen wurde, für die Spirale und gegen die Antibabypille aus. Von der Senatskommission befragt, ob er irgendein geschäftliches Interesse an den IUP's habe, verneinte Davis. Und stets behauptete er, das Dalkon Shield sei sicherer und übrigens auch »ebenso wirksam« wie die Pille.

Erst später in den Gerichtsverfahren stellte sich heraus, daß Davis für seinen Anteil an der verkauften Dalkon-Firma 240 000 Dollar kassiert hatte; insgesamt hatten ihm Lizenzen und Beteiligungen weit über 700 000 Dollar eingebracht.

Doch auch andere Mediziner, die sich jahrelang zugunsten des Dalkon Shield geäußert und seine medizinische Unbedenklichkeit bestätigt hatten, waren aus der Firmenkasse geschmiert worden. Das setzte sich noch fort bei den Regreßprozessen. So bezeugte Louis G. Keith, Gynäkologie-Professor an der Northwestern University, noch 1983 in einem Gerichtsverfahren, die Konstruktion des Dalkon Shield könne nicht zu der Sterilität der Klägerin Linda Harre geführt haben; dies hätten wissenschaftliche Studien unter seiner Leitung bewiesen.

Acht Monate später mußte Professor Keith, der von der Firma Robins insgesamt 277 000 Dollar Beraterhonorare erhalten hatte, zugeben, daß er mit den erwähnten Studien nicht befaßt gewesen war. Das Gericht in Tampa, Florida, bekundete sein »tiefes Befremden« über die Falschaussage, der Fall Harre wird neu verhandelt.

Als skandalös empfinden Beobachter auch, daß offenbar immer noch eine große Zahl von Amerikanerinnen mit den gefährlichen Dalkon Shields herumlaufen.

Erst im Oktober 1984, zehn Jahre nach der Rücknahme des Produkts vom Markt, startete Robins eine Anzeigen-Kampagne, mit der die Frauen aufgefordert wurden, sich die Spirale auf Kosten der Herstellerfirma wieder entfernen zu lassen. 4400 Amerikanerinnen sind seither diesem Aufruf gefolgt.

[Grafiktext]

Dalkon Shield Uterus Eierstock Vagina

[GrafiktextEnde]

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